Nachrichten 18.11.2020

Wer hat eine schwere KHK? Einfach mal fragen.

Wie lassen sich Menschen mit schwerer, bisher nicht diagnostizierter und symptomloser KHK unkompliziert identifizieren? Schwedische Wissenschaftler haben ein ziemlich treffsicheres Screening-Modell entwickelt, allein durch einen Fragebogen.

Eine Atherosklerose der Koronargefäße im mittleren Alter ist relativ häufig, und solange sie keine Symptome verursacht bleibt sie oft auch unerkannt. Zumindest bei einer koronaren Herzerkrankung (KHK) mit ausgeprägtem Atherosklerose-Befund ist das suboptimal. Denn mit sekundärpräventiver Therapie könnten kardiale Ereignisse verhindert werden. 

Was also tun, wenn nicht jedem Mittvierziger eine Koronar-CT empfohlen werden soll?

Zig Fragen zur Anamnese 

Im Rahmen der schwedischen Studie Swedish CardioPulmonary BioImage Study (SCAPIS), die bei der virtuellen Jahrestagung der AHA vorgestellt wurde, ging es genau um diese Frage. Die Studie unter der Leitung von Prof. Dr. Göran Bergström von der Universität Göteborg hatte mehr als 30.000 Männer und Frauen zwischen 50 und 64 Jahren rekrutiert, bei denen es keine bekannten kardiovaskulären Ereignisse in der Anamnese gab. Ihnen wurden im Rahmen einer sehr umfangreichen Risikoanamnese rund einhundert Fragen zu Alter, Lebensstil, Medikation und medizinischer Historie gestellt. Auch risikoassoziierte Vitalparameter wie Gewicht, Größe, Blutdruck und Cholesterinwerte wurden erfasst bzw. gemessen.

Danach ging es in die Radiologie: Bei mehr als 25.000 der teilnehmenden Probanden wurde eine koronare CT-Angiografie durchgeführt. Das Ergebnis: Etwa 42% der Probandinnen und Probanden zeigten zumindest irgendeine Art atherosklerotischer Gefäßveränderungen. Bei jedem zwanzigsten Studienteilnehmer lag ein schwerer Befund vor, definiert als mindestens 50%ige Stenose in einem oder mehreren Herzkranzgefäßen.

Künstliche Intelligenz soll helfen

Überraschend war das eher nicht, aber das Hauptanliegen der SCAPIS-Studie ist ohnehin ein anderes: Es geht darum, mit Hilfe künstlicher Intelligenz aus dem erhobenen Wust an Daten ein Prädiktionsmodell zu entwickeln, das es erlaubt, die koronare CT-Angiografie gezielter bei Hochrisikopatienten einzusetzen. Ziel ist also ein Screening-Konzept, das nicht einfach jeden Menschen in einem gewissen Alter ins CT schickt.

Trainiert wurden die Algorithmen auf jene Studienprobanden, bei denen eine ausgedehnte Atherosklerose vorlag. Das betraf etwa 13% der Probanden mit Koronar-CT-Angiografie. Das Ganze macht natürlich nur dann Sinn, wenn die Prädiktion entweder besser oder weniger aufwändig ist als die klassische Risikoabschätzung mit Blutdruck, Alter und Laborwerten. 

Cholesterin und Blutdruck für Prädiktion gar nicht so wichtig wie gedacht

Das war dann auch eine der Überraschungen der SCAPIS-Studie: Klinische Messungen, konkret Blutdruck und Cholesterinwerte, seien für die Prädiktion der schweren Atherosklerose längst nicht so wichtig gewesen wie gedacht, so Bergström. Die Wissenschaftler haben zwei Prädiktionsmodelle entwickelt. Eines davon, „Home“ genannt, arbeitet ausschließlich mit per Fragebogen erhebbaren Informationen, das andere „Clinical“ genannt, nutzt auch Vitaldaten und Laborbefunde.

Modell erstaunlich treffsicher

Bisheriges Hauptergebnis der noch laufenden Modellierungen ist, dass das „Home“-Modell erstaunlich treffsicher ist. Jene 30% der Patienten, denen die Algorithmen im „Home“-Modell das höchste Risiko für eine ausgedehnte KHK gaben, machten zwei Drittel jener aus, bei denen dieser Befund auch tatsächlich vorlag. Insgesamt erreichte das „Home“-Modell eine Area-under-the-Curve von 0,8. Ein Wert von 1,0 wäre eine komplette Übereinstimmung, ein Wert von 0,5 eine Zufallsverteilung. 

Es gelinge also schon recht zuverlässig, Menschen zu identifizieren, die ein hohes Risiko für eine schwer Atherosklerose hätten, so Bergström, zuverlässiger jedenfalls als mit konventionellen Risiko-Scores. Allerdings müssen solche Prädiktionsmodelle gut validiert werden, auch an unabhängige Kohorten, bevor abschließende Aussagen möglich sind. Das steht jetzt an.

Literatur

Bergström G. Prevalence and prediction of subclinical coronary artery disease in the general population; vorgestellt bei der Late-Breaking Science-Session II, 13.11.2020, American Heart Association Scientific Sessions 2020

Neueste Kongressmeldungen

Finerenon beugt kardiovaskulären Ereignissen bei Nephropathie vor

Der Wirkstoff Finerenon verzögert bei Patienten mit Typ-2-Diabetes die Progression einer chronischen Nierenerkrankung, hat die FIDELIO-CKD-Studie ergeben. Seine ebenfalls gezeigten kardioprotektiven Effekte sind in einer Subanalyse nun genauer beleuchtet worden.

