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12.02.2016 | Nachrichten | Onlineartikel

Gespräch mit Prof. Holger Thiele, Universitäres Herzzentrum Lübeck

„Der Team-Gedanke steht ganz im Vordergrund“

Autor:
Jochen Aumiller

© H. ThieleMit einem Gründungssymposium hat sich Anfang Februar das Universitäre Herzzentrum Lübeck der fachlichen Öffentlichkeit vorgestellt. Zuvor war bereits die Schließung des Klinikums im Gespräch. Das konnte erfolgreich abgewendet werden. Wie Phönix aus der Asche ist nun in Lübeck sogar ein Universitäres Herzzentrum entstanden. Dazu ein Gespräch mit dem leitenden Kardiologen des Zentrums, Prof. Holger Thiele, über das Wohl und Wehe von Herzzentren heute.

Noch vor wenigen Jahren stand die Lübecker Universitätsmedizin auf der Kippe, der Plan der Politiker war, den Lübecker Campus aufzulösen und dafür den Campus Kiel der Universität Schleswig-Holstein zu stärken. Es ist anders gekommen, zumindest die Kardiofächer gehen aus diesem Existenzkampf gestärkt hervor, ein neues Herzzentrum wurde gegründet, auch Neubauten sind schon in Arbeit. Was ist da passiert?

Thiele: Dass der Campus Lübeck nicht geschlossen wurde, ist letztendlich auch ein Verdienst meines Vorgängers, Herrn Prof. Heribert Schunkert, und aller Universitäts-Mitarbeiter, die hier ordentlich demonstriert haben und so der Landes-, aber auch der Bundesregierung klar gemacht haben, dass der Standort Lübeck extrem wichtig ist für Ausbildung, Forschung und Krankenversorgung. Durch die Umwidmung des Geomar-Instituts für Meeresforschung in Kiel von einem Leibnitz- in ein Helmholtz-Institut und somit eine stärkere Zuweisung durch den Bund ist dann die finanzielle Sicherstellung der universitären Einrichtungen gelungen. Aber Sie können heute in Lübeck noch Autos mit Aufklebern sehen „Lübeck kämpft für seine Uni“, auch auf dem Campus flattern noch entsprechende Wimpel.

Das jetzt mit einem Gründungssymposium vorgestellte Universitäre Herzzentrum Lübeck hat bereits vor einem Jahr seinen Betrieb aufgenommen, und wenn man den Festreden Glauben schenken darf, läuft es auch wie gewünscht. Wie ist nun die Situation in Schleswig-Holstein zu sehen: Gibt es jetzt zwei universitäre Herzzentren, eines in Lübeck, das andere in Kiel?

Thiele: Verwaltungstechnisch ist das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein eine Einheit, wir liegen aber doch so weit auseinander, dass wir in der Patientenversorgung wenig bis keine Berührungspunkte haben. Bislang gibt es nur das Universitäre Herzzentrum in Lübeck, in Kiel sind entsprechende Überlegungen im Gange, eine Entscheidung steht jedoch noch aus.

Hat sich das Leistungsangebot Ihres Zentrums verändert?

Thiele: Ja, wir haben die Angebotspalette in der interventionellen Kardiologie stark ausgeweitet, und zwar zusammen mit der Herzchirurgie. Überhaupt steht der Team-Gedanke ganz im Vordergrund, das beginnt schon in der Ausbildung. Pointiert formuliert könnte man sagen, wir wollen, dass die Kardiologen auch zu kleinen Herzchirurgen und die Herzchirurgen zu kleinen Kardiologen werden, die gemeinsam die neuen Konzepte und Techniken sowohl in der interventionellen als auch chirurgischen Therapie meistern.

