Nachrichten 04.03.2020

Nach Herzinfarkt: Darum ist ein niedriger Blutdruck ein schlechtes Zeichen

Ein niedriger diastolischer Blutdruck nach einem Herzinfarkt ist kein gutes Zeichen – besonders bei bestimmten Patienten sollten die Alarmglocken klingeln.  

Ein diastolischer Blutdruck von ˂ 70 mmHg sollte Ärzte bei Herzinfarkt-Patienten zu denken geben. Wie eine aktuelle Studie verdeutlicht, ist ein derart niedriger Druck vor allem dann gefährlich, wenn die Patienten keine Reperfusionstherapie erhalten haben.

Zu diesem Schluss kommen Wissenschaftler um Prof. Michael Böhm, Direktor am Universitätsklinikum des Saarlandes Homburg/Saar, nachdem sie die Daten von 5.929 Patienten der EPHESUS-Studie ausgewertet haben. Die 2003 publizierten Primärergebnisse der randomisierten Studie hatten den Nachweis erbracht, dass eine Behandlung mit dem Aldosteronantagonisten Eplerenon die Prognose von Herzinfarkt-Patienten mit einer Ejektionsfraktion unter 40% verbessern kann.

80% erhöhtes Sterberisiko

In einer aktuell publizierten Subanalyse der Studie stellten die Ärzte nun fest, dass bei Patienten, die nach dem akuten Infarkt keine Reperfusionstherapie erhalten haben, ein niedriger diastolischer Blutdruck von ˂ 70 mmHg mit einem 80% erhöhten Sterberisiko und einem 70% erhöhten Risiko für einen kardiovaskulär bedingten Tod einherging (adjustierte Hazard Ratio: 1,80 und 1,70; jeweils p ˂ 0,001).

Eine entsprechende Risikoerhöhung zeigte sich jedoch nicht bei Patienten mit niedrigem diastolischen Druck, deren Koronarstenose revaskularisiert wurde.  

Risikopatienten identifizieren

Ein niedriger systolischer Blutdruck (≤ 110 mmHg) war ebenfalls mit einer schlechteren Prognose assoziiert: mit einem mehr als doppelt so hohen Sterberisiko und Risiko für kardiovaskulär bedingten Tod (HR: 2,51 und 2,44; p ˂ 0,001) – allerdings unabhängig davon, ob eine Reperfusionstherapie durchgeführt worden war oder nicht.

„Ein niedriger Blutdruck identifiziert Herzinfarkt-Patienten mit einem besonders hohen Risiko“, resümieren die Studienautoren. Darüber hinaus würden die Ergebnisse die aktuelle ESC-Leitlinie bestärken, in der erstmalig eine Blutdruck-Untergrenze (70/120 mmHg) festgelegt worden ist. 

Myokard ist anfälliger für Ischämie

Böhm und Kollegen vermuten, dass ein niedriger diastolischer Blutdruck das Myokard von Patienten mit signifikanter Koronarstenose besonders anfällig für eine Ischämie und damit für entsprechende Komplikationen macht. Sie empfehlen deshalb, Patienten mit einer solchen Konstellation speziell im Auge zu behalten. Eine Reperfusionstherapie sei bei Patienten mit akutem Koronarsyndrom und niedrigem diastolischen Druck womöglich besonders essenziell für die Aufrechterhaltung des koronaren Perfusionsdrucks.

Hinter der zu beobachtenden Risikoerhöhung könnte allerdings auch eine gewisse Zurückhaltung der Ärzte stecken, Patienten mit niedrigem Blutdruck einer Intervention zu unterziehen, da diese als kränker eingestuft werden. Diesem Einwand setzen die Kardiologen entgegen, dass Revaskularisationen in dieser Studie bei Patienten mit niedrigem diastolischem Blutdruck sogar häufiger vorgenommen worden sind. Trotzdem sind Störfaktoren aufgrund des retrospektiven Studiendesigns nicht 100% auszuschließen. So könnte es sein, dass Patienten mit niedrigem systolischen Blutdruck in der Folge zögerlicher medikamentös behandelt wurden, was sich auf deren Prognose ausgewirkt haben könnte. 

Die Erkenntnisse sind – wenngleich klinisch von Bedeutung – somit nur hypothesengenerierend.

Literatur

Böhm M et al. Myocardial reperfusion reverses the J-curve association of cardiovascular risk and diastolic blood pressure in patients with left ventricular dysfunction and heart failure after myocardial infarction: insights from the EPHESUS trial, Eur Heart J, ehaa132, https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehaa132

Highlights

Das Live-Kongress-Angebot der DGK

Zurück aus der Sommerpause: Sichern Sie sich den Zugang zu allen zertifizierten Vorträgen von DGK.Online 2021.

Corona, COVID-19 & Co.

Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Bereits moderater Alkoholkonsum könnte Bluthochdruck begünstigen

Wie viel Alkohol pro Woche ist noch okay? Eine Frage, die für Ärzte aufgrund widersprüchlicher Ergebnisse schwierig zu beantworten ist. Was das Risiko für Bluthochdruck betrifft, scheint schon ein moderates Trinkverhalten problematisch zu sein.

TAVI: Zerebrale Thromboembolien nur direkt danach nachweisbar

Ischämische Schlaganfälle sind gefürchtete Komplikationen nach einer TAVI. Doch wann besteht ein erhöhtes Risiko? In MRT-Untersuchungen aus Deutschland ließen sich zerebale Thromboembolien nur in einer bestimmten Phase nachweisen.

Taugen Nüsse als Cholesterinsenker?

In einer randomisierten Studie ergänzen ältere Menschen zwei Jahre lang ihre Ernährung täglich um eine Portion Walnüsse. Daraufhin verbessern sich ihre Cholesterinwerte – allerdings gibt es Geschlechterunterschiede.

Aus der Kardiothek

Raumforderung im rechten Vorhof – was war die Ursache?

Echokardiographie einer 65-jährigen Patientin, die sich wegen Luftnot vorstellt. Im apikalen 4-Kammerblick zeigt sich eine Raumforderung im rechten Vorhof.

Fehlbildung am Herzen – was sehen Sie im CT?

3-D Rekonstruktion einer kardialen Computertomographie. Welche kardiale Fehlbildung ist zu sehen?

Patientin mit einem thorakalen Schmerzereignis – wie lautet Ihre Diagnose?

Lävokardiografie (RAO 30°-Projektion) einer 54-jährigen Patientin nach einem thorakalen Schmerzereignis. Was ist zu sehen?

DGK.Online 2021/© DGK
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Kardio-Quiz August 2021/© F. Ammon, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Computertomographie/© S. Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlanen-Nürnberg
Laevokardiographie (RAO 30° Projektion)/© M. Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg