Nachrichten 23.03.2020

Herzkongress in schweren Zeiten: ACC-Jahrestagung präsentiert sich „virtuell“

Das Coronavirus hat auch die ACC-Jahrestagung 2020 radikal verändert: Statt als Teilnehmer vor Ort in Chicago sollen Kardiologen den Kongress nun live als „virtuelles Erlebnis“ (virtual experience) digital verfolgen können – die Präsentation vieler neuer Studien eingeschlossen.

„Keine Tagung ist wie die vorangegangene, und dieses Jahr ist keine Ausnahme” - als die Planer der Jahrestagung 2020 des American College of Cardiology (ACC) vor einiger Zeit diesen Satz nicht ohne Stolz verkündeten, dürfte niemand auch nur geahnt haben, welche besondere Bedeutung er durch die weltweite Ausbreitung des Coronavirus (SARS-CoV-2) noch erhalten würde.

Schon immer sei man bestrebt gewesen, den ACC-Kongress mit viel Kreativität und Innovationsfreude durch Implementierung neuer Technologien und Formate so interessant wie möglich zu gestalten, sollte die Botschaft lauten. Doch dieses Jahr wird die Kreativität der Tagungsplaner ungewollt vor gewaltige und nie gekannte Herausforderungen gestellt. Wegen der Corona-Krise fällt der ACC-Kongress, der 2020 mit dem Weltkongress für Kardiologie (WCC) vereint ist, in der gewohnten Form aus – und soll doch in anderer Form wie geplant vom 28. bis 30. März 2020 stattfinden. 

Die Kardiologie.org.-Redaktion hat es sich zur Aufgabe gemacht, Sie über alle wichtigen Inhalte des Kongresses wieder umfassend  zu informieren. Alle Beiträge finden Sie in diesem Dossier.

„ACC.20/WCC Virtual" soll Kongressinhalte vermitteln

Die Lösung lautet „ACC.20/WCC Virtual". Auf diesem Weg sollen alle interessierten Kardiologen einen freien Online-Zugang zu einem virtuellen Programm erhalten, das voraussichtlich 23 Tagungssitzungen umfassen wird. Eingeschlossen sind unter anderen die stets mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgten “Late-breaking Clinical Trials” (LBCT)- und „Featured Clinical Research”-Sitzungen, auf denen traditionsgemäß die neuesten Studienergebnisse der kardiologischen Forschung präsentiert werden.

Dabei soll der ursprüngliche Zeitplan für diese Sitzungen in der Zeit vom  28. Bis 30. März eingehalten werden. Alle ACC.20/WCC Virtual-Beiträge sollen darüber hinaus für die Dauer von 90 Tagen nach dem Ereignis verfügbar bleiben.

Erfolg mit Vericiguat bei Herzinsuffizienz

Gestartet wird am 28. März 2020 mit der ersten “Late-breaking Clinical Trials”-Sitzung, auf deren Programm drei klinische Studien stehen. Den Anfang macht die VICTORIA-Studie.

Der Ausgang dieser randomisierten multinationalen Phase III-Studie ist nach einer „Top-Line“-Ankündigung des Studiensponsors Bayer vom November 2019 im Grundsatz bereits bekannt. Danach hat sich der Guanylatcyclase-Stimulator Vericiguat additiv zu einer leitliniengerechten Standardtherapie bei Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz und verminderter kardialer Auswurfleistung (linksventrikuläre Ejektionsfraktion <45%)  als wirksam erwiesen.

Gemessen am primären kombinierten Endpunkt (Zeit bis zum ersten Eintreten der Ereignisse kardiovaskulärer Tod oder Krankenhauseinweisung wegen Herzinsuffizienz) war die Vericiguat-Therapie der Placebo-Behandlung klinisch überlegen. Beteiligt an der Studie waren 5.050 Patienten mit sich verschlechternder Herzinsuffizienz und verminderter kardialer Auswurfleistung (Heart Failure with redudes Ejection Fraction, HFrEF) nach einer Dekompensation (stationäre Behandlung wegen Herzinsuffizienz oder intravenöse Diuretika-Therapie ohne Hospitalisierung).

Was bringt Rivaroxaban bei Patienten mit PAVK?

Im Fokus der auf VICTORIA folgenden VOYAGER-PAD-Studie stehen Wirksamkeit und Sicherheit einer Therapie mit Rivaroxaban in niedriger Dosierung (2 × 2,5 mg) bei Patienten mit peripherer arterieller Verschlusskrankheit (PAVK). Bekanntlich hat sich dieses antithrombotische Therapieregime schon in der COMPASS-Studie bei einem gemischten Kollektiv aus KHK- und PAVK-Patienten als wirksam erwiesen.

In der PAVK-Subgruppe der COMPASS-Studie waren durch Rivaroxaban sowohl kardiovaskuläre Ereignisse als auch schwere Durchblutungsstörungen und damit verbundene Amputationen reduziert worden. Entsprechende Ereignisse, die als MALE (Major Adverse  Limb Events) kategorisiert wurden, umfassten schwere Gliedmaßen-Ischämien, die zu Interventionen (Angioplastie, Bypass-OP, Thrombolyse) oder zu Amputationen führten.

