Onlineartikel 04.11.2015

AHA-Kongress 2015: Hypertonie und Herzinsuffizienz im Fokus

Zu ihrer Jahrestagung lädt die American Heart Association (AHA) Kardiologen aus der ganzen Welt diesmal ins sonnige Florida ein. Vom 7. bis 11. November 2015 erwartet die Teilnehmer beim Kongress in Orlando unter anderem ein ganzes Paket neuer „Late-breaking“-Studien.

Ein dominierendes Kongressthema werden in diesem Jahr sicherlich die Ergebnisse der SPRINT-Studie sein. Als „Late-breaking clinical trial“ ist dieser Studie eine eigene anderthalbstündige Sitzung gewidmet.

Bereits am 11. September 2015 hat der Studiensponsor, die National Institutes of Health (NIH) in den USA, erste Informationen über den grundsätzlichen Ausgang der Studie in die Öffentlichkeit gebracht. Danach ist zu erwarten, dass die Ergebnisse für die künftige Ausrichtung der Bluthochdruck-Therapie von elementarer Bedeutung sein könnten.

Verändert SPRINT die Praxis?

Denn die Studie hat ergeben, dass eine ambitionierte antihypertensive Behandlungsstrategie, die eine Senkung des systolischen Blutdrucks auf einen Zielwert von < 120 mmHg verfolgte, klinisch wesentlich effektiver war als eine moderate Standardtherapie mit < 140 mmHg als therapeutische Zielvorgabe. Den NIH-Angaben zufolge konnte durch die intensivere Blutdrucksenkung die Mortalitätsrate um fast 25 Prozent und die Rate kardiovaskulärer Ereignisse um rund 30 Prozent im Vergleich zur konventionellen Strategie reduziert werden.

Informationen über die Höhe der Ereignisraten und deren absolute Reduktionen durch die aggressivere Strategie wird es erst beim AHA-Kongress geben. Davon wird abhängen, ob der inzwischen eingeschlagene Kurs einer großzügigeren Definition der Blutdruckzielwerte revidiert werden muss.

Neues zum Thema Herzinsuffizienz

Die erste „Late-breaking trial“-Sitzung des Kongresse steht ganz im Zeichen des Themas Herzinsuffizienz. Den Auftakt macht eine Studie, in der das therapeutische Potenzial des GLP-1-Agonisten Liraglutid bei Hochrisikopatienten mit Herzinsuffizienz und linksventrikulärer systolischen Dysfunktion ausgelotet werden sollte – und zwar unabhängig davon, ob ein Diabetes mellitus bestand oder nicht.

In der darauf folgenden NEAT-HF-Studie ging es um die Frage, ob Patienten mit Herzinsuffizienz und erhaltener Auswurffraktion bezüglich ihrer Alltagsaktivität von einer Behandlung mit Isosorbidmononitrat profitieren.

Im Fokus der Ende November 2013 gestarteten Phase II Studie „SOCATES REDUCED“ standen Sicherheit und Wirksamkeit des Wirkstoffs Vericiguat bei Patienten mit systolischer Herzinsuffizienz (Auswurffraktion < 45 Prozent). Wie das bei pulmonaler Hypertonie bereits therapeutisch genutzte Riociguat stimuliert Vericiguat die Aktivität des Enzyms lösliche Guanylatzyklase (sGC) und verstärkt so die Produktion des Signalmoleküls cyclisches Guanosinmonophosphat (cGMP). Von einer Verstärkung dieses Signalweges durch Vericiguat erhofft man sich günstige Effekte sowohl bei Patienten mit Herzinsuffizienz und erhaltener Auswurffraktion (derzeit geprüft in der Studie SOCRATES PRESERVED) als auch bei Herzinsuffizienz mit eingeschränkter linksventrikulärer Funktion (geprüft in SOCRATES REDUCED). Letztere Studie hat die Wirksamkeit anhand von Veränderungen des Biomarkers NT-proBNP nach 12 Wochen untersucht.

In der BEAT-HF-Studie ist erneut der klinische Nutzen einer drahtlosen Fernüberwachung von Patienten untersucht worden, die zuvor wegen Herzinsuffizienz stationär in Kliniken behandelt worden waren.

Kardiologen blicken auf EMPA-REG-OUTCOME-Studie

Die zweite „Late-Breaker“-Sitzung startet mit einer Studie, in der es um der Erfolg einer Raucherentwöhnung mit Vareniclin bei Rauchern ging, die wegen eines akuten Koronarsyndroms in Kliniken eingewiesen worden waren.

Die Autoren der nachfolgenden MI-GENES-Studie wollten die Frage beantworten, ob eine auf Genanalysen gestützte Aufklärung von Patienten über ihr koronares Risiko deren Verhalten verändern und letztlich zu niedrigeren LDL-Werten führen würde.

Zudem stehen die viel diskutierten Ergebnisse der bereits im September beim europäischen Diabetes-Kongress in Stockholm präsentierten und auch für Kardiologen wichtigen EMPA-REG-OUTCOME-Studie auf dem Programm. Im Verlauf von rund drei Jahren wurde in dieser Studie die Inzidenzrate für die Ereignisse kardiovaskulär bedingter Tod, Myokardinfarkt und Schlaganfall (primärer kombinierter Endpunkt) durch eine Therapie mit dem SGLT2-Hemmer Empagliflozin signifikant um 14 Prozent im Vergleich zu Placebo reduziert. Ausschlaggebend dafür war eine signifikante relative Reduktion der kardiovaskulären Mortalität um 38 Prozent, die sich auch in einer signifikanten relativen Abnahme der Gesamtsterberate um 32 Prozent niederschlug. Auch die Zahl der wegen Herzinsuffizienz veranlassten Klinikeinweisungen wurde durch Empagliflozin um 35 Prozent verringert. An der Studie waren 7020 Patienten mit Typ-2-Diabetes beteiligt, von denen nahezu alle bereits eine manifeste kardiovaskuläre Erkrankung aufwiesen.

Neue Langzeitdaten zu Ticagrelor

Abgesehen von der bereits im Oktober beim TCT-Kongress vorgestellten RIVER-PCI-Studie, in der eine Behandlung mit Ranolazin bei Patienten mit inkompletter Revaskulariation nach Koronarintervention (PCI) nicht die erhoffte Wirkung zeigte, stehen in den „Late-Breaker“-Sitzungen des diesjährigen AHA-Kongresses keine weiteren neuen großen Studien zum klinischen Outcome auf der Tagesordnung.

Erwartet werden allerdings neue Langzeitdaten zur Verträglichkeit des Plättchenhemmers Ticagrelor in der PEGASUS-TIMI-54 Studie. In dieser im März 2015 erstmals vorgestellten Studie reduziert bekanntlich eine Langzeitprophylaxe mit Ticagrelor bei KHK-Patienten mit schon länger zurückliegendem Herzinfarkt signifikant die Inzidenz kardiovaskulärer Ereignisse. Dieser Benefit ging aber auf Kosten einer Zunahme von Blutungen.

Angekündigt sind zudem neue Daten aus der großen DAPT-Studie, in der es um die optimale Dauer der dualen Plättchenhemmung nach perkutaner Koronarintervention (PCI) ging.