Gemeinsames Budget als Garant für den Erfolg

Das hört sich plausibel an, hängt aber vermutlich doch von den persönlichen Zielvorstellungen der jeweiligen „Chefs“ ab. Zu diesem Eindruck kommt man jedenfalls, wenn man die (immerhin 40-jährige) Geschichte der deutschen Herzzentren und jetzt der Herzteams Revue passieren lässt. Oder gibt es neue Anreize für die Zusammenarbeit?

Thiele: Ein ganz entscheidender Punkt ist das Budget, genauer: das gemeinsame Budget für Kardiologie und Herzchirurgie. So kommen alle Erträge in einen Topf, das fördert letztlich die Kooperation und budgetäre Überlegungen, auch wenn sie nur unterschwellig existieren mögen, trüben therapeutische Entscheidungen nicht mehr. So steht das Interesse des Patienten tatsächlich im Mittelpunkt, man entscheidet gemeinsam, was für ihn das Beste ist. Damit hat schon die Universität in Hamburg gute Erfahrungen gemacht, aber auch andere Herzzentren wie etwa in München und Leipzig ist die Einführung eines gemeinsamen Budgets ein Garant für eine gute Entwicklung der kardiovaskulären Medizin.

Inflation an Herzzentren

Jahrzehntelang hatte die überschaubare Zahl von Herzzentren in Deutschland auch Leuchtturm-Charakter. Davon kann heute eigentlich nicht mehr die Rede sein, in Ballungsräumen gibt es gleich mehrere Herzzentren, auch schon ambulante. In die moderne Kardiologie haben offenbar nicht nur neue Methoden, sondern auch das Marketing Einzug gehalten, eine Entwertung? Vielleicht sogar ein Etikettenschwindel?

Thiele: Da ist schon was dran. Der Begriff „Herzzentrum“ ist nicht geschützt. Bedenklich wird es im ambulanten Bereich, wenn teil-invasiv oder teil-herzchirurgisch gearbeitet wird, dann entspricht das ja nicht mehr den Herausforderungen, die den Zentren durch die Versorgung von Patienten häufig im Notfall, bei Dekompensationen oder in komplexen Situationen entstanden sind: Sie müssen alle interventionellen und herzchirurgischen Verfahren anbieten, möglichst rund um die Uhr.

Die Nordschiene des Deutschen Herz-Kreislauf-Zentrums

Die universitären Zentren befassen sich darüber hinaus auch mit der klinischen, im Lübecker Fall sogar mit der Grundlagenforschung. Mit Prof. Jeanette Erdmann haben Sie eine Spitzenforscherin im Fach Genomik zur Seite.

Thiele: Wir sind mit Kiel und Hamburg gewissermaßen die Nordschiene des Deutschen Herz-Kreislauf-Zentrums und damit auch der Forschung verpflichtet. Die Genomforschung hat für die kardiovaskulären Fächer große Bedeutung, wir erhoffen uns davon noch durchschlagende Fortschritte, die uns auch in der Prävention und im Verstehen der Krankheiten weiterbringen.

Frau Prof Erdmann bildet neben dem Herzchirurgen Prof. Hans-Hinrich Sievert und Ihnen die Führungsebene des Lübecker universitären Herzzentrums. Das hat natürlich Signalwirkung.

Thiele: Dieses Triumvirat arbeitet kollegial zusammen, wir versuchen auch ohne einen primus inter pares auszukommen.

Gemeinsame Ambulanzen?

Teamstrukturen sollten nicht nur im Konzeptpapier beschworen worden, sondern sich auch in der Praxis niederschlagen. Haben Sie in Lübeck gemeinsame Ambulanzen vorgesehen?

Thiele: Da sind wir dabei, wir wollen dies derzeit auch in der baulichen Gestaltung befördern, so wird z.B. die kardiologische Herzinsuffizienz-Ambulanz gleich neben der Kunstherzambulanz (VAD) liegen. Die besonders schweren Fälle können gleich dort vorgestellt und gemeinsam diskutiert werden. 

Das Interview führte Dr. Jochen Aumiller