Nachrichten 30.11.2020

Neuer Lipidsenker wirkt, wenn nichts mehr zu wirken scheint

Was tun, wenn das LDL-Cholesterin selbst unter PCSK9-Inhibitoren nicht den Zielwert erreicht? Ein neuer Lipidsenker könnte bei einer solchen refraktären Hypercholesterinämie womöglich die letzte Option sein.   

Ein neuer Lipidsenker hat sich bei einer sog. refraktären Hypercholesterinämie in einer Phase II-Studie als hochwirksam erwiesen, also bei Patienten, deren LDL-Cholesterin-Konzentrationen trotz Standardbehandlung – inkl. PCSK9-Inhibitoren – noch immer über den von den Leitlinien vorgegebenen Zielwert lagen.  

Evinacumab ist ein monoklonaler Antikörper, der spezifisch das Angiopoietin-like-Protein-3 (ANGPTL3) bindet und damit dessen Aktivität unterbindet. ANGPTL3 agiert wiederum als Inhibitor der Lipoproteinlipase und endothelialen Lipase und nimmt dadurch eine wichtige Funktion im Lipidstoffwechsel ein.

Wenn selbst PCSK9-Inhibitoren nicht ausreichen

In der beim AHA-Kongress präsentierten Phase II-Studie wurde die Wirksamkeit und Sicherheit des neuen Lipidsenkers bei Patienten mit einer primären Hypercholesterinämie (entweder genetisch bestätigte heterozygote familiäre Hypercholesterinämie oder bei Vorhandensein von atherosklerotischen Erkrankungen) überprüft. Zwei Darreichungsformen kamen zum Einsatz: subkutan und intravenös. Die LDL-C-Werte der insgesamt 266 Teilnehmer lagen über den Leitlinien-Zielwerten, trotz einer Statintherapie in maximal tolerierbarer Dosierung und obwohl sie eine mind. 8 Wochen andauernden Behandlung mit PCSK9-Inhibitoren erhalten haben. Im Schnitt lagen die LDL-C-Werte bei 150,0 mg/dl (in der s.c.-Regimegruppe) bzw. 144,5 mg/dl (in der i.v.-Gruppe).

Zusätzliche LDL-C-Senkung von über 50%

Nach 16-wöchiger Behandlung konnte der Lipidsenker sowohl in puncto Wirksamkeit als auch in puncto Sicherheit überzeugen. Als am wirksamsten habe sich die 450 mg-Dosis subkutan einmal pro Woche herausgestellt, berichtete Prof. Robert Rosenson von der Mount Sinai School of Medicine in New York beim Kongress. Im Vergleich zu Placebo sanken die LDL-Werte der damit behandelten Teilnehmer in dieser Zeit um –56,0% hochsignifikant (p˂0,0001). Mit 300 mg 1 × Woche wurde eine 52,9%ige relative Reduktion erreicht (p˂0,0001).

Bei den intravenösen Dosisregimen stellte sich eine Dosierung von 15 mg/kg Körpergewicht alle vier Wochen als am wirksamsten heraus (–50,5%; p˂0,0001).

Neben der LDL-C-Senkung reduzierten sich unter Evinacumab auch die Konzentrationen andere Lipide wie Triglyzeride, ApoB und auch Lp(a), letzteres nahm unabhängig von der Dosis zwischen 10% bei s.c.-Gabe und 16,5% bei i.v.-Gabe ab.  

Generell gut verträglich

Der Lipidsenker wurde sowohl bei subkutaner als auch bei intravenöser Verabreichung laut Rosenson „generell gut vertragen“. In der  i.v.-Gruppe brachen vier der mit Evinacumab behandelten Patienten die Therapie aufgrund von unerwünschten Effekten ab, in der Placebogruppe war das bei einem Patient der Fall. In der subkutanen Gruppe gab es jeweils zwei Therapieabbrüche in der Evinacumab- und Placebo-Gruppe.

Die häufigsten Nebenwirkungen im Falle einer i.v.-Gabe waren Nasopharyngitis und Kopfschmerzen, bei s.c.-Verabreichung Nasopharyngitis, Übelkeit und Harntraktinfektionen.

Mehr Patienten könnten womöglich den Zielwert erreichen

„Die zusätzliche Gabe von Evinacumab zur Standard-of-Care-Lipidtherapie bei Patienten mit refraktärer Hypercholesterinämie könnte womöglich ermöglichen, dass mehr Patienten die von den Leitlinien definierten LDL-C-Zielwerte erreichen“, resümierte Rosenson am Ende seines Vortrages. Dies wiederum könne eine Reduktion des kardiovaskulären Risikos und der Mortalität zur Folge haben. Ob mit dieser Therapie tatsächlich ein Effekt auf harte Endpunkte erreicht werden kann, das lässt sich durch die aktuelle Studie mit ihrer relativ kleinen Patientenzahl und kurzen Therapiedauer allerdings nicht beantworten.

Literatur

Rosenson R: The Efficacy And Safety Of Evinacumab In Patients With Refractory Hypercholesterolemia; vorgestellt bei der Late-Breaking Science-Session IV, 15.11.2020, American Heart Association Scientific Sessions 2020

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