Nachrichten 02.11.2022

Herzkongress AHA 2022: Diese neuen Studien stehen im Blickpunkt

Vom 5. bis 7. November 2022 findet in Chicago die Jahrestagung der American Heart Association (AHA) statt. Zu den erwarteten „Late-breaking Trials“ zählen diesmal einige Studien, in denen diverse „Oldies“ unter den kardiologischen Therapien im Fokus stehen.

Nicht weniger als 34 neue Studien in neun „Late Breaking Science“-Sitzungen stehen beim AHA-Kongress 2022 auf dem Programm – einige davon mit Potenzial zur Praxisveränderung.

Die Riege der „Late-Breaker“ beim AHA-Kongress beginnt mit der an Zentren in den USA durchgeführten TRANSFORM-HF-Studie. Ihre Ergebnisse könnten Auswirkungen auf die künftige Wahl des Diuretikums in der Behandlung der Herzinsuffizienz haben.

Herzinsuffizienz: Ist Torasemid besser als Furosemid?

Schon seit geraumer Zeit kursiert die These, dass Torasemid aufgrund eines potenziell günstigeren pharmakologischen Profils als Schleifendiuretikum bei Herzinsuffizienz im Vergleich zu Furosemid die bessere Wahl sei. Als Gründe werden unter anderen die höhere Wirkpotenz von Torasemid, seine höhere Bioverfügbarkeit und längere Wirkdauer sowie von der Diurese unabhängige Effekte wie Aldosteron-Hemmung und Fibrose-Reduktion genannt.

Der überzeugende klinische Beleg für die Überlegenheit von Torasemid fehlte aber bislang. Diese Lücke soll durch TRANSFORM-HF geschlossen werden. Die Studie soll zeigen, dass Torasemid Mortalität und Hospitalisierungen wegen Herzinsuffizienz im Vergleich zu Furosemid deutlich reduziert. Dazu war eine Teilnahme von rund 6.000 hospitalisierten Patientinnen und Patienten mit Herzinsuffizienz geplant, die vor der Klinikentlassung nach Zufallszuteilung auf Torasemid oder Furosemid eingestellt worden waren.

Hypertonie: Ist Chlortalidon besser als HCTZ?

Auch in der dann folgenden DCP-Studie (Diuretic Comparison Project) stehen mit Chlortalidon und Hydrochlorothiazid (HCTZ) zwei pharmakologische Oldies im Blickpunkt, über deren relative Wirksamkeit in der blutdrucksenkenden Therapie schon viel diskutiert worden ist. Hier spricht einiges dafür, dass Chlortalidon die bessere Wahl unter den Thiaziddiuretika sein könnte. Sollte die DCP-Studie das bestätigen, könnte das von praxisrelevanter Bedeutung sein.

Für die 2016 gestartete Studie sind 13.523 bereits wegen Hypertonie mit HCTZ behandelte US-Veteranen im Alter über 65 Jahre aufgenommen worden, die nach Randomisierung entweder mit HCTZ weiterbehandelt oder auf Chlortalidon umgestellt wurden. Untersucht wird der Effekte beider Diuretika auf kardiovaskuläre Ereignisse wie Myokardinfarkt und Schlaganfall.

Prognoseverbesserung durch Senkung von Triglyzeriden?

Auf DCP folgt die große PROMINENT-Studie. Sie sollte Belege dafür erbringen, dass sich das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse bei Patientinnen und Patienten mit Typ-2-Diabetes, Hypertrigylzeridämie und niedrigen HDL-C-Spiegeln additiv zu Statinen durch Senkung der Triglyzerid-Serumspiegel weiter reduzieren lässt. Die Studienpopulation umfasst rund 10.000 Teilnehmer, von denen zwei Drittel bereits eine manifeste kardiovaskuläre Erkrankung aufweisen. Sie sind entweder mit dem Wirkstoff Pemafibrate oder Placebo additiv zur Standardtherapie behandelt worden.

Den primären Studienendpunkt bildet eine Kombination der Ereignisse Myokardinfarkt, ischämischer Schlaganfall, Hospitalisierung wegen Angina pectoris oder Revaskularisation sowie kardiovaskulär verursachter Tod. Bereits im April 2022 wurde die Öffentlichkeit darüber informiert, dass die PROMINENT-Studie nach entsprechender Empfehlung ihres Data Safety Monitoring Board (DSMB) vorzeitig gestoppt worden ist. Als Grund wird die mangelnde Aussicht auf den Nachweis einer positiven Wirkung von Pemafibrat genannt.

