Nachrichten 27.12.2021

Alkohol, Koffein & Co – was nützt es, Vorhofflimmern-Trigger zu vermeiden?

Patienten berichten nicht selten über bestimmte Faktoren in ihrem Alltag, die bei ihnen Vorhofflimmern begünstigen. In einer speziell konzipierten Studie wurde nun nach solchen potenziellen Triggern gezielt gefahndet – gebracht hat das leider wenig.

Hilft es Patienten, wenn sie ihre individuellen Vorhofflimmern-Trigger kennen und diese gezielt vermeiden? Was zunächst sinnvoll klingt, war in einer randomisierten Studie mit keiner positiven Auswirkung auf die Lebensqualität assoziiert.

Keine Verbesserung der Lebensqualität

„Die randomisierte Zuteilung zu individuellen Trigger-Testungen hatte keine verbesserte Vorhofflimmern-assoziierte Lebensqualität zur Folge“, resümierte Studienautor Dr. Gregory Marcus beim AHA-Kongress 2021, wo er die Ergebnisse der I-STOP-AFib-Studie präsentierte. Dennoch seien im Anschluss an diese Untersuchungen weniger Vorhofflimmern-Episoden dokumentiert worden, führte der in San Francisco tätige Rhythmologe an.

Ärzte und Ärztinnen werden häufig mit anekdotischen Berichten seitens der Patienten über individuelle Vorhofflimmern-Auslöser konfrontiert. Welche Rolle solche mit dem Lebensstil assoziierten Trigger tatsächlich spielen, wurde jedoch noch nie systematisch untersucht. Genauso wenig existieren umfassende Daten zu potenziellen Effekten einer gezielten Vermeidung dieser Triggern.

Spezielles Studiendesign

Kardiologen um Marcus haben deshalb die randomisierte I-STOP-AFib-Studie auf dem Weg gebracht. Speziell an der Studie ist ihr Design. Zunächst wurden knapp 500 Patienten entweder zu einem reinen „Tracking“-Arm (hier wurden Arrhythmie-Episoden lediglich erfasst) oder zu einem „Trigger-Testing“-Arm randomisiert. 

Die in die Trigger-Testing-Gruppe randomisierten Patienten wurden nach dem „N-of-1“-Prinzip untersucht. Bedeutet, jeder einzelne Teilnehmer wurde über eine eigens entwickelte Smartphone-App instruiert, sich gezielt selbst ausgewählten Triggern zu exponieren bzw. oder diese bewusst zu vermeiden. Innerhalb der sechswöchigen Studienperiode gab es somit „Trigger-on“- und „Trigger-off“-Wochen. Die während dieser Zeit aufgetretenen Vorhofflimmern-Episoden dokumentierten alle Studienpatienten mittels eines mobilen EKG-Gerätes und zusätzlich über tägliche, textbasierte Umfragen.  

Das in der Studie eingesetzte Smartphone-basierte Programm errechnete, wie wahrscheinlich es ist, dass diese Trigger Vorhofflimmern auslösen. Entsprechend dieser Berechnung wurden den Patienten Lebensstilmaßnahmen nahegelegt, die sie in den folgenden vier Wochen umsetzen sollten. Vor Studienbeginn und im Anschluss an diese vier Wochen wurden alle Teilnehmer, auch jene aus dem reinen Tracking-Arm, mittels eines für Vorhofflimmern-Patienten entwickelten Fragebogens („Atrial Fibrillation Effect on Quality-of-Life“, AFEQT) zu ihrem Befinden befragt.

Das enttäuschende Ergebnis: Die systematische Trigger-Suche und -Intervention verbesserte den primären Studienendpunkt, die Lebensqualität der Patienten, über die insgesamt zehn Wochen nicht.

