Online-Artikel 08.07.2015

Aggressiv nach den Wechseljahren: Sind Statine schuld?

Mit ihren pleiotropen Effekten bleiben die Statine für Überraschungen gut. In einer randomisierten Studie war eine Statintherapie jetzt mit erhöhter Aggressivität assoziiert. Allerdings nur bei Frauen jenseits der Menopause. Friedliche junge Männer wurden dagegen noch friedlicher.

Wissenschaftler um die Internistin Dr. Beatrice Golomb von der University of California in San Diego haben 1.016 Erwachsene in einer doppelblinden, nach Geschlechtern stratifizierten Studie sechs Monate lang entweder mit Placebo oder mit 20 mg Simvastatin bzw. 40 mg Pravastatin behandelt. Primärer Endpunkt war die Veränderung des Aggressivitätslevels auf einer standardisierten psychiatrischen Skala, der OASMa-Skala.

Assoziation mit Testosteronspiegeln

Dabei zeigte sich, dass beide Statine bei Männern zu einer statistisch signifikanten Abnahme der Aggressivität führten. Dieser Effekt war ausgeprägter bei Simvastatin-Therapie, bei der die LDL-Spiegel allerdings auch signifikant stärker abgesenkt wurden. Und er trat besonders stark bei Männern unter 40 Jahren in Erscheinung, insbesondere dann, wenn diese bereits zu Studienbeginn eher geringe Aggressionsneigungen zeigten. Die aggressionslindernde Wirkung der Statine ging statistisch einher mit einer Abnahme der Testosteronspiegel. Umgekehrt neigten Männer, die nach Therapiebeginn über Schlafstörungen klagten, eher zu aggressivem Verhalten.

Bei Frauen sahen die Ergebnisse dagegen völlig anders aus. Hier korrelierte die Statintherapie mit einer Zunahme der Aggressivität. Dieser Effekt war bei postmenopausalen Frauen jenseits des 45. Lebensjahrs statistisch signifikant. Auch hier gab es, ähnlich wie bei den Männern, eine Korrelation mit niedrigeren Testosteronspiegeln, allerdings eine gegenläufige: Frauen, bei denen die Testosteronspiegel nach Beginn der Statintherapie sanken, wurden aggressiver. Und besonders anfällig waren jene Frauen, die zu Beginn nur geringe Aggressivitätslevels zeigten.

Klinische Konsequenzen?

Bleibt die Frage, welche klinischen Konsequenzen aus diesen Ergebnissen gezogen werden sollten. Die Autoren betonen, dass eine Zunahme von Aggressivität unter Statintherapie insgesamt eher eine Ausnahmeerscheinung sei. Sie komme aber vor, und auch in Tierversuchen seien niedrigere Cholesterinspiegel mit höherer Aggressivität assoziiert gewesen.

Konkret wird empfohlen, nach Beginn einer Statintherapie nicht nur Muskelschmerzen, sondern auch psychische Veränderungen abzufragen, um die wenigen Patienten, bei denen die Aggressivität unter Statintherapie ein Problem darstellt, nicht zu übersehen. Ganz generell sollte bei psychischen und kognitiven Veränderungen aller Art immer zuerst die Medikationsanamnese erhoben werden.

Literatur

Golomb B et al. Statin Effects on Aggression: Results from the UCSD Statin Study, a Randomized Control Trial. PLoS One. 2015;10(7):e0124451