Nachrichten 15.11.2021

Kaffee verursacht bei Gesunden keine Rhythmusstörungen

Immer noch existieren Vorbehalte, dass Kaffee Rhythmusstörungen begünstigen könnte. Diese Annahme wurde nun durch eine randomisierte Studie widerlegt, wobei Effekte auf die körperliche Aktivität und Schlafdauer erkennbar wurden.

Es gibt wohl kaum ein anderes Getränk, das so umstritten ist wie Kaffee. Die einen schwören darauf, die anderen halten das koffeinhaltige Heißgetränk für gesundheitsschädlich.

Eine seit Jahrzehnten bestehende Kontroverse dreht sich um die Frage, ob Kaffee Rhythmusstörungen begünstigen kann. Entsprechende Verdachtsmomente haben Fachgesellschaften gar dazu bewegt, von dem Konsum abzuraten, um das Arrhythmie-Risiko zu senken. In den letzten Jahren wurden allerdings immer mehr Studien publiziert, die dahingehend Entwarnung geben. Randomisierte Studien zu den akuten Auswirkungen von Kaffee gibt es bis dato kaum.  

Randomisierte Studie gibt erneut Entwarnung

Beim AHA-Kongress wurde nun eine solche Studie mit dem Namen CRAVE vorgestellt. Und deren Ergebnisse bestätigen die Unbedenklichkeit von Kaffee mit Blick auf den Herzrhythmus, zumindest für gesunde Menschen. Der Kaffeekonsum habe zu keinem Anstieg von Vorhofarrhythmien geführt, erörterte Studienautor Dr. Gregory Marcus das Hauptergebnis der Studie beim AHA. Sie hätten auch keine Evidenz für eine Assoziation zwischen Kaffeekonsum und dem Auftreten vorzeitiger Vorhofkontraktionen gefunden, führte der in San Francisco tätige Rhythmologe weiter aus.

Insgesamt 100 gesunde Menschen ohne bekannte Rhythmusstörungen sind für die Studie rekrutiert worden. Ihnen wurde ein EKG-Pflaster zur kontinuierlichen Rhythmusüberwachung sowie ein Messgerät zur kontinuierlichen Glukosemessung ausgehändigt. Alle erhielten ein Wearable zur Dokumentation der täglichen Schrittzahl und Schlafdauer und sollten ihre Aktivitäten über eine Smartphone-App erfassen. Des Weiteren wurden die Gene der Patienten auf spezielle Polymorphismen untersucht.

An jedem Tag wurde jede(r) Teilnehmer/in aufs Neue zufällig zugeteilt: Entweder sie/er sollte an diesem Tag mindestens eine Tasse Kaffee zu sich nehmen oder aber auf jegliche koffeinhaltige Getränke verzichten. Die entsprechende Information erhielten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen am Abend zuvor, am Morgen desselbigen Tages wurden sie nochmals daran erinnert. Die Patienten wurden zudem angehalten, bei Konsum jeglicher Kaffeeprodukte ihren EKG-Patch zu aktivieren. Darüber hinaus wurden ihnen täglich Fragen zu ihrem Konsumverhalten gestellt.

Keine akuten Auswirkungen auf Arrhythmie-Risiko

Die Auswertung dieser Aktivitäten ergab, dass Kaffeekonsum akut keine Auswirkungen auf das Auftreten von ventrikulären Tachykardien hat. Genauso wenig kam es darunter vermehrt zu supraventrikulären Tachykardien. Laut der Per-Protokoll-Analyse reduzierte das Kaffeetrinken das relative Risiko hierfür sogar geringfügig (relatives Risiko, RR: 0,88; p=0,028).

Vorzeitige atriale Kontraktionen traten nach dem Kaffeekonsum ebenfalls nicht häufiger auf. Einzig das relative Risiko für ventrikuläre Extrasystolen war in der Intention-to-Treat-Analyse (ITT) signifikant erhöht, wenn Kaffee getrunken wurde (RR: 1,54; p=0,001). Besonders ausgeprägt war dieser Zusammenhang bei Personen, die gemäß ihrer Genanalyse als „faster caffeine metabolizer“ eingestuft wurden. In der Per-Protokoll-Analyse ergab sich jedoch kein signifikanter Zusammenhang zwischen Kaffeekonsum und dem Auftreten von Extrasystolen (RR: 1,10; p=0,54).

Bedeutsame Effekte auf körperliche Aktivität und Schlaf

Wie Marcus beim AHA-Kongress berichtete, hatte das Kaffeetrinken aber „einen klinischen bedeutsamen Anstieg der körperlichen Aktivität“ zur Folge gehabt. So ergab die ITT-Analyse, dass die Aktivität in Zeiten des Konsums um durchschnittlich 1.058 Schritte pro Tag angestiegen ist (p=0,0011).

Die Kehrseite des Kaffeekonsums war eine reduzierte Schlafdauer, die der Studienautor ebenfalls als klinisch bedeutsam einstufte. Im Schnitt schliefen die Teilnehmer während der konsumierenden Tage 36 Minuten weniger als in Phasen, in denen sie kein Kaffee zu sich nahmen (p ˂ 0,001). Auch hier zeigte sich eine Interaktion mit genetischen Faktoren. Demzufolge scheinen sog. „slower caffeine metabolizer“ hinsichtlich ihrer Schlafdauer deutlich stärker auf die Kaffeezufuhr zu reagieren.

„Studienteilnehmer nicht repräsentativ“

In der anschließenden Diskussion beim AHA gab Prof. Sana Al-Khatib zu bedenken, dass in der Studie Personen untersucht worden sind, die nicht das typische Patientenklientel in der Praxis repräsentieren. Es handelte sich um relativ junge Patienten (im Schnitt 38 Jahre alt), die keine kardiovaskulären Vorerkrankungen und kein Übergewicht gehabt hätten, bemerkte die Ärztin vom Duke University Medical Center in Durham. Die Ergebnisse der Studie lassen sich ihrer Ansicht nach deshalb nicht eins-zu-eins auf Patienten mit beispielsweise bestehenden Rhythmusstörungen übertragen. Im nächsten Schritt sollten, so Al-Khatib, die Ergebnisse an anderen, größeren Populationen repliziert und dabei auch harte Endpunkte während einer längeren Beobachtungszeit untersucht werden.   

Literatur

Marcus G: The Coffee and Real-Time Atrial and Ventricular Ectopy (CRAVE) Trial, Late Breaking Science Session 3, AHA Congress, 13.-15. November 2021

Neueste Kongressmeldungen

Welche Antikoagulation bei Dialyse-Patienten mit Vorhofflimmern?

Apixaban scheint in der Antikoagulation bei Patienten mit dialysepflichtigem Nierenversagen und Vorhofflimmern ebenso wirksam und sicher zu sein wie ein Vitamin-K-Antagonist. Das legen Ergebnisse der deutschen AXADIA-AFNET-8-Studie nahe.

Schwere PAVK: Ist Bypass-OP hier vorteilhafter als endovaskuläre Therapie?

Ohne Revaskularisation droht PAVK-Patienten mit kritischer Extremitätenischämie die Amputation. Welches Verfahren – chirurgischer Bypass oder endovaskuläre Therapie – ist dann die beste Wahl? Die randomisierte BEST-CLI-Studie liefert dazu jetzt evidenzbasierte Entscheidungshilfe.

Was nützt spezielles Fischöl ergänzend zur Statintherapie?

Neue Daten zur Wirksamkeit eines speziellen Fischöls (Icosapent-Ethyl) heizen die Debatte um diese Therapieoption erneut an. In der RESPECT-EPA-Studie deutet sich ein prognostischer Nutzen an, das Ergebnis dürfte in Deutschland aber erstmal keine bedeutsame Rolle für die Praxis spielen.

