Nachrichten 25.01.2018

Grippe-Infektion erhöht Herzinfarkt-Risiko um das Sechsfache

Kurz nach einer Influenza-Infektion steigt das Herzinfarkt-Risiko enorm an. Erstmals ließ sich dieser Zusammenhang mithilfe labordiagnostischer Methoden nachweisen. Das aktuelle Studienergebnis führt einmal mehr vor Augen, dass Prävention mit einfachen Mitteln möglich ist.  

Einige der jährlich auftretenden Herzinfarkte wären womöglich durch eine Grippe-Impfung vermeidbar gewesen. Denn erneut hat sich in einer Studie gezeigt, dass Menschen nach einer Influenza-Infektion einem deutlich erhöhtem Herzinfarkt-Risiko ausgesetzt sind.

Bereits in den 1930iger Jahren haben Wissenschaftler auf die erhöhte kardiovaskuläre Sterblichkeit nach Grippe-Wellen hingewiesen. Seither folgten diverse Untersuchungen, in denen sich ein entsprechender Zusammenhang bestätigen ließ.

Diagnose durch Erregernachweis gesichert

Das Besondere an der aktuell im „New England Journal of Medicine“ publizierten Studie ist, dass die Diagnose einer Influenza-Infektion nicht allein auf der klinischen Symptomatik beruhte. Der Verdacht wurde anhand eines im Labor durchgeführten hochspezifischen Erregernachweises gesichert.

Dabei stellte sich heraus, dass in den sieben Tagen nach dem Erregernachweis das Risiko für einen Herzinfarkt um das Sechsfache höher war als in der Zeit davor oder danach.

Gefährdete Personen impfen

Die Studienautoren sehen in diesem Befund eine Bestätigung der aktuellen Empfehlungen, über 65-jährige auch zum Schutz vor kardiovaskulären Ereignissen gegen Influenza zu impfen. Andere Studien hätten bereits gezeigt, dass eine entsprechende Vakzinierung kardiovaskuläre Ereignisse verhindern könne. Sie hoffen nun, dass ihre Ergebnisse zu einer höheren Durchimpfungsrate beitragen. Diese sei bei Personen mit einem hohen kardiovaskulären Risiko immer noch suboptimal.

Zu geringe Durchimpfungsrate in Deutschland

Hierzulande empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) eine Influenza-Impfung mit einem quadrivalenten Impfstoff (seit Januar 2018) für alle Personen ab einem Alter von 60 Jahren und darüber hinaus für Menschen mit erhöhter gesundheitlicher Gefährdung, dazu zählen auch Patienten mit chronischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Allerdings zeigen Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigungen, dass sich in der Saison 2015/2016 deutschlandweit nur 35% der über 60-Jährigen gegen Grippe haben impfen lassen (Rieck et al. in Epid Bull 1/2017).

Insgesamt konnten die Studienautoren um Dr. Jeffey Kwong  364 Fälle von akuten Herzinfarkten ausfindig machen, die in dem Jahr vor oder nach einer Influenza-Infektion stattgefunden haben. Insgesamt 20 Ereignisse passierten während der sog. vulnerablen Phase, also sieben Tage nach dem Erregernachweis, die anderen fanden in der Kontrollperiode statt (52 Wochen vor oder 51 Wochen nach der Diagnose).

Auf die Woche berechnet macht das eine Ereignisrate von 3,3 Fällen in der Kontrollphase vs. 20 Fälle, die der Infektion zuzuschreiben sind (Inzidenz-Ratio: 6,05). Die meisten Infektionen wurden durch das Influenza A-Virus verursacht (82%), 18% waren dem Influenza B-Virus zuzuschreiben.

Ältere Personen und Patienten, die bereits einen Infarkt erlitten hatten, waren besonders gefährdet, nach der Infektion einen Herzinfarkt zu erleiden.

Doch wirkt die herkömmliche Impfung?

