Nachrichten 24.05.2021

Kann Alkohol Vorhofflimmern triggern?

Die Auswirkungen von wenig Alkohol auf das Herz sind umstritten, verlässliche Untersuchungen dazu schwierig durchzuführen. Eine neue Studie, in der erstmals Herzrhythmus und Alkoholkonsum objektiv gemessen wurden, zeigt: Schon ein Glas Wein kann Folgen für die Herzgesundheit haben.

„Unsere Patienten berichten schon lange, dass Alkohol ein Auslöser für Vorhofflimmern ist, aber es war sehr schwierig, das zu überprüfen, da dafür Alkoholkonsum und Herzrhythmus in Echtzeit überwacht werden müssen“, so Prof. Gregory Marcus von der Universität Kalifornien in San Francisco. In einer Studie, die bei der Jahrestagung des American College of Cardiology vorgestellt wurde, ist das jetzt dennoch gelungen. Auch wenn sie auf Personen mit paroxysmalem Vorhofflimmern begrenzt war, halten die Forscher um Marcus es für möglich, dass Alkohol bei vielen Menschen der Hauptauslöser für die erste Vorhofflimmern-Episode sein könnte.

Vorhofflimmern bei mehr als der Hälfte der Patienten

In die Studie von Marcus und Kollegen wurden 100 Patienten mit paroxysmalem Vorhofflimmern einbezogen. Sie waren median 64 Jahre alt und zu 80% männlich. Durch Krankenakten und Befragungen lagen Informationen zu Anamnese, Medikation und Lebensstil vor. Jeder Studienteilnehmer erhielt einen tragbaren Herzmonitor für die kontinuierliche Überwachung der Herzaktivität und einen um den Knöchel getragenen Sensor, um über die Haut messen zu können, wenn mehr als zwei Getränke konsumiert wurden.

Die Probanden sollten jedes Mal, wenn sie Alkohol tranken, einen Knopf auf dem Herzmonitor drücken. Wiederholte Finger-Bluttests dienten dazu, die Eigenangaben zum Alkoholkonsum zu überprüfen. Vergangene Messungen bei derselben Person dienten dabei als Referenz. Insgesamt hatte mehr als die Hälfte der Teilnehmer während der vierwöchigen Studie eine Vorhofflimmern-Episode.

Schon ein Glas Bier oder Wein verdoppelte das Risiko

Die Studie zeigte, dass schon ein Glas Bier, Wein oder anderes alkoholisches Getränk das Risiko dafür verdoppelte, dass innerhalb der folgenden vier Stunden eine Episode von Vorhofflimmern auftrat. Bei Personen, die zwei oder mehr Gläser hintereinander tranken, war das Risiko für Vorhofflimmern mehr als dreifach erhöht.

Mithilfe der Alkoholsensoren am Knöchel der Patienten stellte das Forscherteam fest, dass jeder Anstieg der Alkoholkonzentration im Blut um 0,1% in den vergangenen zwölf Stunden mit einem um etwa 40% erhöhten Risiko für eine Vorhofflimmern-Episode einherging. Die Messergebnisse der Sensoren zeigten zudem, dass sich anhand der Gesamtalkoholkonzentration auch Vorhersagen über die Wahrscheinlichkeit treffen ließen, mit der Vorhofflimmern auftreten würde – je mehr Alkohol, desto wahrscheinlicher war ein solches Ereignis.

Weitere Faktoren könnten Effekt beeinflussen

„Wir verstehen immer noch vieles nicht, was Alkohol mit dem Körper und dem Herzen macht. Weitere Faktoren wie Geschlecht, Genetik oder Umwelteinflüsse könnten die Wirkung von Alkohol auf das Herz beeinflussen und müssen untersucht werden“, gaben die Forscher um Marcus zu bedenken. Zudem werde Alkohol häufig mit salzhaltigen Lebensmitteln kombiniert, oder getrunken, weil Menschen sich gestresst fühlen, was auch eine Rolle spielen könnte.

Die Ergebnisse stehen im Widerspruch zu früheren Beobachtungsstudien, die über eine potenziell schützende Rolle von kleinen Mengen Alkohol für die Herzgesundheit berichten. Das beziehe sich laut Marcus und Kollegen auf koronare Herzerkrankungen und Myokardinfarkte. Die Datenlage sei jedenfalls insofern eindeutig, dass größere Mengen Alkohol das Risiko für Herzinfarkt und Tod erhöhen. Bei geringem Alkoholkonsum sei es nicht ausgeschlossen, dass Patienten, die ein niedriges Risiko für alkoholbedingtes Vorhofflimmern haben, auch von einer möglicherweise schützenden Wirkung profitieren könnten.

Literatur

Marcus G “Acute Alcohol Consumption and Discrete Atrial Fibrillation Events. The HOLIDAY (HOwALcoholInDucesAtrial TachYarrhythmias) Monitors Study”, ACC-Jahrestagung, 17. Mai 2021

Neueste Kongressmeldungen

Roboter senkt Strahlenbelastung bei PCI-Eingriffen deutlich

Interventionell tätige Kardiologinnen und Kardiologen sind ständig einer erhöhten Strahlenbelastung ausgesetzt. Deutlich verringern lässt sich die Exposition, wenn ein Roboter sie in der Durchführung von PCI-Prozeduren unterstützt.

Neue invasive HFpEF-Therapie besteht ersten Test

Bei HFpEF-Patienten kann eine Dekompensation auch durch eine Volumenverschiebung von extrathorakal nach thorakal ausgelöst werden. Ein Therapieansatz ist deshalb, dem ungünstigen Shift durch Modulation der Splanchnicus-Aktivität entgegenzuwirken. Erste Daten zu diesem Verfahren werden zwar als positiv bewertet, Kritik bleibt aber nicht aus.

Lungenfunktion bei COVID: Impedanz verhält sich anders als bei Herzinsuffizienz

Lungen bei COVID-Patienten können im Röntgen-Thorax aussehen wie Lungen bei Herzinsuffizienz. Die Lungenimpedanzmessung allerdings verhält sich unterschiedlich.

Neueste Kongresse

DGK-Jahrestagung 2022

„Neue Räume für kardiovaskuläre Gesundheit“ – so lautet das diesjährige Motto der 88. Jahrestagung. Alle Infos und Berichte im Kongressdossier.

ACC-Kongress 2022

Der diesjährige Kongress der American College of Cardiology findet wieder in Präsenz in Washington DC und gleichzeitig online statt. In diesem Dossier lesen Sie über die wichtigsten Studien und Themen vom Kongress.

AHA-Kongress 2021

Die wichtigsten Ergebnisse der beim amerikanischen Herzkongress AHA präsentierten  Studie lesen Sie in unserem Dossier. Bleiben Sie auf dem Laufenden.

Alkohol und Herz/© allexxandarx / stock.adobe.com
DGK Jahrestagung 2022/© m:con/Ben van Skyhawk
ACC-Kongress 2022 in Atlanta/© SeanPavonePhoto / Getty Images / iStock
AHA-Kongress 2020 virtuell