Neues zum Thema Herzinsuffizienz

In der zweiten „Late Breaking Science“-Sitzung liegt der Schwerpunkt auf dem Thema Herzinsuffizienz. Erwartet werden unter anderem weitere Ergebnisse einer Studie zur In-vivo-Gentherapie mit der CRISPR/Cas-Genschere bei Patienten mit ATTR-Amyloidosen und Kardiomyopathie. Erste Daten dazu waren bereits 2021 im „New England Journal of Medicine“ publiziert worden (siehe Bericht hier).

In der COACH-Studie ist ein neuer klinischer Algorithmus im Vergleich zur Standardversorgung (usual care) bei Patienten mit akuter Herzinsuffizienz geprüft worden. Der Algorithmus soll es Ärzten ermöglichen, die Patienten schon in der Notfallambulanz in Gruppen mit hohem, mittlerem und niedrigem Risiko zu stratifizieren. Patienten mit niedrigem Risiko sollen dann frühzeitig nach Hause entlassen und in dieser Zeit engmaschig überwacht werden.

Mit IRONMAN wird zudem die bis dato größte Studie zum klinischen Nutzen einer intravenösen Eisengabe bei Patienten mit Herzinsuffizienz erwartet. Für die Studie sollten an Zentren im Vereinigten Königreich rund 1.300 Patientinnen und Patienten mit Herzinsuffizienz und erniedrigter linksventrikulärer Auswurffraktion (≤45%) sowie Evidenz für einen bestehenden Eisenmangel rekrutiert werden.

Nach Randomisierung erhielten die Teilnehmer entweder eine intravenöse Behandlung mit Eisen-Derisomaltose oder keine entsprechend Behandlung. Primärer Wirksamkeitsendpunkt der Studie ist eine Kombination der Ereignisse kardiovaskulärer Tod und Hospitalisierung wegen Herzinsuffizienz.

Auch Traditionelle Chinesische Medizin kommt zum Zug

Mit CTS-AMI stellen chinesische Untersucher eine randomisierte Studie vor, in der mit Tongxinluo (TXL) erstmals ein Arzneimittel aus der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) bei Patientinnen und Patienten mit akutem ST-Hebungs-Myokardinfarkt (STEMI) auf seine Wirksamkeit geprüft worden ist.

Gemäß Studienplan sollten knapp 3.800 Teilnehmer mit STEMI eine Behandlung mit TXL in Kapseln oder mit Placebo erhalten. Maßgeblich für die Beurteilung der Wirksamkeit ist primär die Inzidenz von kardio- und zerebrovaskulären Ereignissen zum Zeitpunkt nach 30 Tagen.

Größte Studie mit SGLT2-Hemmer bei Nierenerkrankungen

Mit EMPA-KIDNEY soll bei AHA-Kongress auch die bis dato größte Studie zur präventiven Wirksamkeit eines SGLT2-Hemmers bei Patienten mit chronischen Nierenerkrankungen vorgestellt werden. Einer im März 2022 veröffentlichter Top-Line-Meldung zufolge ist die Studie aufgrund einer früher als erwartet festgestellten Wirksamkeit des SGLT2-Hemmers Empagliflozin vorzeitig gestoppt worden.

Für EMPA-KIDNEY sind insgesamt 6609 Personen mit chronischen Nierenerkrankungen (mittleres Alter 64 Jahre, 33% Frauen) rekrutiert und nach Zufallszuteilung einer Behandlung mit Empagliflozin (10 mg/Tag) oder Placebo zugeführt worden. Bei der Mehrzahl der Teilnehmer (54%) bestand kein Diabetes mellitus. Häufigste chronische Nierenerkrankungen waren bei ihnen diabetische Nephropathien (31%), glomeruläre Erkrankungen (25%) und hypertensive/renovaskuläre Erkrankungen (22%).

Primärer Endpunkt in EMPA-KIDNEY ist eine Kombination aus Ereignissen, die eine Progredienz der Nierenerkrankung widerspiegeln (terminales Nierenversagen, renal bedingter Tod, anhaltende eGFR-Abnahme auf <10 ml/min/1,73 m2 oder eGFR-Abnahme um ≥40%), sowie kardiovaskulären Todesfällen.

Evidenz für die Therapiewahl bei kritischer Beinischämie

Bezüglich der Gruppe der Patienten mit kritischer Extremitätenischämie (critical limb ischemia, CLI) als schwerwiegende Form der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (PAVK) mangelt es noch an qualitativ hochwertigen Studien, die bei der Frage, welche Therapieoption für welche CLI-Patienten die beste ist, Orientierung geben könnten. Die beim AHA-Kongress erwartete, vom National Heart, Lung, and Blood Institute (NHLBI) in den USA unterstützte BEST-CLI-Studie soll daran etwas ändern.

Geplant war, rund 2.100 Patientinnen und Patienten mit PAVK und CLI, die sowohl für eine offene chirurgische als auch für eine endovaskuläre katheterbasierte Revaskularisation geeignet erschienen, in die Studie aufzunehmen und nach Zufallszuteilung einer der beiden Behandlungen zuzuführen. In zwei Präsentationen beim AHA-Kongress sollen klinische Ergebnisse beider Verfahren sowie deren Effekt auf die Lebensqualität beleuchtet werden.

Neues auch zur antiarrhythmischen Therapie

Studien wie EARLY-AF und STOP-AF-First, die der Kryoballon-Ablation eine deutlich höhere antiarrhythmische Effizienz im Vergleich zur medikamentösen Therapie mit Antiarrhythmika bei paroxysmalem Vorhofflimmern bescheinigen, lieferten bereits starke Argumente für die kathetergeführte Ablationsbehandlung als zu bevorzugende First-Line-Therapie bei dieser Indikation. Mit PROGRESSIVE-AF steht bei AHA-Kongress nun eine weitere Studie zum Stellenwert der Kryoablation als Ersttherapie bei Vorhofflimmern im Vergleich zur Antiarrhythmika-Therapie auf dem Programm. Im Fokus der Studie steht speziell der Effekt beider Strategien auf die per kontinuierlichem Rhythmusmonitoring erfasste Progression von Vorhofflimmern.

In der ebenfalls zur Präsentation anstehenden RAPID-Studie ist die Wirksamkeit des per Nasenspray applizierten Wirkstoffs Etripamil bei Patienten mit paroxysmalen supraventrikulären Tachykardien geprüft worden. Einer Mitte Oktober 2022 veröffentlichten Top-Line-Meldung des Studiensponsors zufolge ist es gelungen, die Rate an frühen Konversionen in Sinusrhythmus durch Etripamil zu verdoppeln.

Neue Optionen bei resistenter Hypertonie im Test

Eine eigene „Late Breaking Science“-Sitzung ist dem Thema „resistente Hypertonie“ gewidmet. Studiendaten zu drei neuen Kandidaten für die antihypertensive Therapie sollten vorgestellt werden. In der FRESH-Studie ist Firibastat, ein selektiver Inhibitor der Aminopeptidase A, der die Produktion von Angiotensin III im Gehirn hemmen soll, auf Wirksamkeit und Sicherheit geprüft worden.

Auch über den dualen Endothelin- Rezeptor Antagonisten Aprocitentan (PRECISION-Studie) und den Aldosteron-Synthase-Inhibitor Baxdrostat (BrigHTN-Studie) wird beim AHA-Kongress mehr zu erfahren sein.

Unser Redaktionsteam wird Sie über die Ergebnisse dieser und weiterer beim Kongress in Chicago vorgestellter neuer Studien mit aktuellen Berichten auf dem Laufenden halten.

Neueste Kongressmeldungen

Booster für Bivalirudin bei radialen STEMI-Interventionen

Die BRIGHT-4 Studie rückt den Thrombin-Blocker Bivalirudin zurück in den Fokus. Bei STEMI-Interventionen über einen radialen Zugang wurde ein kombinierter Endpunkt aus Gesamtsterblichkeit und schwerer Blutung im Vergleich zu Heparin um ein Viertel reduziert.

Kardiogener Schock: Was nützt frühe ECMO?

Patienten mit kardiogenem Schock, bei denen früh eine ECMO-Therapie begonnen wird, haben hinsichtlich Reanimationsbedürftigkeit und Gesamtmortalität keinen Vorteil gegenüber Patienten, bei denen die Indikation zur mechanischen Kreislaufunterstützung später gestellt wird.

Welche Antikoagulation bei Dialyse-Patienten mit Vorhofflimmern?

Apixaban scheint in der Antikoagulation bei Patienten mit dialysepflichtigem Nierenversagen und Vorhofflimmern ebenso wirksam und sicher zu sein wie ein Vitamin-K-Antagonist. Das legen Ergebnisse der deutschen AXADIA-AFNET-8-Studie nahe.

Neueste Kongresse

DGK.Herztage 2022

Vom 29.9.-1.10.2022 finden die DGK.Herztage in Bonn statt.

TCT-Kongress 2022

Hier finden Sie die Highlights der Transcatheter Cardiovascular Therapeutics (TCT) Conference 2022, der weltweit größten Fortbildungsveranstaltung für interventionelle Kardiologie. 

DGK-Jahrestagung 2022

„Neue Räume für kardiovaskuläre Gesundheit“ – so lautet das diesjährige Motto der 88. Jahrestagung. Alle Infos und Berichte im Kongressdossier.

DGK.Herztage 2022/© DGK
TCT-Kongress 2022/© mandritoiu / stock.adobe.com
DGK Jahrestagung 2022/© m:con/Ben van Skyhawk