Neueste Kongresse

DGK.Herztage 2022

Vom 29.9.-1.10.2022 finden die DGK.Herztage in Bonn statt.

TCT-Kongress 2022

Hier finden Sie die Highlights der Transcatheter Cardiovascular Therapeutics (TCT) Conference 2022, der weltweit größten Fortbildungsveranstaltung für interventionelle Kardiologie. 

DGK-Jahrestagung 2022

„Neue Räume für kardiovaskuläre Gesundheit“ – so lautet das diesjährige Motto der 88. Jahrestagung. Alle Infos und Berichte im Kongressdossier.

Highlights

Neuer Podcast: Kardiovaskuläre Prävention – zwischen Mythen und Fakten

Neuer Podcast auf Kardiologie.org! In der zweiten Ausgabe mit Prof. Ulrich Laufs geht es um gängige Irrtümer in der kardiovaskulären Prävention, um immer neue Empfehlungen zu Eiern und um die Frage: Statine – ja oder nein?

Herzkongress mit wöchentlichen Vorträgen

Der DGK.Online-Kongress 2022 geht weiter: Jede Woche erwarten Sie wieder spannende Live-Vorträge aus der Herz-Kreislauf-Medizin, viele davon CME-zertifiziert. Nehmen Sie teil und sammeln Sie live CME-Punkte!

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Myokarditis nach COVID-19-Impfung: Viel bessere Prognose als nach Virusmyokarditis

Myokarditis ist nicht gleich Myokarditis – das zeigen neue Daten aus Hongkong: Das Sterberisiko nach impfassoziierten Myokarditiden war nämlich um ein vielfaches geringer als nach viralbedingten Herzmuskelentzündungen. Das ist beruhigend, wenngleich sich über die Vergleichsgruppe streiten lässt.

Metaanalyse: ADHS-Medikamente bergen keine Gefahr für das Herz

Der Verdacht steht im Raum, dass Medikamente zur ADHS-Therapie das kardiovaskuläre Risiko erhöhen könnten. Die Ergebnisse einer Metaanalyse mit knapp 4 Millionen Teilnehmern sorgen nun für Beruhigung, wenngleich die Autoren nicht alle Unsicherheiten klären konnten. 

Neue TAVI-Aortenklappe mit gutem Leistungsprofil in der Praxis

Ein neues und technisch verbessertes Klappensystem für die Transkatheter-Aortenklappenimplantation (TAVI) hat im Hinblick auf Sicherheit und Effektivität in einer Registeranalyse gute Leistungsmerkmale gezeigt.

Aus der Kardiothek

Influenzaimpfung in der kardiologischen Praxis: Tipps zur Umsetzung und Abrechnung

Auch in der kardiologischen Praxis können Patienten/Patientinnen gegen Influenza geimpft werden. Prof. Jörg Schelling erläutert, was Sie bei der Umsetzung beachten sollten und gibt Tipps zur Abrechnung.

Update Amyloidose: Red Flags, Diagnose und Therapie

Die Dunkelziffer bei der ATTR-Amyloidose ist groß. Umso wichtiger ist es, dass Kardiologen/Kardiologinnen die typischen Beschwerden kennen und erkennen. Prof. Wilhelm Haverkamp gibt Tipps zur Diagnosestellung und Behandlung und klärt wichtige Fragen zur Erstattung.

Hätten Sie es erkannt?

Intravaskuläre koronare Bildgebung mittels optischer Kohärenztomografie eines 46-jährigen Patienten nach extrahospitaler Reanimation bei Kammerflimmern. Was ist zu sehen?

DGK.Herztage 2022/© DGK
TCT-Kongress 2022/© mandritoiu / stock.adobe.com
DGK Jahrestagung 2022/© m:con/Ben van Skyhawk
Podcast-Logo
DGK.Online 2022/© DGK
kardiologie @ home/© BNK | Kardiologie.org
Kardio-Quiz Oktober 2022/© PD Dr. Daniel Bittner, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen