Nachrichten 27.09.2017

Nach Myokardinfarkt: Bei der Adhärenz sind RAAS-Blockade und Statine entscheidend

Nicht alle Patienten nach Myokardinfarkt nehmen ihre sekundärpräventive Kombinationstherapie konsequent ein. US-Registerdaten legen jetzt nahe, dass es für Kardiologen Sinn machen könnte, sich bei Problempatienten nicht zu sehr an den Betablockern festzubeißen.

Ist es bei Patienten nach akutem Myokardinfarkt genauso wichtig, dass sie ihre Betablocker konsequent einnehmen wie dass sie ihre ACE-Hemmer und AT-II-Blocker bzw. Statine konsequent einnehmen? Dieser Frage sind Pharmazeuten und Public Health-Experten aus den USA und Finnland jetzt nachgegangen. Sie haben dazu über 90.000 Datensätze von Postinfarkt-Patienten über 65 Jahren der staatlichen Versicherung Medicare in den USA ausgewertet. Alle Patienten waren wegen eines Myokardinfarkts hospitalisiert und mussten danach mindestens 180 Tage überlebt haben.

Nur die Hälfte der Patienten macht, was Doktor will

Die Wissenschaftler interessierten sich in erster Linie für die Mortalität der Patienten. Diese wurde korreliert mit der Therapietreue, die als Anteil adhärenter Tage (proportion of days covered, PDC) anhand der eingelösten Rezepte abgeschätzt wurde. Diese Analysen wurden einzeln für jede der drei sekundärpräventiven Medikamentenklassen vorgenommen. Außerdem gab es separate Analysen zu Patienten, die in unterschiedlichen Konstellationen zu jeweils nur zwei Medikamenten adhärent waren.

Insgesamt zeigte sich, dass nur knapp die Hälfte (49%) der Patienten bezüglich aller drei Medikamentenklassen eine hohe Adhärenz aufwiesen. Hohe Adhärenz war definiert als PDC ≥ 80%. Patienten, die bezüglich ACE-Hemmern/AT-II-Blockern und Betablockern, nicht aber bezüglich Statinen adhärent waren, hatten eine 12% höhere Sterblichkeit als voll adhärente Patienten (95% CI 1,04-1,21). Patienten die ihre Betablocker und Statine, nicht aber ihre ACE-Hemmer/AT-II-Blocker regelmäßig einnahmen, hatten eine um 17% erhöhte Sterblichkeit (95%-KI: 1,10-,25). Dagegen war die Mortalität bei Patienten, die Statine und ACE-Hemmer/AT-II-Blocker, nicht dagegen Betablocker, konsequent einnahmen, im Vergleich zu dreifach adhärenten Patienten nicht erhöht.

Die Einzelanalysen zeichnen nochmal ein etwas anderes Bild. Patienten, die es nur bei einem der drei sekundärpräventiven Medikamente schaffen, es regelmäßig einzunehmen, erhöhen dadurch ihre Sterblichkeit im Vergleich zu voll adhärenten Patienten in jeweils ähnlichem Umfang um ein Fünftel (ACE-Hemmer/AT-II-Blocker), knapp ein Drittel (Betablocker) bzw. gut ein Viertel (Statine).

Damit ergibt sich in der Gesamtschau folgendes Bild, das bei dieser Art der Analyse natürlich nur hypothesengenerierenden Charakter hat: Sich bei Adhärenzproblemen in der Sekundärprävention nach akutem Myokardinfarkt nur auf eines der drei Medikamente zu fokussieren – nach dem Motto: lieber eines richtig als alle falsch – ist tendenziell keine sinnvolle Strategie. Wem es leichter fällt, zwei medikamentösen Partnern treu zu bleiben als dreien, der sollte sich, solange es keine andere zwingende Indikation für eine hohe Betablocker-Adhärenz gibt, an Statinen und RAAS-Blockade abarbeiten.

Literatur

Korhonen MJ et al. Adherence Tradeoff to Multiple Preventive Therapies and All-cause Mortality After Acute Myocardial Infarction. J Am Coll Cardiol 2017; 70:1543-54

Highlights

DGK-Jahrestagung 2022

„Neue Räume für kardiovaskuläre Gesundheit“ – so lautete das diesjährige Motto der 88. Jahrestagung. In über 300 wissenschaftliche Sitzungen konnten sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen zu den Kernthemen der Kardiologie informieren. 

Kardiothek

Alle Videos der Kongressberichte, Interviews und Expertenvorträge zu kardiologischen Themen. 

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Wie eine Fischgräte ins Perikard gelangen kann

Ein 37-jähriger Mann wird wegen Brustschmerzen und Dyspnoe ins Krankenhaus eingewiesen. Dort machen die Ärzte eine erstaunliche Entdeckung im Perikard, für die sie nur eine Erklärung haben.

Zyklus beeinflusst Herzrhythmus von Frauen mit Long-QT

Während eines Menstruationszyklus verändern sich die Hormon-Spiegel. Bei gesunden Frauen haben solche Schwankungen keinen bedeutsamen Einfluss auf den Herzrhythmus. Bei Frauen mit Long-QT-Syndrom neuesten Daten zufolge offenbar schon.

Wie fliegende Ärzte die Schlaganfall-Therapie optimieren können

Wie ein Zeitgewinn von 90 Minuten bei der endovaskulären Therapie von Patienten mit ischämischem Schlaganfall in einer ländlichen Region zu erreichen ist, zeigt ein Pilotprojekt in Bayern.

Aus der Kardiothek

ACC-Kongress 2022 im Rückblick: Die wichtigsten Studien für Sie kommentiert

Beim ACC-Kongress in Washington wurden zahlreiche Studien vorgestellt: zur Prävention, interventionellen Behandlung, Rhythmologie usw.. Experten vom Leipziger Herzzentrum haben die wichtigsten Ergebnisse für Sie zusammengefasst, und kommentieren deren Relevanz für Ihren Praxisalltag.

Patientin mit Durchblutungsstörung am Auge – was sehen Sie im Herzecho?

Bei einer Patientin mit chorioretinaler Durchblutungsstörung des linken Auges erfolgte eine transösophageale Echokardiographie mit biplanarer Darstellung im B-Bild und Farbdoppler. Was ist zu sehen?

Hätten Sie es erkannt?

Koronarangiographie der linken Koronararterie (LAO 0°, CAU 30 °) einer 80-jährigen Patienten mit NSTEMI und hochgradig eingeschränkter systolischer LV-Funktion.

DGK Jahrestagung 2022/© m:con/Ben van Skyhawk
Kardiothek/© kardiologie.org
Webinar zum ACC-Kongress 2022/© Kardiologie.org [M]
Kardio-Quiz April 2022/© Daniel Bittner, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Kardio-Quiz März 2022/© L. Gaede, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg