Nachrichten 29.03.2020

Neuer Therapiebaustein für die schwere Herzinsuffizienz

Das Therapiespektrum bei der Herzinsuffizienz wird um eine Substanz reicher. Der Guanylat-Stimulator Vericiguat hat sich in der VICTORIA-Studie bei Hochrisikopatienten als wirksam erwiesen.

Die Ergebnisse der VICTORIA-Studie sind ein „Sieg“ für das neue Wirkprinzip der Guanylatcyclase-Stimulation bei Herzinsuffizienz, lautet das Resümee der Experten im Anschluss an die virtuell übertragene Studienpräsentation im Rahmen des ACC-Kongresses.  

Vericiguat greift am Endothel an und sorgt letztlich dafür, dass Gefäße sich erweitern und im Myokard Versteifung, Fibrose und Remodelling reduziert werden.

Niedrige Number Needed to Treat

Nur 24 Patienten müssen knapp 11 Monate lang mit Vericiguat behandelt werden, um eines der beiden koprimären Endpunkte „kardiovaskulärer Tod und erste Hospitalisierung aufgrund der Herzschwäche“ zu verhindern, berichtete Studienleiter Prof. Paul W. Armstrong vom Canadian VIGOUR Centre in Edmonton bei der Late-Breaking-Clinical-Trial-Session. 

In der Doppelblindstudie wurde die Wirksamkeit von Vericiguat bei 5.050 Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz und reduzierter Ejektionsfraktion (NYHA II–IV, davon ca. 40% III–IV, EF < 45%, durchschnittliche EF: 29%) zusätzlich zu einer leitliniengerechten Therapie geprüft. 60% der Patienten erhielten ACE-Hemmer/AT1-Blocker, Betablocker und einen Aldosteron-Antagonisten, 15% zusätzlich einen ARNI, 32% der Patienten waren mit implantierbaren Schrittmachern und/oder Defibrillatoren versorgt.

Patienten mit akut verschlechterter Herzinsuffizienz

Zu den Einschlusskriterien gehörte, dass sich die Herzschwäche kürzlich verschlechtert hatte, d.h. der Patient war entweder hospitalisiert (84%) oder ambulant mit i.v.-Diuretika (16%) behandelt worden und wies erhöhte BNP- bzw. NT-proBNP-Werte auf. 

Absolute Risikoreduktion von 4,2%

Nach im Schnitt 10,8-monatiger Behandlungszeit hatten 897 (35,5%) der mit Vericiguat behandelten Patienten und 972 der Patienten aus der Kontrollgruppe (38,5%) ein Ereignis des primären Endpunkts erlitten (p=0,02). 

Dies übersetze sich in eine relative Risikoreduktion von 10% und einer klinisch relevanten absoluten Risikoreduktion von 4,2% pro Jahr, berichtete Armstrong. Das Ausmaß der erreichten Risikoreduktion entspreche in etwa den Ergebnissen, die mit Dapagliflozin in der DAPA-HF sowie mit dem Sacubitril/Valsartan in der PARADIGM-HF-Studie zu sehen waren, ordnete der Kardiologe die Resultate ein.

Die kardiovaskuläre Mortalität bei den Patienten ohne vorherige Hospitalisierung wurde von 8,9% auf 8,2% gesenkt, die Krankenhauseinweisungsrate von 29,6% auf 27,4%. Das jährliche Risiko für erste und weitere Hospitalisierungen wurde signifikant reduziert (38,3% vs. 42,3%, p=0,02).

Insgesamt starben während der knapp 11-monatigen Studienlaufzeit 20,3% der Patienten aus der Vericiguat- und 21,2% aus der Placebo-Gruppe, 16,4% bzw. 17,5% der Patienten aufgrund einer kardiovaskulären Ursache, beide Unterschiede waren nicht signifikant.

Die Wirksamkeit von Vericiguat zeigte sich über fast alle Subgruppen hinweg konsistent. Nur bei Patienten mit sehr hohen NT-proBNP-Werten deutete sich ein negatives Ergebnis in der Verumgruppe an, was weiter untersucht werde, so Armstrong.

Gute Verträglichkeit

Vericiguat wurde zunächst mit 2,5 mg/d dosiert und alle zwei Wochen über 5 mg/d auf 10 mg/d hochdosiert. Am Studienende nahmen etwa 90% der Patienten die Zieldosis ein. 

Patienten der Vericiguat-Gruppe hatten ein geringfügig erhöhtes Risiko für Hypotensionen (9,1% vs. 7,9%), Synkopen (4,0% vs. 3,5%) und Anämien (7,6% vs. 5,7%). Die nebenwirkungsbedingte Abbruchrate war nicht signifikant unterschiedlich (173 Patienten mit Vericiguat vs. 154 Patienten mit Placebo).

„Insgesamt war die Therapie mit Vericiguat sicher und wurde gut vertragen“, berichtete Armstrong. Da eine Überwachung der Elektrolyte und der Nierenfunktion nicht nötig ist, könnte die einfach einzunehmende orale Therapie eine nützliche Rolle im Management dieser Patienten werden, resümierte der Studienautor.

Spezifische Therapieoption für Patienten in fortgeschrittenem Stadium

Die Ergebnisse sind gute Nachrichten für Herzinsuffizienz-Patienten. Die klassische Herzinsuffizienz-Therapie ist jüngst erweitert worden um den Angiotensin-Rezeptor-Neprilysin-Inhibitor, Ivabradin, den SGLT2-Inhibitoren und nun Vericiguat, kommentierte Prof. Clyde Yancy von der Northwestern University Feinberg School of Medicine, Chicago, im Anschluss an die Präsentation.

Das Besondere an Vericiguat sei nicht nur der neue physiologische Ansatzpunkt, erläuterte der Kardiologe, es sei auch das erste Medikament, von dem speziell Patienten in einem fortgeschrittenen Stadium der Herzinsuffizienz, die eine sehr hohe Morbidität und Mortalität aufweisen, profitieren.


Literatur

Armstrong PW et al. Vericiguat in Patients with Heart Failure and Reduced Ejection Fraction. New England Journal of Medicine 2020, doi: 10.1056/NEJMoa1915928; vorgestellt am 28.03.2020 in der Sitzung „Late-Breaking Clinical Trials I“ beim digital präsentierten Kongress des American College of Cardiology (ACC) 2020 (ACC2020/WCC Virtual Experience)

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Bildnachweise
EuroPCR 2020/© ipopba / stock.adobe.com
Heart Failure 2020/© © ipopba / stock.adobe.com
Digitaler HRS-Kongress 2020/© [M] jamesteohart / Getty Images / iStock
DGK.Online 2020/© DGK
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement)/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
BNK-Webinar/© BNK | Kardiologie.org
Webinar Prof. Martin Möckel/© Springer Medizin Verlag GmbH