Nachrichten 17.11.2021

Was nützen Plättchenhemmer bei COVID-19?

Trotz der üblichen Thromboseprophylaxe verschlechtert sich der Zustand vieler COVID-19-Patienten im Krankenhaus. In einer Studie wurde nun versucht, durch zusätzliche Gabe von Plättchenhemmern die Situation zu verbessern. Doch das hat nichts gebracht.

Eine zusätzliche Behandlung mit P2Y12-Inhibitoren hat nicht kritisch kranken COVID-19-Patienten im Krankenhaus keine Vorteile gebracht. In der randomisierten ACTIV-4a-Studie hat sich deren Zustand durch diese Zusatztherapie im Vergleich zur aktuellen Standardversorgung nicht verbessert, wie Studienautor Dr. Jeffrey Berger aus New York aktuell beim AHA-Kongress berichtete.

„Die Daten unterstützen die Gabe von P2Y12-Inhibitoren in diesem Kontext nicht“, schloss die Diskutantin der Studie, Prof. Erin Bohula, im Anschluss an die Studienpräsentation.  

Antiplättchen-Therapie zusätzlich zur Vollantikoagulation

Im Rahmen der ACTIV-4a-Studie sind 562 aufgrund einer SARS-CoV-2-Infektion hospitalisierten Patienten randomisiert worden: Die eine Hälfte erhielt zusätzlich zu einer Standardantikoagulation für 14 Tage lang oder bis zur Entlassung eine Behandlung mit einem P2Y12-Inhibitor; empfohlen wurde hierfür Ticagrelor (60 mg 2 × täglich), aber auch Clopidogrel (300 mg Loading-Dosis, gefolgt von 75 mg/Tag) und Prasugrel (30 mg Load, gefolgt von 10 mg/Tag) durften eingesetzt werden. Die andere Hälfte erhielt die reine Standardantikoagulation ohne Plättchenhemmer-Therapie. Bei 87% bzw. 88% der Studienteilnehmer in beiden Armen wurde als Standard eine Volldosisantikoagulation mit Heparin verwendet, die restlichen Patienten erhielten als Standardcare eine prophylaktische Heparin-Dosis.  

Keinen Nutzen bei nicht kritischen Kranken

Der kombinierte Endpunkt aus Tod und Notwendigkeit organunterstützender Therapien ist bei 26% der mit P2Y12-Inhibitoren behandelten Patienten eingetreten. In dem Standardcare-Arm war das mit 22% etwas seltener der Fall. Die Hazard Ratio liegt bei 1,19, mit einem breiten 95%-Konfidenzintervall von 0,84–1,68 (p=0,34). Die Zusatzbehandlung habe somit keinen Benefit gezeigt, resümierte Berger beim AHA.

Sekundäre Endpunkte wie schwerwiegendere thomboembolische Ereignisse oder intrahospitale Todesfälle kamen ebenfalls numerisch etwas häufiger in der P2Y12-Inhibitor-Gruppe vor als in der Kontrollgruppe (6,1% vs. 4,5%, adjustierte Odds Ratio, OR: 1,42; 95%-KI: 0,64–3,13). Schwere Blutungen waren prinzipiell selten, aber mit entsprechend sechs versus zwei Fällen häufiger in der Gruppe mit zusätzlicher Antiplättchen-Therapie (OR: 3,31; 95%-KI: 0,64–17,2).

Bohula wies darauf hin, dass die Antiplättchenbehandlung in der Studie in den allermeisten Fällen zusätzlich zu einer Volldosisantikoagulation erfolgte. Und in dieser Konstellation gebe es wahrscheinlich keinen Zusatznutzen durch eine P2Y12-Inhibitor-Gabe.

Weitere Untersuchungen an anderen Patientenpopulationen

Trotz des neutralen Ausgangs der ACTIV-4a-Studie hält die in Boston tätige Kardiologin es für wichtig, die Sicherheit und Effektivität dieses Therapieansatzes noch in einer Hochrisikopopulation zu untersuchen. In dieser Studie mussten zwar als Einschlusskriterien thrombotische Risikofaktoren wie ein stark erhöhter D-Dimer-Wert und höheres Alter über 60 Jahre (oder alternativ kardiovaskuläre Risikofaktoren) vorliegen, die Patienten waren aber noch in keinem kritischen Stadium der COVID-19-Erkrankung. Wie Studienautor Berger berichtete, ist eine entsprechende Untersuchung bei kritisch kranken COVID-19-Patienten bereits im Gange.

Die primäre wissenschaftliche Frage der ACTIV-4a-Studie war im Übrigen, wie Berger erinnerte, die Effektivität einer therapeutischen Heparin-Dosis im Vergleich zu einer prophylaktischen Dosis bei COVID-19-Patienten zu untersuchen. Die Ergebnisse sind in Form eines multinationalen Plattformstudienprogrammes (REMAP-CAP/ATTACC/ACTIV-4a) im August dieses Jahres im „New England Journal of Medicine“ publiziert worden. Die Kurzfassung: Nicht kritisch kranke COVID-19-Patienten könnten demzufolge von einer therapeutischen Heparin-Dosis profitieren, bei intensivpflichtigen Patienten dagegen scheint eine pauschale Vollantikoagulation keine Vorteile zu bringen (die ausführlichen Ergebnisse lesen Sie in diesem Beitrag).

Literatur

Berger J: P2y12 Inhibitors in Noncritically Ill Hospitalized Patients With Covid-19, Late Breaking Science Session 7, AHA Congress, 13.-15. November 2021

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