Nachrichten 02.07.2020

Schmerzen von Herzinfarkt-Patienten besser mit Paracetamol behandeln?

Patienten mit akutem Koronarsyndrom erhalten häufig Opioide gegen ihre Schmerzen. Doch diese Analgetika können mit der Antiplättchentherapie interagieren. Wissenschaftler haben nun die Eignung eines alternativen Schmerzmittels geprüft.  

Wie sollte man Schmerzen von Patienten mit einem ST-Hebungsinfarkt (STEMI) behandeln? Üblicherweise werden Opioide wie Morphin oder Fentanyl eingesetzt. Doch diese Medikamente verzögern die Absorption der oral zugeführten P2Y12-Inhibitoren, die Patienten mit einem akuten Koronarsyndrom (ACS) bekanntlich ebenfalls erhalten.

Opioide verzögern Absorption von Plättchenhemmern

So hat erst eine kürzlich publizierte Studie gezeigt, dass eine gleichzeitige Behandlung mit Morphin und Clopidogrel bei Patienten mit ACS ohne ST-Streckenhebung (NSTE-ACS) das Risiko für erneute ischämische Ereignisse erhöht. Eine Möglichkeit, derartige Wechselwirkungen zu vermeiden, wäre ein alternatives Schmerzmittel einzusetzen.

Wissenschaftler um Dr. Anne Tavenier aus Zwolle in den Niederlanden haben nun einen Versuch mit Paracetamol unternommen. In der randomisierten ON-TIME-3-Studie sind 195 STEMI-Patienten mit mäßigen bis starken Schmerzen (≥ 4 auf der Schmerzskala) vor Einlieferung in die Klinik entweder mit Fentanyl i.v. (1–2 bis maximal 4 μg/kg) oder Paracetamol i.v. (1000 mg) behandelt worden. Kurz zuvor haben alle Patienten Ticagrelor zerdrückt, ASS und Heparin erhalten.

Bei Paracetamol sind Ticagrelor-Wirkstoffspiegel höher

Zu vier unterschiedlichen Zeitpunkten haben Tavenier und Kollegen daraufhin die Hemmung der Thrombozytenaggregation, die Konzentration von Ticagrelor und dessen aktiven Metaboliten gemessen und das Schmerzausmaß evaluiert.  

Dabei stellten die Wissenschaftler fest, dass die systemischen Konzentrationen von Ticagrelor und dessen aktiven Metaboliten in den ersten Stunden nach Verabreichung von Paracetamol deutlich höher sind als bei Fentanyl. Eine Stunde vor der perkutanen Katheterintervention lagen die Spiegel bei 151 [32–509] vs. 60 [13–206] ng/ml (p=0,007), eine Stunde nach dem Eingriff bei 488 [281–974] vs. 372 [95–635] ng/ml (p=0,002).

Die erhöhten Wirkstoffspiegel von Ticagrelor bewirkten allerdings nur eine tendenzielle, aber nicht signifikant stärkere Hemmung der Thrombozytenaggregation (mittlere Plättchen-Reaktionunit [PRU] direkt nach PCI: 104 vs. 175; p=0,18).

Die Schmerzen der Patienten konnten beide Analgetika gleichermaßen senken.

In Zukunft vielleicht eine Alternative

Trotz der nicht signifikanten Unterschiede in der Plättchenhemmung kann sich Tavenier Paracetamol i.v. als alternatives Analgetikum bei STEMI-Patienten vorstellen. „Die Ergebnisse dieser Studie könnten Implikationen für die künftige prähospitale Behandlung von STEMI-Patienten haben“, stellte die Kardiologin praktischen Konsequenzen beim Onlinekongress PCR e-Course heraus. Nachdem die ON-TIME-3-Studie die pharmakokinetische Eignung von Paracetamol gezeigt hat, müssen nun weitere größere Studien beweisen, wie sich eine Therapie mit diesem Schmerzmittel auf klinische Endpunkte auswirkt – und dann wird man sehen, ob es eine echte Alternative werden kann.   

Literatur

Tavenier A: Impact of opioids on P2Y12-receptor inhibition in STEMI - The ON-TIME 3 trial, vorgestellt am 27.06. beim PCR e-Course 2020

Highlights

Das Live-Kongress-Angebot der DGK

Zurück aus der Sommerpause: Sichern Sie sich den Zugang zu allen zertifizierten Vorträgen von DGK.Online 2021.

Corona, COVID-19 & Co.

Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Was die Cholesterinwerte von Schwangeren über Herzinfarkte der Nachkommen verraten

Hypercholesterinämie in der Schwangerschaft könnte die kardiovaskuläre Gesundheit der Nachkommen im Erwachsenenalter beeinträchtigen. Forscher entdeckten unter anderem signifikante Korrelationen mit dem Auftreten schwerer Herzinfarkte.

Bestimmte Antibiotika könnten Herztod-Risiko von Dialysepatienten erhöhen

Dialysepflichtige Patienten sind besonders gefährdet, an einem plötzlichen Herztod zu versterben. Eine aktuelle Analyse legt nun nahe, dass bestimmte Antibiotika das Risiko erhöhen könnten. Was heißt das nun für die Praxis?

Screening von Sportlern: Wann eine Echokardiografie Sinn macht

Von den Leitlinien wird eine Echokardiografie als Screeningmethode bei Athleten bisher nicht empfohlen. Bei den DGK-Herztagen erläuterte ein Experte, warum ein zusätzlicher Einsatz dieser Methode Sinn machen kann – und wie sie sich sinnvoll implementieren lässt.

Aus der Kardiothek

Hätten Sie es erkannt?

Ausschnitt einer Ergometrie eines 40-Jährigen Patienten mit gelegentlichem thorakalem Stechen. Was ist zu sehen?

Raumforderung im rechten Vorhof – was war die Ursache?

Echokardiographie einer 65-jährigen Patientin, die sich wegen Luftnot vorstellt. Im apikalen 4-Kammerblick zeigt sich eine Raumforderung im rechten Vorhof.

Fehlbildung am Herzen – was sehen Sie im CT?

3-D Rekonstruktion einer kardialen Computertomographie. Welche kardiale Fehlbildung ist zu sehen?

Neueste Kongressmeldungen

Screening von Sportlern: Wann eine Echokardiografie Sinn macht

Von den Leitlinien wird eine Echokardiografie als Screeningmethode bei Athleten bisher nicht empfohlen. Bei den DGK-Herztagen erläuterte ein Experte, warum ein zusätzlicher Einsatz dieser Methode Sinn machen kann – und wie sie sich sinnvoll implementieren lässt.

Plötzlicher Herztod bei jungen Menschen: Ursache bleibt häufig unklar

Wenn junge Menschen einen plötzlichen Herztod erleiden, bleibt die Ursache in vielen Fällen unklar – selbst nach umfassender Diagnostik, wie eine neue Analyse aus Ulm deutlich macht.

Störeinflüsse des iPhone 12 auf Schrittmacher & ICDs – wirklich ein Risiko?

Berichte über Interaktionen des iPhone 12 mit Schrittmacher- und ICD-Funktionen haben für Aufsehen gesorgt. Nun haben Kardiologen aus Gießen eine umfassende Untersuchung vorgenommen – und können Entwarnung geben.

Neueste Kongresse

ESC-Kongress 2021

Der diesjährige Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) findet erneut als digitales Event statt vom 27. bis 30. August 2021. Vier neue Leitlinien werden präsentiert, 19 Hotline-Sessions könnten ebenfalls die Praxis verändern. In diesem Dossier berichten wir über diese und weitere Highlights.

HRS-Kongress 2021

Der diesjährige Kongress der Heart Rhythm Society (HRS) hatte rhythmologisch einige zu bieten: neue Pacing-Methoden, provokative Ergebnisse in puncto Alkohol und Vorhofflimmern und vieles mehr. Seit langem fand ein Kongress mal wieder als Vor-Ort-Event statt, in diesem Fall trafen sich die Experten in Boston. Alle Sessions konnten aber auch virtuell verfolgt werden. Ausgewählte Highlights finden Sie in diesem Dossier.

EuroPCR-Kongress 2021

Einer der weltweit führenden Kongresse für interventionelle kardiovaskuläre Medizin – der EuroPCR – fand in diesem Jahr vom 17. bis 20. Mai 2021 virtuell statt. Die wichtigsten Studienergebnisse sind für Sie in diesem Dossier zusammengetragen. 

DGK.Online 2021/© DGK
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Kardio-Quiz September 2021/© L. Anneken, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Kardio-Quiz August 2021/© F. Ammon, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Computertomographie/© S. Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlanen-Nürnberg
ESC-Kongress (virtuell)/© everythingpossible / stock.adobe.com
Digitaler HRS-Kongress 2021/© mandritoiu / stock.adobe.com
EuroPCR-Kongress 2021