Nachrichten 14.11.2021

Blutdruck und Lipide: Spezielles Management-Programm zahlt sich aus

Wie lässt sich das kardiovaskuläre Risikoprofil (auch) in sozialen Problemmilieus verbessern? Ein in den USA initiiertes telemedizinisches  Managementprogramm unter Führung von Apothekern war diesbezüglich sehr erfolgreich.

Bei dem seit 2018 laufenden Programm geht es in erster Linie um Blutdruck- und LDL-Cholesterin-Kontrolle. Es richtet sich an die Versicherten der US-amerikanischen Health-Maintenance Organisation Mass General Brigham und hat einen Schwerpunkt im Bereich von unterversorgten Populationen sowie Menschen, deren Muttersprache nicht Englisch ist. Erste Ergebnisse dieses Programms auf Basis von 5000 Patienten wurden bei der AHA Tagung vor einem Jahr vorgestellt.

Bei der diesjährigen AHA Tagung präsentierte Dr. Alexander Blood vom Brigham and Women’s Hospital in Boston jetzt die Ergebnisse der vollständigen Studie mit rund 10.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern.

Telemedizinisches Management, weitgehend ohne Arztkontakt

Die Besonderheit des Programms ist, dass es zwar ärztlich initiiert ist, aber im täglichen Management weitgehend ohne Ärztinnen und Ärzte und auch ohne persönliche Arztbesuche auskommt. Patienten mit einem Optimierungsbedarf bei LDL-Cholesterin oder Blutdruck wurden durch die medizinischen Einrichtungen anhand der elektronischen Patientenakten identifiziert.

Ab diesem Zeitpunkt waren dann aber die Apotheken der jeweiligen Patienten für die Umsetzung des Programms zuständig. Die Apotheker waren es, die die Medikation gemäß vorgegeben Algorithmen anpassten, inklusive Hinzunahme neuer Medikamente, wenn nötig. Gleichzeitig konnten sie auf „Navigatoren“ zurückgreifen, geschulte Patientenberater, die per Telefon und ggf. auch persönlich im direkten Patientenkontakt standen.

Diese „Navigatoren“ kümmerten sich um Messungen, Patientenberatung und Aufklärung und waren zuständig für die Umsetzung der nicht-medikamentösen Komponenten des Disease-Management-Programms, also Lebensstilfaktoren in Abhängigkeit von der individuellen Konstellation. Das Ganze war hinterlegt mit einer telemedizinischen Patientenakte, die allen Beteiligten Zugriff auf die nötigen Informationen – aktuelle Vitalparameter, aktuelle Medikation sowie empfohlene und/oder umgesetzte sonstige Maßnahmen – verschaffte.

Intention des Programms sei es gewesen, von dem Standardbetreuungsschema mit Praxisbesuchen alle 3 bis 6 Monate wegzukommen und den Patienten durch eine intensivere Betreuung gerechter zu werden, betonte Blood bei der AHA Tagung. Das Programm zeige unter anderem, dass es vor allem der enge persönliche Kontakt ist, der von den Patienten geschätzt werde, und dass es nicht so sehr darauf ankomme, welche Berufsgruppe die primäre Anlaufstelle ist.

Deutliche Effekte auf Blutdruck und Fettstoffwechsel

Insgesamt verlaufe die Optimierung der Risikofaktoren im Rahmen des (weiterhin laufenden) Programms ausgesprochen erfolgreich, sagte Blood im Rahmen einer Late Breaking Science Session bei der virtuellen AHA-Tagung. Über 10.800 Patienten wurden für das Programm rekrutiert. Blood berichtete über eine Auswertung auf Basis von knapp 9.500 Patienten. Bei knapp 6.900 von ihnen ging es um den Lipidstoffwechsel, bei knapp 3.400 um den Blutdruck, entsprechend bei etwa 800 Patienten um beides. Knapp jeder zehnte sprach kein Englisch, ein Drittel war nicht weiß, bei rund einem Viertel ging es um Primärprävention.

Primär angelegt war das Programm auf drei Monate. Im Hypertonie-Programm gelang es bei den 44% der Patienten, die das Programm vollständig absolvierten und alle initiierten Maßnahmen umsetzten, den Blutdruck von im Mittel 137/79 mmHg auf 125/72 mmHg signifikant zu senken. 92% dieser sehr adhärenten Patienten erreichten am Ende ihr Blutdruckziel.

Für die Gesamtgruppe der Patienten im Hypertonie-Programm konnte eine Absenkung des Blutdrucks von im Mittel 145/84 mmHg auf 135/78 mmHg erreicht werden, was ebenfalls statistisch signifikant war (p<0,001).

Auf Fettstoffwechselseite gelang bei den 40 % der Patienten, die alle empfohlenen Maßnahmen umsetzten, im Mittel eine Absenkung des LDL-C um die Hälfte auf 70 mg/dl. 94 % der Patienten erreichten hier das LDL-Ziel. Für die Gesamtgruppe sank der LDL-C-Wert von im Mittel 145 mg/dl auf 100 mg/dl (p<0,001). Erreicht wurde das durch Auftitration der Medikation von Statin-Dosissteigerung über Ezetimib bis PCSK9-Hemmer. Bei all Ergebnissen gab es keine Unterschiede zwischen Ethnien oder Studienteilnehmern mit unterschiedlichen Muttersprachen.

Kein Programm für alle

Wie immer bei derartigen Programmen gab es zwar einerseits große Erfolge, gleichzeitig aber auch relevante Quoten an Abbrechern sowie einige Patienten, für die das telemedizinische, arztfreie Setting nicht geeignet war. Konkret waren es 37 % der Patienten im Lipid-Programm und 41 % der Patienten im Hypertonie-Programm, die sich entweder irgendwann nicht mehr meldeten oder die in die ärztliche Betreuung nach üblichem Schema zurücküberwiesen wurden.

Literatur

Blood A. A Remotely Delivered Hypertension and Lipid Program in 10.000 Patients Across a Diverse Health Care Network, Late Breaking Science 02, AHA Congress, 13.-15. November 2021

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