Nachrichten 31.10.2018

"Das wäre überragend" – wenn ARNI auch beim Herzinfarkt wirkt

Sacubitril/Valsartan, kurz ARNI (Angiotensin-Neprilysin-Inhibitor), hat seine Karriere als Herzinsuffizienz-Medikament begonnen. Nun legen experimentelle Daten nahe, dass der Wirkstoff auch in der Akutphase eines Herzinfarkts wirken könnte – Experten  sind zuversichtlich.

ARNI wurde in der Herzinsuffizienz-Therapie als „Shooting Star“ gefeiert. Mittlerweile ist der Angiotensin-Rezeptor-Neprilysin-Inhibitor in dieser Indikation zugelassen und wird von den Leitlinien empfohlen. Jetzt versucht der Hersteller, die Substanz in einem weiteren Indikationsgebiet zu etablieren: als Herzinfarkt-Medikament. Dass diese Ambitionen nicht aus der Luft gegriffen sind, wird nun an ersten umfassenden Ergebnissen im Tiermodell deutlich.

Es wäre überragend, wenn die Substanz sich als wirksame Therapie für den akuten Herzinfarkt erweisen würde und sich damit die Entstehung einer ischämischen Herzinsuffizienz verhindern lasse, kommentieren Prof. David Lefer und Prof. Thomas Sharp die aktuellen Ergebnisse.

Der Gedanke dahinter ist, dass die Substanz durch ihren dualen Wirkmechanismus – der RAAS-Blockade und der Erhöhung zirkulierender natriuretischer Peptide – dazu in der Lage ist, die neurohumorale Balance nach dem Akutereignis wiederherzustellen und so die Bildung einer Infarktnarbe und das kardiale Remodeling aufzuhalten. Eine große klinische Studie (PARADISE-MI), die ARNI in dieser Indikation prüft, ist bereits angelaufen.

Substanz wirkt sowohl akut als auch dauerhaft

In der aktuellen Studie wurde die Substanz an Kaninchen getestet, die einer 45-minütigen Ischämie ausgesetzt worden sind. In einem Versuchsarm wurde den Tieren direkt zum Zeitpunkt der darauffolgenden Reperfusion Sacubitril/Valsartan, Valsartan alleine oder Placebo appliziert und nach 72 Stunden kardiales Troponin I, die Infarktgröße sowie die linksventrikuläre Auswurffraktion (LVEF) bestimmt (Akuttherapie). Dasselbe Prozedere wurde in einem weiteren Versuchsarm wiederholt, nur dass die Behandlung über zehn Wochen fortgesetzt wurde (akut + chronische Therapie). Im dritten Versuch begann die Therapie erst Wochen nach der Reperfusion und zwar nur bei solchen Tieren, die bereits eine eingeschränkte LVEF von ≤ 40% hatten (chronische Therapie).

In der Akutphase konnte ARNI die Infarktgröße, die Troponin-Ausschüttung und den LVEF-Verlust verhindern. Dauerhaft gegeben verzögerte die Substanz die Narbenbildung und den weiteren Verlust der Pumpfunktion und wirkte somit der Entwicklung einer Herzinsuffizienz entgegen.

Interessant: ARNI fördert die Narbenrückbildung

Das ist aber nicht die einzige Wirkung, die die Studienautoren der Substanz attestierten. Sacubitril/Valsartan scheint auch die Rückbildung von bereits bestehendem Narbengewebe zu begünstigen. So stellten Dr. Juan Torrado und Kollegen fest, dass die Fibrosierung des Myokards bei nicht behandelten Tieren sechs Wochen nach den Infarkt  genauso ausgeprägt war wie bei den mit Placebo behandelten nach zehn Wochen (16,3 +/- 4,9%). Im chronischen Versuchsarm wurden die Tiere aber erst ab der 6. Woche behandelt; sprich zwischen der 6. und 10. Woche hat sich das Narbengewebe bei den mit Sacubitril/Valsartan behandelten Tieren offenbar zurückgebildet, sonst dürfte kein Unterschied zwischen den Gruppen erkennbar sein.  Mit Sacubitril/Valsartan als „Rescue“-Therapie lasse sich der Verlust der Myokardfunktion also nicht nur aufhalten, sondern auch reversieren, resümieren die Studienautoren. 

Zwar hat auch Valsartan als Monotherapie den ischämisch getriggerten Verlust der Pumpfunktion im Vergleich zu Placebo verhindern können. Allerdings habe die duale Therapie sowohl in der Akut- als auch in der chronischen Phase besser abgeschnitten, berichten die Studienautoren.

Literatur

Torrado J, Cain C,  Mauro A et al. Sacubitril/Valsartan Averts Adverse Post-Infarction Ventricular Remodeling and Preserves Systolic Function in Rabbits; Journal of the American College of Cardiology Nov 2018, 72 (19) 2342-2356; DOI: 10.1016/j.jacc.2018.07.102

Lefer D, Sharp T. Angiotensin Receptor-Neprilysin Inhibitors Emerge as Potential Treatment for Acute Myocardial Infarction; Journal of the American College of Cardiology Nov 2018, 72 (19) 2357-2359; DOI: 10.1016/j.jacc.2018.08.2170

Highlights

Kardiothek

Alle Videos der Kongressberichte, Interviews und Expertenvorträge zu kardiologischen Themen. 

Corona, COVID-19 & Co.

Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Degenerierte Bioprothesen: Welche TAVI-Klappe ist die beste Wahl?

Bei Patienten mit degenerierten kleinen Aortenklappen-Bioprothesen scheinen selbstexpandierende Transkatheter-Klappen für den katheterbasierten Klappenersatz (Valve-in-Valve-Prozedur) die bessere Option zu sein – zumindest in hämodynamischer Hinsicht.

Benefit von Empagliflozin bei HFpEF keine Frage des Alters

Für den klinischen Nutzen des SGLT2-Hemmers Empafliflozin bei Herzinsuffizienz mit erhaltener Auswurffraktion ist das Alter der Patienten kein zu berücksichtigender Faktor, zeigt eine neue Subanalyse der Studie EMPEROR-Preserved.

Krebsdiagnose erhöht Herzrisiko – unabhängig von traditionellen Risikofaktoren

Menschen, die eine Krebserkrankung überlebt haben, sind einem erhöhten kardiovaskulären Risiko ausgesetzt. Doch woran liegt das? Laut einer prospektiven Studie sind die bekannten Risikofaktoren größtenteils nicht dafür verantwortlich – diese Erkenntnis, postulieren die Autoren, könnte die Praxis beeinflussen.

Aus der Kardiothek

Hätten Sie es erkannt?

Echokardiographischer Zufallsbefund. Was fällt auf?

Interventionelle Techniken bei Herzinsuffizienz: Bei wem, was und wann?

Für das Management von Herzinsuffizienz-Patienten stehen inzwischen auch interventionelle Techniken zur Verfügung, etwa ein intratrialer Shunt zur HFpEF-Therapie oder invasive Devices für die Fernüberwachung. Dr. Sebastian Winkler erklärt in diesem Video, wann der Einsatz solcher Techniken sinnvoll sein könnte, und was es dabei zu beachten gilt.

SGLT2-Hemmung bei Herzinsuffizienz: Mechanismen und pleiotrope Effekte

Inzwischen ist bekannt, dass SGLT2-Inhibitoren über die blutzuckersenkende Wirkung hinaus andere günstige Effekte auf das Herz und die Niere entfalten. Prof. Norbert Frey wirft einen kritischen Blick auf die Studienlage und erläutert daran, was über die Mechanismen der SGLT2-Hemmung tatsächlich bekannt ist.

Kardiothek/© kardiologie.org
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Kardio-Quiz Juni 2022/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Vortrag vom BNK/© BNK | Kardiologie.org