Anzumerken ist allerdings, dass immerhin ein Drittel aller Personen gegen Grippe geimpft war, sie somit trotz Impfung an Influenza erkrankt waren. Dieser Umstand solle allerdings nicht missinterpretiert werden, dass die Impfung keinen Schutz biete, betonen die Autoren. Denn die Studie sei nicht dafür gepowert, die Effektivität des Grippeimpfstoffes zu evaluieren.

Alles in allem führt die Studie einmal mehr vor Augen, dass Prävention schon mit einfachen Maßnahmen möglich ist. Kwong und Kollegen zufolge könnte das kardiovaskuläre Risiko beispielsweise durch Hygienemaßnahmen wie Händewaschen verringert werden. Die Entwicklung weiterer effektiverer Impfstoffe könnte ebenfalls zur kardiovaskulären Prävention beitragen.

In der INVESTED-Studie wird derzeit an 9.300 Patienten untersucht, ob ein spezieller trivalenter Hochdosis-Impfstoff einen besseren Schutz vor kardiopulmonalen Ereignissen bietet als der quadrivalente Standardimpfstoff. Die Studienteilnehmer hatten bereits einen Herzinfarkt erlitten oder sind an einer Herzinsuffizienz erkrankt.

Literatur

Kwong JC, Schwartz KL, Campitelli MA, et al. Acute myocardial infarction after laboratory-confirmed influenza infection. N Engl J Med 2018;378;345-353.

Highlights

Corona, COVID-19 & Co.

Die Ausbreitung des Coronavirus hat einschneidende Folgen auch für die Herzmedizin. Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

ESC-Kongress 2020

Für die virtuelle Jahrestagung der European Society of Cardiology (ESC) haben sich mehr als 100.000 Teilnehmer angemeldet. Die wichtigsten Änderungen der neuen Leitlinien und die praxisrelevanten Studien finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Neue Therapie wirkt nephro- und kardioprotektiv bei Nierenkranken

Der Wirkstoff Finerenon verzögert bei Patienten mit Typ-2-Diabetes die Progression einer bestehenden chronischen Nierenerkrankung. Auch kardiale Ereignissen werden damit reduziert, belegen Ergebnisse einer großen Phase-III-Studie.

Wie gut funktioniert eine zweite TAVI?

Eine Transkatheter-Aortenklappenimplantation (TAVI) lässt sich einer Registerstudie zufolge offenbar auch ein zweites Mal erfolgreich vornehmen. Der Studienautor spricht von einem Richtungswechsel. Doch nicht alle Experten sehen das so optimistisch.

Mit digitalen Tools smart durch die Pandemie

Bleiben Sie zu Hause – das auch beim Patientenmonitoring während des Corona-Ausbruchs umzusetzen, könnte mit Smart Watches und ähnliche Devices gelingen, findet Dr. Farbod Sedaghat-Hamedani vom Universitätsklinikum Heidelberg.

Aus der Kardiothek

Kardio-MRT bei 70-Jährigem – was hat der Patient?

Kardio-MRT bei 70-jährigem Patienten mit Darstellung einer kurzen Achse im mittventrikulären Bereich. Was ist zu sehen?

Thorax-CT bei COVID-19-Patient – worauf zeigen die Pfeile?

Natives CT des Thorax bei einem Patienten mit COVID-19-Pneumonie (kleiner Pfeil). Was ist noch zu sehen (große Pfeile)?

Was sehen Sie im Kardio-MRT?

Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement) mit Darstellung eines Kurzachsenschnitts im mittventrikulären Bereich. Was ist zu sehen?

Bildnachweise
DGK.Herztage 2020/© DGK
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
ESC-Kongress (virtuell)/© [M] metamorworks / Getty Images / iStock | ESC
Kardio-MRT (CMR, Late Gadolinium Enhancement PSIR)/© Mohamed Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Thorax-CT/© S. Achenbach (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen)
Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement)/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen