Nachrichten 23.11.2021

Antidot gegen Plättchenhemmer wirkt schnell und sicher

Die plättchenhemmende Wirkung von Ticagrelor lässt sich durch eine Thrombozytentransfusion nicht aufheben. Ein neues, spezifisches Antidot könnte Abhilfe schaffen. In einer Studie hat das Medikament eine „vielversprechende“ Wirksamkeit gezeigt.

Vielleicht gibt es bald ein spezifisches Antidot gegen Ticagrelor. Bentracimab – ein gegen Ticagrelor gerichteter Antikörper – hat sich in einer vorläufigen Analyse der Phase III-Studie REVERSE-IT als wirksam erwiesen.

Bentracimab habe eine sofortige und anhaltende Aufhebung der Antiplättchen-Wirkung von Ticagrelor erzielt, berichtete Studienleiter Prof. Deepak Bhatt über die Ergebnisse beim AHA-Kongress.

Ticagrelor-bindendes Antikörperfragment

Wie der Kardiologe vom Brigham and Women's Hospital in Boston ausführte, handelt es sich bei Bentracimab um ein rekombinantes monoklonales IgG1-Antikörperfragment. Dieses bindet freies Ticagrelor mit hoher Affinität und Spezifität und verhindert dadurch die Blockierung des P2Y12-Rezeptors durch den Thrombozytenaggregationshemmer. Dadurch sei ADP in der Lage, die Plättchen zu aktivieren, erläuterte Bhatt den Wirkmechanismus des neuen Agens, derweil der entstehenden Bentracimab/Ticagrelor-Komplexe aus dem Blutstrom eliminiert werde.

Interimsanalyse soll Zulassung beschleunigen

Weil bisher keine zufriedenstellenden Optionen zur Aufhebung der Ticagrelor-Wirkung existieren (eine Thrombozytentransfusion funktioniert nur bei Clopidogrel und Prasugrel gut), hat die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA Bentracimab den Status einer „Breakthrough Therapy“ verliehen. Auch die europäische Arzneimittel-Agentur EMA hat das Medikament in ihr PRIME-Programm für eine beschleunigte Zulassung aufgenommen. Die nun von Bhatt berichteten Ergebnisse der präspezifierten Interimsanalyse der offenen, prospektiven, einarmigen REVERSE-IT-Studie sollen die vorläufige Zulassung von Bentracimab beschleunigen.

Insgesamt 150 Patienten, die innerhalb der letzten drei Tage Ticagrelor eingenommen hatten, wurden für die Studie rekrutiert. Alle Patienten benötigten eine sofortige Aufhebung der Antiplättchen-Wirkung: entweder, weil eine dringliche Operation oder invasive Prozedur anstand (bei 142 Probanden, meistens eine Bypass-OP) oder weil bei ihnen eine unkontrollierte/lebensbedrohliche Blutung aufgetreten war (bei 8 Patienten). Alle erhielten deshalb Bentracimab i.v.

Hemmung der Thrombozytenfunktion hat schnell nachgelassen

Vier Stunden nach der Antikörper-Infusion hat die mittels des VerifyNow-Plättchenfunktionstest gemessene Thrombozytenaktivität deutlich zugenommen. Oder anders ausgedrückt: Die prozedurale Hemmung der Plättchenfunktion (PRU-Werte) – der primäre Studienendpunkt – hat vier Stunden nach der Bentracimab-Gabe deutlich abgenommen (p˂0,001). Das Ausmaß der Ticagrelor-Wirkumkehr sei über 24 Stunden hinweg durchgehend zu allen Zeitpunkten hochsignifikant gewesen, so Bhatt. Dasselbe Bild ergab sich, wenn für die Plättchenfunktionstestung der VASP-Assay eingesetzt wurde.

Es machte auch keinen Unterschied, ob die Patienten wegen einer dringenden Operation oder wegen einer Blutung das Antidot erhalten haben: In beiden Fällen setzte die Wirkung des Medikamentes unmittelbar ein und hielt über 24 Stunden an.

Gute bis exzellente Hämostase

In über 90% der Fälle sei die eingetretene Hämostase als gut oder exzellent eingestuft worden, berichtete Bhatt über einen weiteren Endpunkt der Studie. Von den wenigen Patienten, die wegen einer Blutung das Antidot bekamen, hatten 77,8% eine gute bis exzellente Hämostase erreicht.

Auf Bentracimab zurückführbare, ernsthafte Nebenwirkungen, allergische Reaktionen oder Reaktionen auf die Infusion hat es Bhatt zufolge nicht gegeben. „Bentracimab scheint eine sehr vielversprechende Option für die Aufhebung der Ticagrelor-Wirkung zu sein“, lautete das Fazit des US-Kardiologen.

Doch welche Patienten brauchen das Antidot?

Der anschließende Diskutant beim AHA-Kongress, Prof. Gilles Montalescot, betonte zwar ebenfalls das Alleinstellungsmerkmal von Bentracimab als bisher einzige zufriedenstellende Option zur Aufhebung der Ticagrelor-Wirkung. Doch viele Fragen seien noch offen, monierte der in Paris tätige Kardiologe. So gibt die Studie keine ausreichenden Informationen über das thrombotische Risiko nach der Wirkumkehr von Ticagrelor. Acht entsprechende Ereignisse sind im Zuge der Antidot-Gabe aufgetreten, wobei keines in Verbindung mit Bentracimab gebracht wurde. Fraglich ist laut ihm zudem, ob die geringe Zahl an blutenden Patienten ausreicht, um für sie dieselben Schlüsse ziehen zu können wie für Patienten mit einer anstehenden Operation. Montalescot wies auch auf das Fehlen einer Kontrollgruppe hin, und fragt sich, ob ein entsprechendes Design wirklich unethisch gewesen wäre.

Zu guter Letzt stellte der französische Kardiologe das mögliche Einsatzgebiet des Antidots zur Diskussion. So hat die ebenfalls beim AHA-Kongress präsentierte RAPID-CABG-Studie gezeigt, dass eine frühe Bypass-Operation bereits zwei bis drei Tage nach Absetzen von Ticagrelor sicher ist. Und wie viele Patienten könnten, so Montalescot, nicht drei Tage auf eine Bypass-Operation warten?

Literatur

Bhatt D: Effect of Bentracimab on Platelet Inhibition and Hemostasis in Ticagrelor Patients With Uncontrolled Hemorrhage or Requiring Urgent Surgery in the REVERSE-IT, Late Breaking Science Session 7, AHA Congress, 13.-15. November 2021

Neueste Kongressmeldungen

Welche Antikoagulation bei Dialyse-Patienten mit Vorhofflimmern?

Apixaban scheint in der Antikoagulation bei Patienten mit dialysepflichtigem Nierenversagen und Vorhofflimmern ebenso wirksam und sicher zu sein wie ein Vitamin-K-Antagonist. Das legen Ergebnisse der deutschen AXADIA-AFNET-8-Studie nahe.

Schwere PAVK: Ist Bypass-OP hier vorteilhafter als endovaskuläre Therapie?

Ohne Revaskularisation droht PAVK-Patienten mit kritischer Extremitätenischämie die Amputation. Welches Verfahren – chirurgischer Bypass oder endovaskuläre Therapie – ist dann die beste Wahl? Die randomisierte BEST-CLI-Studie liefert dazu jetzt evidenzbasierte Entscheidungshilfe.

Was nützt spezielles Fischöl ergänzend zur Statintherapie?

Neue Daten zur Wirksamkeit eines speziellen Fischöls (Icosapent-Ethyl) heizen die Debatte um diese Therapieoption erneut an. In der RESPECT-EPA-Studie deutet sich ein prognostischer Nutzen an, das Ergebnis dürfte in Deutschland aber erstmal keine bedeutsame Rolle für die Praxis spielen.

Neueste Kongresse

DGK.Herztage 2022

Vom 29.9.-1.10.2022 finden die DGK.Herztage in Bonn statt.

TCT-Kongress 2022

Hier finden Sie die Highlights der Transcatheter Cardiovascular Therapeutics (TCT) Conference 2022, der weltweit größten Fortbildungsveranstaltung für interventionelle Kardiologie. 

DGK-Jahrestagung 2022

„Neue Räume für kardiovaskuläre Gesundheit“ – so lautet das diesjährige Motto der 88. Jahrestagung. Alle Infos und Berichte im Kongressdossier.

Highlights

Neuer Podcast: Kardiovaskuläre Prävention – zwischen Mythen und Fakten

Neuer Podcast auf Kardiologie.org! In der zweiten Ausgabe mit Prof. Ulrich Laufs geht es um gängige Irrtümer in der kardiovaskulären Prävention, um immer neue Empfehlungen zu Eiern und um die Frage: Statine – ja oder nein?

Herzkongress mit wöchentlichen Vorträgen

Der DGK.Online-Kongress 2022 geht weiter: Jede Woche erwarten Sie wieder spannende Live-Vorträge aus der Herz-Kreislauf-Medizin, viele davon CME-zertifiziert. Nehmen Sie teil und sammeln Sie live CME-Punkte!

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Myokarditis nach COVID-19-Impfung: Viel bessere Prognose als nach Virusmyokarditis

Myokarditis ist nicht gleich Myokarditis – das zeigen neue Daten aus Hongkong: Das Sterberisiko nach impfassoziierten Myokarditiden war nämlich um ein vielfaches geringer als nach viralbedingten Herzmuskelentzündungen. Das ist beruhigend, wenngleich sich über die Vergleichsgruppe streiten lässt.

Metaanalyse: ADHS-Medikamente bergen keine Gefahr für das Herz

Der Verdacht steht im Raum, dass Medikamente zur ADHS-Therapie das kardiovaskuläre Risiko erhöhen könnten. Die Ergebnisse einer Metaanalyse mit knapp 4 Millionen Teilnehmern sorgen nun für Beruhigung, wenngleich die Autoren nicht alle Unsicherheiten klären konnten. 

Neue TAVI-Aortenklappe mit gutem Leistungsprofil in der Praxis

Ein neues und technisch verbessertes Klappensystem für die Transkatheter-Aortenklappenimplantation (TAVI) hat im Hinblick auf Sicherheit und Effektivität in einer Registeranalyse gute Leistungsmerkmale gezeigt.

Aus der Kardiothek

Influenzaimpfung in der kardiologischen Praxis: Tipps zur Umsetzung und Abrechnung

Auch in der kardiologischen Praxis können Patienten/Patientinnen gegen Influenza geimpft werden. Prof. Jörg Schelling erläutert, was Sie bei der Umsetzung beachten sollten und gibt Tipps zur Abrechnung.

Update Amyloidose: Red Flags, Diagnose und Therapie

Die Dunkelziffer bei der ATTR-Amyloidose ist groß. Umso wichtiger ist es, dass Kardiologen/Kardiologinnen die typischen Beschwerden kennen und erkennen. Prof. Wilhelm Haverkamp gibt Tipps zur Diagnosestellung und Behandlung und klärt wichtige Fragen zur Erstattung.

Hätten Sie es erkannt?

Intravaskuläre koronare Bildgebung mittels optischer Kohärenztomografie eines 46-jährigen Patienten nach extrahospitaler Reanimation bei Kammerflimmern. Was ist zu sehen?

DGK.Herztage 2022/© DGK
TCT-Kongress 2022/© mandritoiu / stock.adobe.com
DGK Jahrestagung 2022/© m:con/Ben van Skyhawk
Podcast-Logo
DGK.Online 2022/© DGK
kardiologie @ home/© BNK | Kardiologie.org
Kardio-Quiz Oktober 2022/© PD Dr. Daniel Bittner, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen