Nachrichten 18.11.2019

Colchicin reduziert ischämische Komplikationen nach Herzinfarkt

Kein Durchbruch, aber ein weiterer Baustein zur Untermauerung der Hypothese, dass Inflammation ein therapeutisches Ziel bei KHK ist: In der COLCOT-Studie reduzierte Colchicin in der Sekundärprävention nach Herzinfarkt signifikant das Risiko für ischämische Komplikationen.

Entzündungsprozesse in den Gefäßwänden spielen eine wichtige Rolle in der Pathogenese der Atherosklerose. Doch die Suche nach einem therapeutischen Ansatzpunkt war lange Zeit erfolglos geblieben.

Vor zwei Jahren zeigte der spezifische Interleukin-1ß-Antikörper Canakinumab in der CANTOS-Studie einen moderaten, aber signifikanten Effekt auf den Entzündungsmarker CRP sowie auf klinische Komplikationen bei Postinfarkt-Patienten. Reduziert wurde primär das Risiko für nicht-tödliche Herzinfarkte, allerdings zum Preis von einigen tödlichen Infektionen. Niedrig dosiertem Methotrexat blieb hingegen in der CIRT-Studie der Erfolg verwehrt. Diese Therapie hatte weder die  CRP-Werten noch klinische Ereignissen signifikant reduzieren können.

Colchicin bei Gicht, Perikarditis und KHK?

Das Herbstzeitlosen-Alkaloid und Gicht-Therapeutikum Colchicin hatte sich vor einigen Jahren in der Therapie der Perikarditis bewährt. Auch bei stabiler KHK deutete der Mitosehemmstoff in der LoDoCo-Studie therapeutisches Potential im Sinne einer Risikosenkung für kardiovaskuläre Komplikationen an. Doch diese Studie war relativ klein (532 Teilnehmer) und nicht Placebo-kontrolliert.

COLCOT-Studie mit 4745 Infarktpatienten

Beim Kongress der American Heart Association (AHA) 2019 wurden nun die  zeitgleich im „New England Journal of Medicine“ publizierten Ergebnisse der COLCOT-Studie präsentiert. Die Autoren um Prof. Jean-Claude Tardif vom Montreal Heart Institute hatten die Wirksamkeit von Colchicin (0,5 mg/d) in einer Placebo-kontrollierten Doppelblindstudie bei 4745 KHK-Patienten untersucht, wobei die Behandlung zusätzlich zur üblichen Standardtherapie innerhalb der ersten 30 Tage (median 13,5 Tage) nach einem Herzinfarkt begonnen wurde. 93% der Patienten hatten eine perkutane Koronarintervention (PCI) erhalten, 98% bzw. 99% der Patienten nahmen zwei Thrombozytenhemmer und Statine ein.

Ischämische Ereignisse um 23 bis 34% reduziert

Primärer Endpunkt war die Kombination aus Tod kardiovaskulärer Ursache, Wiederbelebung nach  Herzstillstand, Herzinfarkt, Schlaganfall und Angina pectoris, die eine Revaskularisation erforderte. Nach median 22,6 Monaten hatten 131 Patienten der Colchicin-Gruppe (5,5%) eine dieser Komplikationen erlitten, sowie 170 Patienten (7,1%) in der Kontrollgruppe (Hazard Ratio [HR] 0,77, 95% Konfidenzintervall [KI]. 0,61-0,96, p=0,02).

„Bei Postinfarktpatienten reduzierte Colchicin das relative Risiko für eine erste kardiovaskuläre Komplikation um 23%, bei Betrachtung auch der Folge-Komplikationen betrug die Risikoreduktion sogar 34%“, berichtete Tardif.

Deutliche Unterschiede zeigten sich vor allem bei den Endpunkten Angina pectoris mit Revaskularisation (25 vs. 50 Patienten, HR: 0,5; KI 0,31-0,81) und Schlaganfall (5 vs. 19 Patienten, HR 0,26, KI 0,10-0,70).

Patienten der Colchicin-Gruppe gaben häufiger gastrointestinale Nebenwirkungen wie Nausea (1,8% vs. 1,0%) an. Sie hatten zudem ein leicht erhöhtes Risiko für Pneumonien (0,9% vs. 0,4%), nicht jedoch für tödliche Infektionen.

Guter Schutz vor dem Schlaganfall?

In einem begleitenden Editorial verweist Dr. Kristin Newby vom Duke Clinical Research Institute in Durham auf die Drop-out-Rate von 19% in beiden Gruppen sowie auf die „lost-to-follow up“-Rate von 2,5% der Patienten. Dadurch seien die berichteten Effekte mit einer gewissen Unsicherheit behaftet.

Für bemerkenswert hält Newby jedoch die deutliche Prävention von Schlaganfällen von Colchcin, die sich bereits in einer Metaanalyse von vier randomisierten Studien mit Colchicin angedeutet hatte. Dem sollte in der künftigen Forschung weiter nachgegangen werden.

Die Arbeitsgruppe von Tardif hat mit der COLCOT-T2D-Studie bereits eine weitere große Untersuchung aufgelegt. Dieses Mal wird die Wirksamkeit von Colchicin bei 10 000 Typ-2-Diabetikern ohne KHK untersucht. 

Literatur

Jahrestagung der American Heart Association, Philadelphia, 16.-18. November 2019;

Tardif J-C, et al; Efficacy and Safety of Low-Dose Colchicine after Myocardial Infarction; N Engl J Med 2019; doi: 10.1056/NEJMoa1912388;

Newby KL, Inflammation as a Treatment Target after Acute Myocardial Infarction; NEJM 2019, doi: 10.1056/NEJMe1914378

CANTOS-Trial, Ridker PM, et al.; N Engl J Med 2017; 377: 1119-31

Ridker PM, et al.; N Engl J Med 2019; 380: 752-62

Imazio M, et al.; NEJM 2013; 369:1522-1528

Nidorf SM, et al.; J Am Coll Cardiol 2013; 61: 404-10)

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