Nachrichten 12.11.2019

Hypertensive Störungen in der Schwangerschaft prädiktiv für künftige Herzerkrankungen

Hypertensive Schwangerschaftserkrankungen wie Gestationshypertonie und Präeklampsie sind mit einem erhöhten Risiko für ungünstige Gefäßveränderungen und künftige kardiovaskuläre Erkrankungen assoziiert, belegen Ergebnisse einer prospektiven Kohortenstudie.

In welcher Beziehung stehen hypertensive Schwangerschaftserkrankungen zur künftigen Entwicklung von kardiovaskulären Störungen und Erkrankungen? Dieser Frage sind US-Forscher um Dr. Michael C. Honigberg vom  Massachusetts General Hospital, Harvard Medical School in Boston, in einer umfangreichen Analyse von in der UK-Biobank gespeicherten Daten nachgegangen. Die zur Präsentation beim AHA-Kongress Mitte November in Philadelphia vorgesehenen Studienergebnisse sind schon im Vorfeld der Kardiologentagung im „Journal of the American College of Cardiology“ publiziert worden.

Basis der Analyse bildeten Daten von  220.024 Frauen im Alter zwischen 40 und 69 Jahren (mittleres Alter 57,4 Jahre), die in ihrem Leben mindestens ein Kind bekommen hatten. Darunter waren 2.808 Frauen (1,3%), bei denen es während der Schwangerschaft zu hypertensiven Störungen (Gestationshypertonie, Präeklampsie, Eklampsie oder HELLP-Syndrom) gekommen war. Die mediane Dauer der Nachbeobachtung betrug sieben Jahre.

Unterschied bei der arteriellen Gefäßsteifigkeit

Zum einen stellten die Untersucher fest, dass die arterielle Gefäßsteifigkeit, gemessen am per Finger-Photoplethysmografie ermittelten arteriellen Steifheitsindex (ASI) als Maß für Gefäßalterung, bei ehemals Schwangeren mit hypertensiven Störungen ausgeprägter war als bei Frauen ohne entsprechende Schangerschaftserkrankungen. Zum anderen zeigte sich, dass die Prävalenz einer chronischen Hypertonie bei Frauen mit  hypertensiven Störungen in der Schwangerschaft deutlich höher war. Honigberg und seine Kollegen sehen darin eine wesentliche - wenn auch nicht die alleinige  -  Erklärung für das insgesamt höhere kardiovaskuläre Langzeitrisiko der davon betroffenen Frauen.

Primärer Endpunkt war die kombinierte Inzidenz für diagnostizierte kardiovaskuläre Störungen und Erkrankungen wie KHK, Herzinsuffizienz, Aortenstenose, Mitralinsuffizienz, Vorhofflimmern/-flattern, PAVK, ischämischer Schlaganfall und venöse Thromboembolie. Mit 7,0 versus 5,3 Erkrankungen pro 1000 Frauenjahre war die entsprechende Gesamtinzidenz in der Gruppe mit hypertensiven Störungen signifikant höher als bei davon nicht betroffenen Frauen (p = 0,001).

Höheres Risiko für KHK, Herzinsuffizienz und Klappenerkrankungen

Aufgeschlüsselt nach Diagnosen zeigte sich, dass hypertensive Schwangerschaftsstörungen mit einer jeweils signifikant höheren Inzidenz von KHK (Hazard Ratio: 1,8; p < 0,001), von Herzinsuffizienz (HR: 1,7; p = 0,03), von Aortenstenose (HR: 2,9; p < 0,001) und von Mitralinsuffizienz (HR: 5,0;  p = 0,01) assoziiert war. Eine sogenannte „Causal Mediation“-Analyse der Studienautoren kommt zu dem Ergebnis, dass 64% der Assoziation von hypertensiven Schwangerschaftsstörungen mit Koronarerkrankungen  sowie 49% der Assoziation mit Herzinsuffizienz durch chronische Hypertonie vermittelt sind.

Weitere Forschungsanstrengungen seien nötig, um die der Assoziation zwischen hypertensiven Schwangerschaftserkrankungen  und späteren kardiovaskulären Erkrankungen zugrunde liegenden  Mechanismen genauer zu beleuchten und um optimale Screening-, Präventions- und Behandlungsstrategien zu entwickeln, so die Studienautoren abschließend.

Literatur

Honigberg M.C. et al.: Long-Term Cardiovascular Risk in Women With Hypertension During Pregnancy, J Am Coll Cardiol 2019. DOI: 10.1016/j.jacc.2019.09.052

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