Nachrichten 08.05.2020

Statine könnten Darmflora verändern – und zwar positiv

Statine scheinen die Zusammensetzung der Darmbakterien bei adipösen Menschen positiv zu beeinflussen. Bestätigt sich das, könnte sich für die Cholesterinsenker ein neues Einsatzgebiet ergeben.

Gerät die Darmflora aus dem Gleichgewicht, kann sich dies durch Erkrankungen manifestieren. Dazu zählen etwa Adipositas, entzündliche Darmerkrankungen, Diabetes oder Depressionen, auch ein möglicher Zusammenhang mit Demenz wird erforscht.

Neueste in der Fachzeitschrift Nature publizierte Studiendaten weisen nun darauf hin, dass bei adipösen Menschen Statine möglicherweise das aus dem Gleichgewicht geratene Mikrobiom und die damit einhergehende Entzündungsreaktion regulieren können.

Mikrobiom von Adipösen ist aus dem Gleichgewicht

Die belgischen Forscher untersuchten für die Studie Darmbakterien von fast 900 Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern. Sie gruppierten die Teilnehmer nach ihrem Body-Mass-Index (BMI), da bereits bekannt ist, dass sich das Mikrobiom von schlanken und adipösen Personen unterscheidet: Bei Fettleibigen ist die Bakterienvielfalt  im Darm vermindert, es befinden sich weniger gesundheitsfördernde darunter und es finden mehr entzündliche Prozesse statt.

Das Forscherteam um Dr. Vieira-Silva von der katholischen Universität Leuven  entdeckte, dass ein bestimmtes, gering pathogenes Bakterium namens Bacteroides 2 (Bact2) nur bei 4% der schlanken und übergewichtigen Menschen, jedoch bei 18% der fettleibigen Personen, die keine Statine einnahmen, vorhanden war. Bei den adipösen, mit Statinen behandelten Teilnehmern war die Prävalenz von Bact2 signifikant niedriger als bei den unbehandelten, nur 6% trugen es in sich. In einer Folgeuntersuchung mit 2.000 Teilnehmern bestätigte sich dieser Trend.

Eine Ursache für den positiven Einfluss der Statine auf das Mikrobiom könnte sein, dass Statine neben ihrem cholesterinsenkenden Effekt auch systemische Entzündungsprozesse eindämmen, was sich auf die gestörte Darmflora der Patienten auswirken könnte.

Fördern Statine bestimmte Bakterien?

So zeigten bereits Studien an Nagetieren, dass Statine das Bakterienwachstum beeinflussen können, was daran gelegen haben könnte, dass die entzündungshemmende Wirkung den nicht-entzündlichen Bakterien zugutekam. Es sind jedoch weitere Studien am Menschen erforderlich, um zu untersuchen, ob der entzündungshemmende Effekt der Statine kausal dafür verantwortlich ist, dass Bact2-Bakterien reduziert werden, und dadurch das Mikrobiom wieder ins Gleichgewicht kommt.

Als Therapieansatz weiter erforschen

„Der potenzielle Nutzen von Statinen in diesem Zusammenhang muss in einer prospektiven klinischen Studie weiter untersucht werden, um festzustellen, ob der Effekt in einer randomisierten Population reproduzierbar ist“, fordern Vieira-Silva und Kollegen. Nur wenn dies der Fall sei, könnte die Anwendung von Statinen als Mikrobiom-modulierendes Medikament zukünftig in Betracht gezogen werden.

Literatur

Vieira-Silva S et al. Statin therapy is associated with lower prevalence of gut microbiota dysbiosis. Nature 2020. https://doi.org/10.1038/s41586-020-2269-x

Highlights

DGK-Kongress to go

DGK.Online 2020 – der Online-Kongress der DGK: Damit Sie auch in Zeiten eingeschränkter Versammlungs- und Reiseaktivitäten immer auf dem aktuellen Stand sind. Sehen Sie Vorträge zu aktuellen Themen von führenden Experten - wann und wo immer Sie wollen.  

Aktuelles zum Coronavirus

Die Ausbreitung des Coronavirus hat einschneidende Folgen auch für die Herzmedizin. Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit Covid-19 finden Sie in diesem Dossier.

Das könnte Sie auch interessieren

Sollte man sehr alte NSTEMI-Patienten invasiv behandeln?

Bei über 80-jährigen Patienten mit einem Nicht-ST-Hebungsinfarkt (NSTEMI) ist der Nutzen einer Revaskularisation bisher wenig erforscht. Eine randomisierte Studie sollte diese Evidenzlücke schließen. Das Ergebnis lässt allerdings Raum für Interpretation.

Welche Vorteile eine verlängerte VTE-Prophylaxe mit Rivaroxaban bietet

Eine verlängerte Prophylaxe mit Rivaroxaban senkt bei wegen internistischen Akuterkrankungen hospitalisierten Patienten signifikant das Risiko sowohl für venöse als auch arterielle thrombotische Ereignisse, ergab eine neue Analyse der MARINER-Studie. 

Schmerzen von Herzinfarkt-Patienten besser mit Paracetamol behandeln?

Patienten mit akutem Koronarsyndrom erhalten häufig Opioide gegen ihre Schmerzen. Doch diese Analgetika können mit der Antiplättchentherapie interagieren. Wissenschaftler haben nun die Eignung eines alternativen Schmerzmittels geprüft.  

Aus der Kardiothek

Was sehen Sie im Kardio-MRT?

Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement) mit Darstellung eines Kurzachsenschnitts im mittventrikulären Bereich. Was ist zu sehen?

BNK-Webinar "Von den Toten lernen für das Leben"

Alle verstorbenen COVID-19-Patienten werden in Hamburg obduziert und häufig auch im CT  betrachtet. Rechtsmediziner Prof. Klaus Püschel gewährt einen Einblick in seine Arbeit und erläutert die Todesursachen der Patienten – mit speziellem Fokus auf das Herz.

Kardiologische Implikationen und Komplikationen von COVID-19

Sind kardiovaskulär vorerkrankte Patienten besonders gefährdet, welchen Einfluss haben ACE-Hemmer und Angiotensin-II-Rezeptor-Blocker nun wirklich und was passiert mit dem Herz-Kreislaufsystem im Rahmen eines schweren COVID-19-Verlaufs? Dies und mehr beantwortet Prof. Martin Möckel, Internist, Kardiologe und Notfallmediziner von der Berliner Charité in diesem Webinar.

Bildnachweise
DGK.Online 2020/© DGK
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement)/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
BNK-Webinar/© BNK | Kardiologie.org
Webinar Prof. Martin Möckel/© Springer Medizin Verlag GmbH