Nachrichten 09.11.2020

AHA-Kongress 2020: Die neuesten Top-Studien der kardiologischen Forschung

Am Freitag, den 13. November 2020, startet der Herzkongress der American Heart Association (AHA) – wegen der Corona-Pandemie als digitales Ereignis. Die Kongress-Pipeline ist mit wichtigen neuen Studien („Late-Breaking Trials“) aus der kardiologischen Forschung gut gefüllt.

Den Anfang macht die GALACTIC-HF-Studie, eine der bislang größten Phase-III-Studien bei Patienten mit Herzinsuffizienz und reduzierter Auswurffraktion (HFrEF). Nach einer Top-Line-Ankündigung der Studiensponsoren ist der positive Studienausgang im Grundsatz bereits bekannt.

Danach konnte durch eine Behandlung mit dem Myosin-Aktivator Omecamtiv-Mecarbil die Rate für den primären kombinierten Wirksamkeitsendpunkt signifikant reduziert werden. Omecamtiv-Mecarbil verringerte die Zahl kardiovaskulärer Todesfällen und Herzinsuffizienz-Ereignisse (Hospitalisierungen und andere dringende Behandlungen wegen Herzinsuffizienz) relativ um 8% im Vergleich zu Placebo (Hazard Ratio: 0,92; 95% Konfidenzintervall: 0,86 - 099, p=0,0252).

Die kardiovaskuläre Mortalität als Komponente dieses kombinierten Endpunktes wurde allerdings nicht signifikant reduziert. Beim AHA-Kongress werden nun die kompletten GALACTIC-HF-Ergebnisse präsentiert.

Was bringt Eisensubstitution bei akuter Herzinsuffizienz?

In der auf GALACTIC-HF folgenden AFFIRM-AHF-Studie ist die klinische Wirksamkeit einer intravenös verabreichten Therapie mit Eisencarboxymaltose (Ferinject) bei 1.132 hospitalisierten Patienten mit akuter Herzinsuffizienz und Eisenmangel geprüft worden. Bezüglich des Ziels, eine Reduktion von Hospitalisierungen wegen Herzinsuffizienz sowie der kardiovaskulären Mortalität (primärer kombinierter Endpunkt) durch diese Therapie nachzuweisen, sei die statistische Signifikanz knapp verfehlt worden, hat der Studiensponsor jüngst in einer Top-Line-Meldung wissen lassen.

Der Studienablauf ist anscheinend durch die COVID-19-Pandemie beeinträchtigt gewesen. In einer Sensitivitätsanalyse, die den Einfluss dieser Pandemie berücksichtigt habe, sei beim primären Studienendpunkt ein signifikanter Unterschied zugunsten der Behandlung mit Eisencarboxymaltose zutage getreten, ist als weiteres Ergebnis in dieser Meldung schon verraten worden.

Schützen Vitamin D und „Fischöl“ gegen Vorhofflimmern

Im Anschluss an AFFIRM-AHF stehen die Ergebnisse der VITAL-Rhythm-Studie auf dem Programm. Dabei handelt es sich um eine Substudie der Mega-Studie VITAL (VITamin D and OmegA-3 TriaL), in der es um die Wirksamkeit einer Primärprävention mittels Substitution von Vitamin-D und Omega-3-Fettsäuren geht. In der Substudie sollte bei 1.054 der insgesamt knapp 26.000 Studienteilnehmer, die alle frei von kardiovaskulären Erkrankungen waren, untersucht werden, welche Wirkung die geprüften Präventionsstrategien speziell auf das Auftreten von Vorhofflimmern hatten.

Bereits beim AHA-Kongress 2018 vorgestellte Ergebnisse der VITAL-Studie waren in doppelter Hinsicht eine Enttäuschung. Weder konnte eine primärpräventive Wirkung der Supplementierung von Vitamin D3 (Cholecalciferol) auf invasive Krebserkrankungen sowie kardiovaskuläre Ereignisse nachgewiesen werden, noch gelang der Versuch, durch Supplementierung von Omega-3-Fettsäuren marinen Ursprungs („Fischöl“) kardiovaskulären Erkrankungen oder Krebserkrankungen wirksam vorzubeugen.

Neues zum Thema „Polypille"

Gleich zwei beim AHA-Kongress erwartete Analysen der internationalen POLYCAP (TIPS)-3-Studie beleuchten die mögliche primärpräventive Wirkung eines vier Wirkstoffe (Atenolol, Ramipril, HCT und Statin) in fixer Dosierung enthaltenden Kombinationspräparats („Polypille“) auf kardiovaskuläre Ereignisse. Dabei geht es unter anderem um die Frage, ob eine additive Therapie mit Acetylsalicylsäure (ASS) von Vorteil ist oder nicht. An der randomisierten Studie sind rund 5.700 Personen ohne kardiovaskuläre Erkrankungen beteiligt.

Gespannt darf man auf beim AHA-Kongress vorgestellt Ergebnisse der SCAPIS-Studie sein. Für dieses ambitionierte Projekt sind an schwedischen Unikliniken 30.154 Männer und Frauen im Alter zwischen 50 und 64 Jahren rekrutiert worden.

Ziel ist, unter anderem mithilfe moderner bildgebender Methoden mehr über Prävalenz und Entwicklung atherosklerotischer Erkrankungen im koronaren, zerebralen und peripheren Gefäßsystem in Erfahrungen zu bringen. Dadurch sollen Voraussetzungen dafür geschaffen werden, Risikopersonen künftig noch früher erkennen und noch gezielter behandeln zu können, um die kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität weiter zu reduzieren.

Neue Studien zur antithrombotischen Therapie

Kein Herzkongress ohne Studien zu Art und Dauer der Plättchenhemmung bei KHK-Patienten. So ging es in der randomisierten ALPHEUS-Studie um den Vergleich von Ticagrelor mit Clopidogrel bei stabilen KHK-Patienten mit elektiver perkutaner Koronarintervention (PCI). Bei rund 1.900 Studienteilnehmern sind beide Plättchenhemmer bezüglich des Auftretens von periprozeduralen Infarkten und myokardialen Schädigungen innerhalb von 48 Stunden geprüft worden.

In der RIVER-Studie ist bei rund 1.000 Patienten an Zentren in Brasilien untersucht worden, wie sich eine orale Antikoagulation mit Rivaroxaban oder dem Vitamin-K-Antagonisten Warfarin bei Patienten mit Mitralklappen-Bioprothesen und Vorhofflimmern/-flattern auf die Inzidenz klinischer Ereignisse und Blutungskomplikationen auswirkt.

Wie wirksam ist Fischöl in der Prävention?

Fischöl ist nicht gleich Fischöl, wenn es um die Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen durch Substitution von Omega-3-Fettsäuren geht. Nach dem Erfolg mit einem EPA-Ethylester-Präparat in der REDUCE-IT-Studie enttäuschte ein anderes Fischöl-Derivat in der vorzeitig gestoppten und jetzt beim AHA-Kongress präsentierten Megastudie STRENGTH. Schon im Januar 2020 hatte der Studiensponsor darüber kurz informiert.

In die placebokontrollierte STRENGTH-Studie waren in 22 Ländern insgesamt 13.086 kardiovaskuläre Risikopatienten mit gemischter Dyslipidämie, d.h. einer Kombination aus moderater Hypertriglyzeridämie und niedrigen HDL-Cholesterinwerten, aufgenommen worden. Gezeigt werden sollte, dass in diesem Kollektiv eine Prophylaxe mit dem Präparat Epanova, das sowohl Eicosapentaeinsäure (EPA) als auch Docosahexaensäure (DHE) enthält,  additiv zu Statinen die Inzidenz kardiovaskulärer Ereignisse im Vergleich zu einem Placebopräparat (Maisöl) reduzieren würde. Das war offenbar nicht der Fall.

Der Ausgang der ebenfalls zur Präsentation vorgesehenen OMEMI-Studie ist dagegen noch offen. In dieser randomisierten placebokontrollierten Studie wollten norwegische Forscher den Einfluss einer zweijährigen Substitution von Omega-3-Fettsäuren marinen Ursprungs auf kardiovaskuläre Ereignisse bei rund 1.400 älteren Patienten (70 - 82 Jahre) mit ST-Hebungs-Myokardinfarkt (STEMI) untersuchen. Auch in dieser Studie haben die Teilnehmer sowohl EPA als auch DHA enthaltende Fischöl-Kapseln oder Placebo-Kapseln erhalten.

Nebenwirkungen unter Statin-Behandlung im Fokus

Auf besonderes Interesse dürfte die SAMSON-Studie britischer Kardiologen stoßen. Hier geht es um die Frage, inwieweit sich unter Statinen von Patienten verspürte Nebenwirkungen verifizieren und auf die Statin-Behandlung oder andere Phänomen zurückführen lassen. Die Teilnehmer dieser dreiarmigen randomisierten Doppelblindstudie, die zuvor eine Statin-Therapie wegen Nebenwirkungen abgesetzt hatten, sollten dabei insgesamt zwölf jeweils einmonatige Behandlungsphasen durchlaufen, in denen sie entweder keine Tabletten oder aber ein Placebo-Präparat oder ein Statin erhielten (jeweils vier Perioden).

Screeningstrategien zur Detektion von  Vorhofflimmern

Mehrere Studien (SEARCH-AF, VITAL-AF, MSTOPS) haben sich mit neuen Möglichkeiten eines systematischen Screenings auf Vorhofflimmern beschäftigt. Im Fokus der SEARCH-AF-Studie standen speziell Patienten mit Herzoperationen, bei denen sich ein postoperatives Vorhofflimmern entwickelt haben könnte.

In der VITAL-AF-Studie haben US-Forscher getestet, ob ein routinemäßiges Screening bei älteren Patienten (65 Jahre oder älter), die in Einrichtungen der medizinischen Primärversorgung vorstellig werden, dafür geeignet ist, im Vergleich zur üblichen Versorgung (usual care) die Detektion von zuvor unerkanntem Vorhofflimmern zu verbessern. Das Screening erfolgte dabei mithilfe von tragbaren 1-Kanal-EKG-Monitoren. Die Studieninitiatoren gingen bei der Planung von jeweils 16.000 Patienten in beiden Studienarmen aus.

