Nachrichten 30.03.2020

Musik lindert Beschwerden nach Herzinfarkt

In einem ungewöhnlichen Experiment entdeckten Forscher, dass schon 30 Minuten Musik hören pro Tag Angstzustände, Schmerzen und nachfolgende Herzprobleme bei Herzinfarktpatienten reduzieren können.

Patienten mit Postinfarktangina und Brustschmerzen hatten signifikant weniger Angstgefühle und Schmerzen, wenn sie eine halbe Stunde täglich Musik hörten. Darauf weist eine im Rahmen des ACC-Kongresses publizierte randomisierte Studie hin, in diesem Jahr aufgrund der Corona-Pandemie virtuell präsentiert.

Einfach und kostengünstig

Die Musiktherapie könnte in Kombination mit der medikamentösen Standardbehandlung eine einfache und kostengünstige Maßnahme für Patienten zu Hause sein, um ihre Symptome zu reduzieren und kardiovaskuläre Folgeereignisse zu verhindern.

Bisher gibt es nur wenige Studien, in denen der Effekt von Musik auf Herzerkrankungen untersucht wurde. 

„Basierend auf unseren Erkenntnissen glauben wir, dass Musiktherapie allen Patienten nach einem Herzinfarkt helfen kann, nicht nur denjenigen mit Angina pectoris“, sagte Prof. Predrag Mitrovic von der Universität Belgrad, Erstautor der Studie, in einer ACC-Pressemitteilung.

Optimale Musik anhand körperlicher Reaktionen gewählt

Die Forscher um Mitrovic teilten 350 Infarktpatienten, bei denen früh nach ihrem Infarkt Angina pectoris diagnostiziert wurde, randomisiert in zwei Gruppen. Die eine Hälfte erhielt die Standardtherapie, die andere Hälfte zusätzlich zu Standardbehandlung regelmäßige Sitzungen mit Musik. Bei den meisten Patienten beinhaltete die Standardtherapie Medikamente wie Nitrate, ASS, Gerinnungshemmer, Betablocker, Statine, Kalziumkanalblocker, Blutdrucksenker und den antianginösen Wirkstoff Ranolazin.

Randomisierte Studie über sieben Jahre

Bei den Patienten mit Musiktherapie wurde getestet, auf welche Art von Musik sie positiv reagierten. Sie hörten dafür neun 30-sekündige, beruhigende Musikproben, während die Forscher ihre Pupillenreaktion untersuchten. Anschließend bestimmten Forscher und Patienten gemeinsam das optimale Tempo und die richtige Tonalität der Musik. Diese sollten die Teilnehmer über sieben Jahre täglich eine halbe Stunde lang hören, am besten im Sitzen mit geschlossenen Augen. Sie protokollierten ihre Sitzungen und wurden im ersten Jahr alle drei Monate nachuntersucht.

Signifikant weniger Herzleiden bei Patienten mit Musiktherapie

Nach sieben Jahren zeigte sich, dass die Musiktherapie plus Standardbehandlung wirksamer Angstzustände und Schmerzen reduzieren konnte als die Standardtherapie allein.

Die Musikgruppe hatte im Schnitt um ein Drittel weniger Angstgefühle und berichtete über um ein Viertel weniger Angina pectoris Symptome als die Kontrollgruppe. Die Raten für Herzerkrankungen waren in der Musikgruppe signifikant verringert: Um 18% für Herzinsuffizienz, um 23% für einen weiteren Herzinfarkt, um 20% für koronare Bypassoperationen und um 16% für plötzlichen Herztod.

Eine mögliche Ursache könnte sein, dass die Musik dazu beiträgt, der Aktivität des sympathischen Nervensystems entgegenzuwirken, so Mitrovic. Dieses reagiere etwa bei Stress und könne das Herz-Kreislauf-System belasten, indem es Herzfrequenz und Blutdruck erhöhe. Diese Reaktion könne möglicherweise reduziert werden, indem Musik die Angstgefühle nach einem Herzinfarkt lindere. Mitrovic und seine Kollegen planen, die Daten weiter zu analysieren, um herauszufinden, ob die Musiktherapie Vorteile für bestimmte Patientengruppen bietet, wie zum Beispiel ältere Menschen oder Diabetespatienten.

Literatur

Mitrovic P et al. Vorgestellt bei der Tagung der Amerikanischen Fachgesellschaft für Kardiologie ACC und dem Weltkardiologenkongress ACC.20/WCC virtuell 2020.

ACC-Pressemitteilung: Music as Medicine? 30 Minutes a Day Shows Benefits After Heart Attack. 18.03.2020.

Neueste Kongressmeldungen

Auch TCT-Kongress im Oktober wird zum virtuellen Ereignis

Die Hoffnung, dass überhaupt noch einer der für 2020 geplanten großen Kardiologenkongresse in gewohnter Form stattfinden kann, schwindet: Auch der TCT-Kongress soll nun im Oktober als „virtuelles Ereignis“ rein digital präsentiert werden.

Schützt Kaffee vor Arrhythmien?

Ein moderater täglicher Kaffeekonsum hat einer britischen Studie zufolge keine nachteiligen Auswirkungen auf die Entwicklung von Herzrhythmusstörungen. Im Gegenteil, er scheint sogar eine leicht protektive Wirkung zu haben.

Weniger Komplikationen mit kabellosem Herzschrittmacher

Eine kabelloser Herzschrittmacher hat in puncto Sicherheit in einer großen Vergleichsstudie gut abgeschnitten: Die damit einhergehende Rate an  Komplikationen war nach sechs Monaten um mehr als 60% niedriger als nach Implantation transvenöser Schrittmachersysteme.

Neueste Kongresse

HRS-Kongress 2020 Science

Zwar musste auch die diesjährige Jahrestagung der Heart Rhythm Society in San Diego aufgrund der Corona-Pandemie kurzfristig abgesagt werden, aber für Ersatz wurde gesorgt: mit HRS 2020 Science – einer dreiteiligen Online- und On-Demand-Fortbildungsreihe. 

ACC-Kongress 2020

Das Coronavirus hat auch die ACC-Jahrestagung 2020 radikal verändert: Statt als Teilnehmer vor Ort in Chicago haben Kardiologen nun die Möglichkeit, den Kongress live als „virtuelles Erlebnis“ (virtual experience) digital zu verfolgen.

International Stroke Conference 2020

Die International Stroke Conference ist das weltweit führende Treffen, das sich der Wissenschaft und Behandlung von zerebrovaskulären Erkrankungen widmet. Ausgewählte Highlights finden Sie in diesem Dossier. 

Bildnachweise
Digitaler HRS-Kongress 2020/© [M] jamesteohart / Getty Images / iStock
Digitaler ACC-Kongress 2020/© Sergey Nivens / stock.adobe.com [M]
International Stroke Conference 2020, Los Angeles/© Beboy / Fotolia