Aber: Weniger Vorhofflimmern-Episoden

Als positives Ergebnis brachte Marcus an, dass während der vierwöchigen Postinterventions-Phase bei den Patienten aus der Trigger-Testgruppe deutlich weniger Vorhofflimmern-Episoden auftraten als in der Kontrollgruppe mit reinem Monitoring (adjustierte relative Risikoreduktion, RR: 0,60; p˂ 0,001). Getrieben worden sei dieser Unterschied durch jene Patienten, die als Trigger Alkohol, Dehydration und Sport getestet hätte, berichtete Marcus.

Auf der anderen Seite ergab eine Metaanalyse aller N-of-1-Versuche, dass alleinig der Konsum von Alkohol mit einem signifikant erhöhten Risiko für das Auftreten von Vorhofflimmern assoziiert war. Andere von den Patienten gewählte Trigger, z.B. zu wenig Schlaf, Sport, Liegen auf der linken Körperhälfte, Dehydrierung, schwere Mahlzeiten, kalte Getränke oder Mahlzeiten sowie spezifische Diäten, hatten keinen signifikanten Einfluss. Das galt auch für Koffein – der von den Patienten am häufigste gewählte Trigger. Der signifikante Effekt von Alkohol zeigte sich nur in der Per-Protokoll-Analyse (Odds Ratio, OR: 1,77) und nicht in der Intention-to-Treat-Analyse.

Therapieansatz trotzdem nicht aufgeben

Trotz allem kann die individuelle, systematische Untersuchung von Vorhofflimmern-Triggern den Autoren zufolge Vorteile bringen, nämlich „die Möglichkeit, die Patienten beruhigen zu können, dass eine bestimmte Exposition (einschließlich potenziell angenehmer Dinge wie Koffein) für ihre Erkrankung nicht wichtig ist“, wie sie in der zeitgleich veröffentlichen Publikation im JAMA Cardiology erläutern. Die Wissenschaftler wollen ihren Therapieansatz deshalb nicht aufgeben: „Wir glauben nicht, dass die Publikation der aktuellen Studie die Tür für weitere Versuche, den Nutzen einer individualisierten Suche nach Vorhofflimmern-Triggern aufzuklären, schließen sollte.“

Auch Dr. Mina Chung sieht durchaus Potenzial in einer individuellen Trigger-Testung: Die deutliche Reduktion von Vorhofflimmern-Episoden unterstütze wirklich den Wert einer N-of-1-Studie für individuelle Patienten, äußerte sich die in Cleveland tätige Kardiologie zu den Ergebnissen beim AHA 2021.

Womöglich sei die Studie zu komplex gewesen, geben die Autoren zu bedenken. Eine einfachere, fokussierte Untersuchung könnte die Machbarkeit, das Engagement und das Durchhaltevermögen der Patienten stärken, und dadurch zu einer geringen Abbruchrate und besseren Datenerfassung beitragen, hoffen sie.

Literatur

Marcus G: Testing Individualized Triggers of Atrial Fibrillation: A Randomized Controlled Trial; Late Breaking Science Session 4, AHA Congress, 13-15. November 2021.

Marcus G et al. Individualized Studies of Triggers of Paroxysmal Atrial FibrillationThe I-STOP-AFib Randomized Clinical Trial. JAMA Cardiol. 2021; https://www.doi.org/10.1001/jamacardio.2021.5010

Neueste Kongressmeldungen

Roboter senkt Strahlenbelastung bei PCI-Eingriffen deutlich

Interventionell tätige Kardiologinnen und Kardiologen sind ständig einer erhöhten Strahlenbelastung ausgesetzt. Deutlich verringern lässt sich die Exposition, wenn ein Roboter sie in der Durchführung von PCI-Prozeduren unterstützt.

Neue invasive HFpEF-Therapie besteht ersten Test

Bei HFpEF-Patienten kann eine Dekompensation auch durch eine Volumenverschiebung von extrathorakal nach thorakal ausgelöst werden. Ein Therapieansatz ist deshalb, dem ungünstigen Shift durch Modulation der Splanchnicus-Aktivität entgegenzuwirken. Erste Daten zu diesem Verfahren werden zwar als positiv bewertet, Kritik bleibt aber nicht aus.

Lungenfunktion bei COVID: Impedanz verhält sich anders als bei Herzinsuffizienz

Lungen bei COVID-Patienten können im Röntgen-Thorax aussehen wie Lungen bei Herzinsuffizienz. Die Lungenimpedanzmessung allerdings verhält sich unterschiedlich.

Neueste Kongresse

DGK-Jahrestagung 2022

„Neue Räume für kardiovaskuläre Gesundheit“ – so lautet das diesjährige Motto der 88. Jahrestagung. Alle Infos und Berichte im Kongressdossier.

ACC-Kongress 2022

Der diesjährige Kongress der American College of Cardiology findet wieder in Präsenz in Washington DC und gleichzeitig online statt. In diesem Dossier lesen Sie über die wichtigsten Studien und Themen vom Kongress.

AHA-Kongress 2021

Die wichtigsten Ergebnisse der beim amerikanischen Herzkongress AHA präsentierten  Studie lesen Sie in unserem Dossier. Bleiben Sie auf dem Laufenden.

Highlights

Kardiothek

Alle Videos der Kongressberichte, Interviews und Expertenvorträge zu kardiologischen Themen. 

Corona, COVID-19 & Co.

Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Degenerierte Bioprothesen: Welche TAVI-Klappe ist die beste Wahl?

Bei Patienten mit degenerierten kleinen Aortenklappen-Bioprothesen scheinen selbstexpandierende Transkatheter-Klappen für den katheterbasierten Klappenersatz (Valve-in-Valve-Prozedur) die bessere Option zu sein – zumindest in hämodynamischer Hinsicht.

Benefit von Empagliflozin bei HFpEF keine Frage des Alters

Für den klinischen Nutzen des SGLT2-Hemmers Empafliflozin bei Herzinsuffizienz mit erhaltener Auswurffraktion ist das Alter der Patienten kein zu berücksichtigender Faktor, zeigt eine neue Subanalyse der Studie EMPEROR-Preserved.

Krebsdiagnose erhöht Herzrisiko – unabhängig von traditionellen Risikofaktoren

Menschen, die eine Krebserkrankung überlebt haben, sind einem erhöhten kardiovaskulären Risiko ausgesetzt. Doch woran liegt das? Laut einer prospektiven Studie sind die bekannten Risikofaktoren größtenteils nicht dafür verantwortlich – diese Erkenntnis, postulieren die Autoren, könnte die Praxis beeinflussen.

Aus der Kardiothek

Hätten Sie es erkannt?

Echokardiographischer Zufallsbefund. Was fällt auf?

Interventionelle Techniken bei Herzinsuffizienz: Bei wem, was und wann?

Für das Management von Herzinsuffizienz-Patienten stehen inzwischen auch interventionelle Techniken zur Verfügung, etwa ein intratrialer Shunt zur HFpEF-Therapie oder invasive Devices für die Fernüberwachung. Dr. Sebastian Winkler erklärt in diesem Video, wann der Einsatz solcher Techniken sinnvoll sein könnte, und was es dabei zu beachten gilt.

SGLT2-Hemmung bei Herzinsuffizienz: Mechanismen und pleiotrope Effekte

Inzwischen ist bekannt, dass SGLT2-Inhibitoren über die blutzuckersenkende Wirkung hinaus andere günstige Effekte auf das Herz und die Niere entfalten. Prof. Norbert Frey wirft einen kritischen Blick auf die Studienlage und erläutert daran, was über die Mechanismen der SGLT2-Hemmung tatsächlich bekannt ist.

DGK Jahrestagung 2022/© m:con/Ben van Skyhawk
ACC-Kongress 2022 in Atlanta/© SeanPavonePhoto / Getty Images / iStock
AHA-Kongress 2020 virtuell
Kardiothek/© kardiologie.org
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Kardio-Quiz Juni 2022/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Vortrag vom BNK/© BNK | Kardiologie.org