Nachrichten 24.09.2020

Nach Herzinfarkt: Wie förderlich ist sexuelle Aktivität?

Die Wiederaufnahme der sexuellen Aktivität kurz nach einem Herzinfarkt ist mit einer besseren Überlebenschance assoziiert, legt eine Studie aus Israel nahe. Die Forscher plädieren dafür, die Patienten mit dem Thema nicht allein zu lassen.

Innerhalb von sechs Monaten nach einem Herzinfarkt zu einer normalen sexuellen Aktivität zurückzukehren, scheint sich einer neuen Studie zufolge positiv auf das langfristige Überleben auszuwirken. Die Forscher um Prof. Yariv Gerber von der Universität Tel Aviv entdeckten, dass dies mit einem um 35% geringeren Sterberisiko assoziiert war, verglichen mit den Personen, die gar nicht oder weniger sexuell aktiv waren als vorher.

Sexuelle Aktivität stärkt positives Selbstbild

Das Forscherteam hat dafür folgende Erklärung: „Sexualität ist ein Marker für das Wohlbefinden. Die Wiederaufnahme der sexuellen Aktivität kurz nach einem Herzinfarkt kann Teil der Selbstwahrnehmung als gesunde, junge und energiegeladene Person sein. Dies kann wiederum zu einem gesünderen Lebensstil führen.“

Einige Patienten, auch jüngere, zögern dennoch, die Sexualität nach einem Herzinfarkt wieder aufzunehmen, erläutern Gerber und Kollegen. Zwar könne plötzliche starke Anstrengung, auch Geschlechtsverkehr, manchmal zu einem Herzinfarkt führen, trotzdem verringere regelmäßige körperliche Aktivität das langfristige kardiovaskuläre Risiko.

Die Wissenschaftler analysierten für die Studie Daten von fast 500 sexuell aktiven Patienten bis 65 Jahre. Sie stammten aus der Israel Study of First Acute Myocardial Infarction. Die Personen waren in den Neunziger Jahren wegen eines Herzinfarkts ins Krankenhaus eingeliefert worden und wurden im Schnitt 22 Jahre nachbeobachtet. Das Durchschnittsalter lag bei 53 Jahren, 90% waren Männer.

Sexualität deutet auf bessere Erholung hin

Sie wurden zu verschiedenen Zeitpunkten befragt, wie häufig sie vor dem Herzinfarkt und in den drei bis sechs Monaten danach sexuell aktiv waren. Anhand ihrer Antworten wurden sie in Gruppen geteilt: Eine, die nach dem Herzinfarkt auf Sexualität verzichtet oder die Häufigkeit reduziert hatte (47%) und eine zweite, die die vorherige Frequenz beibehalten oder erhöht hatte (53%).

Während der Nachbeobachtungszeit starben 211 Patienten (43%). Beim Vergleich des Sterberisikos berücksichtigten die Forscher Faktoren wie sozioökonomischer Status, Depression, körperliche Aktivität, Adipositas, selbstbewertete Gesundheit und Schwere des Herzinfarkts. Der Überlebensvorteil der sexuell aktiveren Gruppe war hauptsächlich auf eine Reduktion der nicht kardiovaskulären Mortalität wie Krebs zurückzuführen.

Wiederaufgenommene Sexualität könne laut der Forscher ein Marker für eine bessere Rehabilitation sein. „Verbesserte körperliche Fitness, eine stärkere Beziehung zum Ehepartner und die Fähigkeit, sich innerhalb weniger Monate vom erlebten Schock zu erholen, sind mögliche Erklärungen für den beobachteten Überlebensvorteil“, so Gerber und Kollegen. Andererseits sei es auch weniger wahrscheinlich, dass Patienten, die ihren Gesundheitszustand als schlecht empfinden, wieder Sex haben, oder sich um Präventionsmaßnahmen wie Krebsvorsorge kümmern. Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, kann  keine Kausalität bewiesen werden.

Patienten ermutigen und aufklären

Das Resümee der Forscher: Herzinfarkt-Patienten sollten ermutigt werden, wieder sexuell aktiv zu sein, und ein Beratungsgespräch zum Thema könnte ihnen dabei helfen. Zur sexuellen Beratung von Menschen mit kardiovaskulären Erkrankungen und ihren Partnern gibt es ein Konsensuspapier der American Heart Association und des ESC Council on Cardiovascular Nursing and Allied Professions. Auch darin geht es um Sexualität als Teil der Lebensqualität, der für viele Patienten wichtig ist, und durch ein kardiovaskuläres Ereignis beeinträchtigt werden kann. Die Autoren empfehlen u.a.:

- Sexuelle Beratung an die individuellen Bedürfnisse und Anliegen von Patienten und ihren Partnern anzupassen.

- Eine Schulung in Sexualberatung für medizinisches Personal, das Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen betreut.

- Strukturierte Strategien wie die Verwendung bestimmter Modelle, Bewertungsinstrumente oder kognitiver Verhaltenstechniken.

- Das Berücksichtigen psychologischer Faktoren wie Angst, Unruhe oder Depression, die sich negativ auf die sexuelle Aktivität auswirken können.

- Das Überprüfen der Medikation und möglichen Auswirkungen auf die sexuelle Funktion.

- Die Aufklärung über mögliche Risiken, angemessene sexuelle Aktivitäten bei Patienten mit Herzinsuffizienz und reduzierter Belastbarkeit, die unterstützende Rolle regelmäßiger Bewegung und die Bedeutung einer vertrauten Umgebung, um Stress zu reduzieren.

Literatur

Cohen G, Nevo D, Hasin T, et al. Resumption of sexual activity after acute myocardial infarction and long-term survival. Eur J Prev Cardiol. 2020. https://doi.org/10.1093/eurjpc/zwaa011.

Steinke E et al. Sexual counselling for individuals with cardiovascular disease and their partners: A Consensus Document From the American Heart Association and the ESC Council on Cardiovascular Nursing and Allied Professions (CCNAP). European Heart Journal 2013. https://doi.org/10.1093/eurheartj/eht270

ESC-Pressemitteilung: Resuming sexual activity soon after heart attack linked with improved survival. 23.09.2020.

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