Nachrichten 07.11.2022

Auch Empagliflozin bei Nierenerkrankungen protektiv wirksam

Eine SGLT2-Hemmung mit Empagliflozin reduziert bei Patienten mit chronischen Nierenerkrankungen das Risiko für eine Progredienz der Nierenschädigung sowie die Zahl kardiovaskulärer Todesfälle, belegen aktuell vorgestellte Ergebnisse der EMPA-KIDNEY-Studie.

Bei Patienten mit chronischer Nierenerkrankung besteht trotz wirksamer Therapien wie Renin-Angiotensin-Aldosteron-System (RAAS)-Blockade noch immer ein erhebliches Risiko, dass die Nierenschädigung weiter voranschreitet und in eine terminale Niereninsuffizienz mündet. Durch SGLT2-Hemmung lässt sich die Progredienz renaler Erkrankungen erfolgreich aufhalten und zudem das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse senken. Das ist in der EMPA-KIDNEY-Studie jetzt auch für den SGLT2-Hemmer Empagliflozin gezeigt worden – sowohl bei Patienten mit als auch ohne Diabetes.

Dr. David Preiss von der Universität Oxford hat die kurz zuvor schon bei einer Tagung der US-Nephrologen („Kidney Week“) präsentierte und simultan im „New England Journal of Medicine“ publizierte Studie den beim AHA-Kongress versammelten Kardiologen vorgestellt.

Risikoreduktion um 28% für Ereignisse des primären Endpunkts

Der primäre Endpunkt der EMPA-KIDNEY-Studie umfasst sowohl Ereignisse, die für eine Progredienz der Nierenerkrankung stehen (terminales Nierenversagen, renal bedingter Tod, anhaltende eGFR-Abnahme auf <10 ml/min/1,73 m2 oder eGFR-Abnahme um ≥40%), als auch kardiovaskuläre Todesfälle.

Im Follow-up der Studie (im Median zwei Jahre) waren von Ereignissen dieses kombinierten Endpunkts 432 von 3.304 Patienten (13,1%) in der Empagliflozin-Gruppe und 558 von 3.305 Pati -enten (16,9%) in der Placebo-Gruppe betroffen. Der Unterschied entspricht einer signifikanten relativen Risikoreduktion um 28% durch Empagliflozin im Vergleich zu Placebo (Hazard Ratio CI]: 0,72; 95% Konfidenzintervall [KI]: 0,64 – 0,82; p<0,001). Nierenkranke Patienten mit und ohne Typ-2-Diabetes profitierten dabei gleichermaßen von der Empagliflozin-Therapie.

Das Risiko für eine Progredienz der renalen Erkrankung wurde dabei relativ um 29% reduziert (11,6% vs. 15,2%; HR: 0,71; 95% KI: 0,62 – 0,81), die Rate für die kardiovaskuläre Mortalität relativ um 16% (1,8% vs. 2,1%, HR: 0,84; 95% KI: 0,60 – 1,19). Die Zahl der kardiovaskulären Ereignisse war allerdings niedriger als erwartet, was die statistische Teststärke der Studie bezüglich dieser Ereignisse schmälert.

Auch Rate für alle Klinikeinweisungen signifikant gesenkt

Auch die Gesamtrate aller, aus welchen Gründen auch immer erfolgten Klinikeinweisungen (sekundärer Endpunkt) war in der Empagliflozin-Gruppe signifikant um 14% niedriger als in der Placebo-Gruppe (24,8% vs. 29,2% pro Jahr: HR: 0,86;95% KI: 0,78 – 0,95; p=0,003).

Für die Kombination aus Klinikeinweisungen wegen Herzinsuffizienz oder kardiovaskulärem Tod (4,0% vs. 4,6%¸0.84; HR: 0, 84, 95% KI: 0,67 – 1,07; p=0,15) und für die Gesamtmortalität (4,5% vs. 5,1%; HR: 0,87; 95% KI: 0,70 – 1,08; p=0,21) als weitere sekundäre Endpunkte resultierte dagegen kein signifikanter Unterschied zwischen beiden Behandlungsgruppen. Die Rate für den kombinierten Endpunkt aus terminalem Nierenversagen und kardiovaskulärem Tod ist dagegen durch Empagliflozin deutlich um 27% versus Placebo gesenkt worden (4,9% vs. 6,6%; HR: 0,73; 95% KI: 0,59 – 0,89).

Eine Überraschung ist der positive Ausgang der schon vor ihrem geplanten Ende gestoppt EMPA-KIDNEY -Studie, über den zuvor schon in einer Top-Line-Meldung informiert worden ist, sicher nicht. Denn mit Dapagliflozin und Canagliflozin hatten zuvor schon zwei andere SGLT2-Hemmer in ebenfalls vorzeitig beendeten randomisierten Studien ihre protektive Wirkung bei Patienten mit chronischen Nierenerkrankungen unter Beweis gestellt – Dapagliflozin in der DAPA-CKD-Studie, Canagliflozin in der CREDENCE-Studie.

In der DAPA-CKD-Studie war das Risiko für den primären Endpunkt (anhaltende Verschlechterung der Nierenfunktion oder Tod = dauerhafte Abnahme der eGFR ≥50% oder Übergang in eine terminale Niereninsuffizienz oder renal oder kardiovaskulär verursachter Tod) im Studienverlauf (medianes Follow-up: 2,4 Jahre) durch Dapagliflozin signifikant um 39% im Vergleich zu Placebo reduziert worden.

Primärer Endpunkt der CREDENCE-Studie war eine Kombination der Ereignisse terminales Nierenversagen (Dialyse, Nierentransplantation oder anhaltende GFR <15 ml/min/1,73 m2), Verdopplung des Serumkreatinins und renal oder kardiovaskulär bedingte Todesfälle. Das relative Risiko für eine Ereignis dieses Endpunkts war am Ende (medianes Follow-up: 2,62 Jahre) in der Canagliflozin-Gruppe signifikant um 30% niedriger als in der Placebo-Gruppe.

Während an der CREDENCE-Studie ausschließlich nierenkranke Patienten mit Diabetes mellitus beteiligt waren, war die Population der DAPA-CKD-Studie gemischt: Bei 67,5% der Teilnehmer bestand außer der Nierenerkrankung auch ein Typ-2-Diabetes vor, bei rund einem Drittel dagegen nicht.

Die bislang größte SGLT2-Hemmer-Studie bei Nierenkranken

Für EMPA-KIDNEY waren insgesamt 6609 Patientinnen und Patienten mit chronischen Nierenerkrankungen (mittleres Alter 64 Jahre, 33% Frauen) rekrutiert und nach Zufallszuteilung einer Behandlung mit Empagliflozin (10 mg/Tag) oder Placebo zugeführt worden.

Das Spektrum der eingeschlossenen Patienten ist breiter als in den beiden vorangegangenen Studien. Geeignet für die Studienteilnahme waren Patienten mit Nierenerkrankung und eGFR im Bereich ≥ 20 bis < 45 ml/min/1,73 m2 bzw. einer eGRF im Bereich zwischen 45 und 90 ml/min/1,73 m2 in Kombination mit einer Albumin/Kreatinin-Ratio (mg/g) im Urin von ≥ 200. Im Mittel betrug der Wert für die eGFR 37,3 ml/min/1,73 m2, rund ein Drittel (34,5%) der Teilnehmer hatten initial eine eGFR im niedrigen Bereich unter 30 ml/min/1,73 m2.

Die meisten EMPA-KIDNEY-Teilnehmern (54%) hatten keinen Diabetes mellitus. Häufigste chronische Nierenerkrankungen im Studienkollektiv waren diabetische Nephropathien (31%), glomeruläre Erkrankungen (25%) und hypertensive/renovaskuläre Erkrankungen (22%).

Literatur

Preiss D.: Empagliflozin and Cardiovascular Outcomes in Patients With Chronic Kidney Disease: The EMPA-KIDNEY Trial. Late Breaking Science 05. AHA Kongress 2022, 5. – 7. November 2022, Chicago.

Empagliflozin in Patients with Chronic Kidney Disease - The EMPA-KIDNEY Collaborative Group. N Engl J Med. 2022. DOI: 10.1056/NEJMoa2204233

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