Kardiale Komplikationen bei COVID-19 „weniger als befürchtet“

Wie häufig kommt es bei COVID-19-Patienten zu kardiovaskulären Komplikationen? Die Zahlen in einem großen US-Registers sind überraschend niedrig, wenngleich die intrahospitale Mortalität ziemlich hoch ist.

Neuer Stent mit Heilungseigenschaften – mehr als nur gleich gut?

Eine weitere Stent-Innovation begibt sich ins Rennen um die Gunst der Kardiologen. Ein Sirolimus-beschichteter, degradierbarer und gefäßheilungsfördernder Stent war der Standard-DES-Therapie in der PIONEER III-Studie nicht unterlegen.

AHA-Kongress 2020

Ein virtueller Kongress ist mittlerweile schon fast nichts ungewöhnliches mehr. Von der diesjährigen Tagung der American Heart Association (AHA) gibt es aber trotz allem einiges ungewöhnliches und spannendes zu berichten. 

Neueste Kongresse

AHA-Kongress 2020

Ein virtueller Kongress ist mittlerweile schon fast nichts ungewöhnliches mehr. Von der diesjährigen Tagung der American Heart Association (AHA) gibt es aber trotz allem einiges Ungewöhnliches und Spannendes zu berichten. 

DGK Jahrestagung und Herztage 2020

Alle Vorträge der DGK Jahrestagung und Herztage 2020 sind weiterhin on demand für DGK-Mitglieder kostenfrei zugänglich. Auch mit Ihrem Online-Ticket können Sie weiterhin auf alle Vorträge unbeschränkt zugreifen. 
Und wir haben für Sie die wichtigsten Studien und Neuigkeiten redaktionell zusammengefasst. 

TCT-Kongress 2020

Die weltgrößte Fortbildungsveranstaltung für interventionelle Kardiologie fand dieses Jahr virtuell vom 14.–18.10. 2020 statt. Ausgewählte Highlights finden Sie in diesem Kongressdossier. 

Live-Quiz EKG – melden Sie sich jetzt kostenlos an

Wie gut kennen Sie sich mit dem EKG aus? Und was machen Sie, wenn Sie einen auffälligen Befund vor sich haben? Testen Sie Ihr Wissen in unserem interaktiven Live-Quiz EKG am Mittwoch, 09.12.2020, um 17:00 Uhr auf Kardiologie.org. 
Dr. Martin Neef vom Universitätsklinikum Leipzig stellt Ihnen verschiedene EKG-Befunde vor. Stimmen Sie live für die richtige Antwort ab oder stellen Sie Ihre Fragen im Chat – alles natürlich anonym. Melden Sie sich jetzt kostenlos an, die Plätze sind begrenzt!

Highlights

AHA-Kongress 2020 *virtuell*

Ein virtueller Kongress ist mittlerweile schon fast nichts ungewöhnliches mehr. Von der diesjährigen Tagung der American Heart Association (AHA) gibt es aber trotz allem einiges Ungewöhnliches und Spannendes zu berichten. 

Corona, COVID-19 & Co.

Die Ausbreitung des Coronavirus hat einschneidende Folgen auch für die Herzmedizin. Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Telemedizin in der Kardiologie – Status Quo und Perspektiven

Telemedizin bietet viele Vorteile für Ärzte und Patienten, gerade jetzt in Zeiten der Corona-Pandemie. Lesen Sie, was mit modernen Technologien in der Kardiologe heute alles möglich ist. 

Neue Herzinsuffizienz-Therapie: Entwickler Amgen steigt aus

Erst kürzlich wurden positive Phase-III-Daten zur Wirksamkeit von Omecamtiv Mecarbil bei Herzinsuffizienz veröffentlicht. Für den Projektpartner Amgen sind sie nicht positiv genug.

Mehr Herz-Kreislauf-Tote während Lockdown in Hessen

Der erste Lockdown hatte einen Anstieg der kardiovaskulären Sterblichkeit in Hessen zufolge. Die Studienautoren appellieren deshalb, auf nationaler Ebene Maßnahmen zu ergreifen, damit Menschen mit Beschwerden rechtzeitig Hilfe bekommen.

Aus der Kardiothek

Neue Vorhofflimmern-Leitlinie und ihre Implikationen für die Praxis

Erst kürzlich sind die ESC-Leitlinien zum Management von Vorhofflimmern aktualisiert worden. Prof. Christian Meyer vom Evangelisches Krankenhaus Düsseldorf gibt in diesem Webinar einen kurzen Überblick über die wichtigsten Aspekte.

Zepter und Krone – oder was sehen Sie auf dem Bild?

Kardiale Computertomographie, 3-dimensionale Rekonstruktion im „Metallfenster“. Was ist zu sehen?

Kardio-MRT bei 70-Jährigem – was hat der Patient?

Kardio-MRT bei 70-jährigem Patienten mit Darstellung einer kurzen Achse im mittventrikulären Bereich. Was ist zu sehen?

Bildnachweise
AHA-Kongress 2020
AHA-Kongress 2020 virtuell
Jahrestagung und Herztage (virtuell)/© DGK
TCT 2020 virtuell
EKG-Quiz/© [M] Syda Productions / stock.adobe.com
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Webinar Prof. Christian Meyer/© Springer Medizin Verlag GmbH
Kardiale Computertomographie/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Kardio-MRT (CMR, Late Gadolinium Enhancement PSIR)/© Mohamed Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen