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15.01.2015 | Nachrichten | Onlineartikel

Interview mit Professor Christian Hamm

„Wir wollen höchste Qualität bei der TAVI“

Autor:
Philipp Grätzel

Mit ihrem Positionspapier zur TAVI hat die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) im Herbst eine Diskussion ausgelöst. DGK-Vorsitzender Prof. Dr. Christian Hamm, Gießen, nimmt Stellung und erläutert das angestrebte Zertifizierungsprogramm für TAVI-Zentren.

Bisher gab es einen Konsens zwischen Kardiologen und Herzchirurgen, wonach Patienten mit niedrigem Risiko primär operiert werden, während bei höherem Risiko und Alter die TAVI zum Einsatz kommt. Gilt das noch?

Hamm: Das ist Stand der Leitlinien, und das gilt. Unser Positionspapier vom Herbst 2014 stellt das auch gar nicht in Frage. Man muss allerdings schon sagen, dass es in der Realität einen gewissen Trend hin zu einer Indikationserweiterung in Richtung mittleres Risiko gibt. Erste Daten deuten darauf hin, dass die TAVI auch dort dem Aortenklappenersatz (AKE) hinsichtlich der Sterblichkeit überlegen sein könnte. Das ist derzeit noch Konjunktiv, aber wir werden bald mehr wissen.

Welche Daten sind in diesem Jahr zur TAVI zur erwarten?

Hamm: Im Laufe des Jahres werden erste Ergebnisse der Studien PARTNER IIA und SURTAVI vorgestellt, die die TAVI bei Patienten mit mittlerem Risiko randomisiert mit dem AKE vergleichen. Wenn die TAVI hier überlegen sein sollte, müssen wir darüber nachdenken, ob wir unser Positionspapier anpassen. Von deutscher Seite werden wir voraussichtlich beim ACC 2015 im März eine Auswertung von AQUA-Daten vorstellen, bei denen der Therapieerfolg nach Risiko stratifiziert wird. Das wird sehr spannend.

Wie ist aktuell die Datenlage zu Patienten mit mittlerem Risiko?

Hamm: Das reicht noch nicht für eine Empfehlung, ganz klar. Aber: In der randomisierten CoreValve-Studie, die ursprünglich auf Patienten mit hohem Risiko zielte, lag der durchschnittliche EUROSCORE der Patienten zwischen 17 und 18. Das ist so etwa an der Grenze von hohem und mittlerem Risiko. Und in dieser Studie hatten die TAVI-Patienten einen Überlebensvorteil. Das gibt schon gewisse Hinweise. Die Daten zur TAVI in Deutschland für das Jahr 2014 liegen noch nicht vor. Aber ich erwarte, dass wir eine gewisse Verschiebung hin zu niedrigeren Risikoklassen sehen werden.

Können Sie die Kritik der Herzchirurgen an dem Positionspapier nachvollziehen?

Hamm: Ich kann es zum Teil verstehen. Aber wir haben die Herzchirurgen eingeladen, daran mitzuwirken. Das war nicht gewollt, und nur deshalb ist es ein reines DGK-Papier geworden. Trotzdem denke ich, dass sich die Herzchirurgen in praktisch allen Positionen wiederfinden müssten, wenn sie das Papier wohlwollend lesen. Echte Differenzen gibt es nur bei der Frage, ob eine Herzchirurgie am Standort sein muss. Und das betrifft wirklich nur einen kleinen Bruchteil der Patienten, weniger als 6 Prozent.

Die DGK wird in Mannheim ihr Zertifizierungsprogramm für TAVI-Zentren starten. Was sind die Eckpunkte?

Hamm: Wir wollen, dass die TAVI in Deutschland nach höchsten Qualitätsstandards durchgeführt wird. Und deswegen hängen wir die Hürden beim Zertifizierungsprogramm so hoch, dass einige Zentren Schwierigkeiten haben werden, sie zu erfüllen. Konkret verlangen wir mindestens zwei interventionelle Kardiologen, die jeweils pro Jahr mindestens 25 TAVIs durchführen müssen, außerdem mindestens zwei Herzchirurgen und mindestens zwei Anästhesisten mit TAVI-Erfahrung. Auch eine adäquate Bildgebung im Haus muss sichergestellt sein. Was die organisatorische Konstruktion angeht: Möglich ist eine Fachabteilung für Herzchirurgie im Haus oder eine im Detail vertraglich geregelte herzchirurgische Kooperation am Standort der TAVI-Prozedur. Auch für den Fall, dass Kardiologen als externe Operateure einen Patienten „mitbringen“, sind vertragliche Regelungen erforderlich, in denen Indikationsstellung und postprozedurales Management klar geregelt sind. Die Patienten sollten zum Beispiel nicht innerhalb von 48 Stunden zurückverlegt werden.

Das Interview führte Philipp Grätzel

Literatur

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