Die jetzt im Rahmen von „ACC.20/WCC Virtual“ präsentierte VOYAGER PAD-Studie knüpft an die COMPASS-Studie an. In VOYAGER PAD ist Rivaroxaban in der gleichen Dosierung (2 × 2,5 mg) in Kombination mit ASS 100 mg bei PAVK-Patienten gegen ASS 100 mg allein verglichen worden. Rund 6.500 PAVK-Patienten mit vorangegangener chirurgischer oder endovaskulärer Revaskularisation von peripheren Arterien waren an der Studie beteiligt. Wieder ist die Frage, ob Rivaroxaban das Risiko für kardiovaskuläre und PAVK-bezogene Ereignisse in relevantem Maß verringert.

TAILOR-PCI: Durch Gentypisierung zu optimalen antithrombotischen Therapie?

In der dann folgenden TAILOR-PCI-Studie geht es um die Frage, ob sich durch Gentypisierung die antithrombotische Therapie nach perkutaner Koronarintervention (PCI) verbessern lässt. Bekanntlich können genetische Variationen des Cytochrom-P450-Isoenzyms CYP2C19, welches Clopidogrel erst im Körper in seine aktive Form umwandelt, den Metabolismus und damit potenziell auch die Wirksamkeit dieses Plättchenhemmers beeinflussen. Bei Trägern sogenannter Loss-of-Function-Allele ist die Metabolisierung von Clopidogrel deutlich eingeschränkt („poor metabolizer“), was die klinische Wirksamkeit des Plättchenhemmer beeinträchtigen könnte.

Die US-Gesundheitsbehörde FDA hat schon vor einiger Zeit eine sogenannte  „Black Box”-Warnung ausgesprochen, die Ärzten dazu rät, „schlechte Metabolisierer“, die Clopidogrel erhalten, auf andere Thrombozytenhemmer umzustellen. Die dafür erforderliche  routinemäßige Genotypisierung bezüglich CYP2C19- Loss-of-Function-Allele von KHK-Patienten mit PCI wird allerdings in Leitlinien mangels Evidenz für einen klinischen Nutzen für die Praxis derzeit nicht empfohlen.

Diese Evidenzlücke wollen die Autoren der randomisierten TAILOR-PCI-Studie schließen. Im Studienarm mit konventioneller Strategie haben alle PCI-Patienten unter anderem Clopidogrel (75 mg einmal ohne Steuerung durch Gentypisierung) erhalten. Im Studienarm mit CYP2C19-Genotyp-basierter Therapie wurden dagegen alle Patienten mit nachgewiesenen CYP2C19- Loss-of-Function-Allelen  auf Ticagrelor umgestellt, während Patienten ohne entsprechenden Gentyp weiterhin  Clopidogrel erhielten. Die Erwartung ist, dass die Gentyp-basierte Strategie bezüglich der Reduktion ischämischer Ereignisse der konventionellen Therapie überlegen sein wird.

Antithrombotische Therapie nach TAVI

Am Sonntag, den 29. März folgt ein zweites Paket mit “Late-Breaking”-Studien. Im Blickpunkt steht dabei die Transkatheter-Aortenklappen-Implantation (TAVI).  Erwartet werden unter anderem die 2-Jahres-Ergebnisse der PARTNER-3-Studie zum Nutzen einer TAVI-Behandlung bei Patienten mit Aortenstenose und niedrigem Operationsrisiko.

Auf Interesse dürfte auch die POPular-TAVI-Studie stoßen, in der es um die Klärung von Fragen der antithrombotischen Therapie nach TAVI-Eingriffen ging. Die Studie, an der Patienten ohne (Kohorte A) oder mit indizierter oraler Antikoagulation (Kohorte B) beteiligt sind, soll Aufschluss darüber geben, ob eine anttithrombotische Monotherapie (ASS oder orale Antikoagulation allein) sicherer ist als eine duale Therapie (ASS oder orale Antikoagulation jeweils in Kombination mit Clopidogrel für drei Monate). Im Rahmen von „ACC.20/WCC Virtual" solle die Kohorte-B-Ergebnisse der POPular-TAVI-Studie vorgestellt werden.

Renale Denervation zur Blutdrucksenkung?

In einer weiteren LBCT-Sitzung werden von Professor Michael Böhm aus Homburg/Saar die primären Ergebnisse der SPYRAL HTN-OFF MED-Studie zur Sicherheit und Wirksamkeit der renalen Denervation in der Blutdrucksenkung präsentiert. Hier wird sich erweisen, ob sich ein erhöhter Blutdruck mit dieser kathetergeführten Methode signifikant stärker senken lässt als mit einer Scheinprozedur („sham“) – und zwar bei Patienten mit relativ moderater Hypertonie, die vorübergehend ohne jegliche antihypertensive Medikation waren. Bei ESC-Kongress 2017 hatte Böhm bereits erste positive Zwischenergebnisse der Studie präsentiert.

Außerdem stehen neue Studien zur Wirksamkeit von Nicht-Vitamin-K-abhängigen oralen Antikoagulanzien (NOAK) wie Apixaban und Rivaroxaban in der Therapie bzw. Prophylaxe venöser Thromboembolien bei Krebspatienten mit VTE bzw. mit orthopädischen Operationen auf dem Programm.