Unter den „Late-Breaker“-Studie ist auch die FIDELIO-Studie. Ihre Hauptergebnisse sind gerade erst bei der virtuellen Tagung der American Society of Nephrology (ASN) vorgestellt und simultan im „New England Journal of Medicine“ publiziert worden.

Gezeigt wurde, dass mit dem Wirkstoff Finerenon, einem nicht-steroidalen selektiven Mineralokortikoidrezeptor-Antagonist (MRA), bei Patienten mit Typ-2-Diabetes und fortgeschrittener chronischer Nierenerkrankung sowohl die Progression der diabetischen Nephropathie (primärer Endpunkt) als auch das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse (sekundärer Endpunkt) additiv zur Standardtherapie signifikant verringert werden konnte.

Erfolg bei rezidivierender Perikarditis

Dass auch die RHAPSODY-Studie, an der 61 Patienten mit rezidivierender Perikarditis beteiligt waren, erfolgreich verlief, ist schon seit einer im Juni 2020 veröffentlichen Pressemitteilung des Studiensponsors bekannt. Demnach konnte in der Doppelblind-Phase der Studie, in der die Patienten nach Zufallszuteilung entweder mit dem Wirkstoff Rilonacept oder Placebo behandelt und  gleichzeitig konventionelle Perikarditis-Therapien zurückgefahren und schließlich abgesetzt wurden (withdrawal period), das Risiko für Perikarditis-Rezidive durch Rilonacept relativ um 96% im Vergleich zu Placebo verringert werden (Hazard Ratio: 0,04, p<0,0001.

Geht Erfolgsgeschichte der SGLT2-Hemmer weiter?

Neues gibt es auch zur kardio- und renoprotektiven Wirkung von SGLT2-Hemmern. Im Fokus des AHA-Kongresse steht dabei Sotagliflozin. In der SOLOIST-WHF-Studie ist dessen Wirksamkeit bei Patienten mit Typ-2-Diabetes und dekompensierter Herzinsuffizienz untersucht wurden, in der SCORED-Studie die Wirksamkeit bei Patienten mit Typ-2-Diabetes und chronischen Nierenerkrankungen.

Wie in dieser Zeit nicht anders zu erwarten, wird sich eine Sitzung des AHA-Kongresses exklusiv mit neuen Studien befassen, in denen es um Zusammenhänge zwischen COVID-19-Infektionen und kardiovaskulären Erkrankungen geht.


Neueste Kongressmeldungen

Reanimation bei Herzstillstand: Frühe ECMO erhöht Überlebensrate

Durch frühe Einbindung der extrakorporalen Membranoxygenierung (ECMO) in die kardiopulmonale Reanimation bei Patienten mit Herzstillstand und refraktärem Kammerflimmern werden deren Überlebenschancen deutlich verbessert, legen Daten einer randomisierten Studie nahe.

Expertenstreit: Ist positive Fischöl-Studie in Wirklichkeit „falsch positiv“?

Die Supplementierung von Omega-3-Fettsäuren (“Fischöl”) hat als kardiovaskuläre Präventionsstrategie in Studien erneut enttäuscht. Daran hat sich eine Kontroverse über eine Ausnahme-Studie entzündet, der zufolge diese Strategie von hohem kardioprotektiven Nutzen ist.

Neuer Lipidsenker wirkt, wenn nichts mehr zu wirken scheint

Was tun, wenn das LDL-Cholesterin selbst unter PCSK9-Inhibitoren nicht den Zielwert erreicht? Ein neuer Lipidsenker könnte bei einer solchen refraktären Hypercholesterinämie womöglich die letzte Option sein.   

AHA-Kongress 2020

Ein virtueller Kongress ist mittlerweile schon fast nichts ungewöhnliches mehr. Von der diesjährigen Tagung der American Heart Association (AHA) gibt es aber trotz allem einiges ungewöhnliches und spannendes zu berichten. 

Neueste Kongresse

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DGK Jahrestagung und Herztage 2020

Alle Vorträge der DGK Jahrestagung und Herztage 2020 sind weiterhin on demand für DGK-Mitglieder kostenfrei zugänglich. Auch mit Ihrem Online-Ticket können Sie weiterhin auf alle Vorträge unbeschränkt zugreifen. 
Und wir haben für Sie die wichtigsten Studien und Neuigkeiten redaktionell zusammengefasst. 

TCT-Kongress 2020

Die weltgrößte Fortbildungsveranstaltung für interventionelle Kardiologie fand dieses Jahr virtuell vom 14.–18.10. 2020 statt. Ausgewählte Highlights finden Sie in diesem Kongressdossier. 

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AHA-Kongress 2020
AHA-Kongress 2020 virtuell
Jahrestagung und Herztage (virtuell)/© DGK
TCT 2020 virtuell