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17.05.2019 | Akutes Koronarsyndrom | Nachrichten

Plättchenhemmung

Off-target-Effekte: Wirkt Ticagrelor auch gegen Bakterien?

Autor:
Philipp Grätzel

Wissenschaftler aus Belgien haben mögliche antibakterielle Effekte des Thrombozytenfunktionshemmers Ticagrelor untersucht. Sie können zeigen, dass insbesondere grampositive Keime – bei allerdings hohen Konzentrationen – abgetötet werden.

Beobachtungen aus klinischen Studien mit dem Plättchenhemmer Ticagrelor haben wiederholt die Frage aufgeworfen, inwieweit diese Substanz neben ihrer plättchenhemmenden Wirkung möglicherweise auch antiinfektiöse Wirkungen haben könnte. So war in der PLATO-Studie beobachtet worden, dass Patienten mit akutem Koronarsyndrom im Ticagrelor-Arm ein geringeres Risiko aufwiesen, an einer Infektion zu versterben als im Vergleichsarm, in dem mit Clopidogrel behandelt wurde. Und in der XANTHIPPE-Studie, bei der es um die Auflösung von Thrombozyten-Leukozyten-Aggregaten bei Pneumoniepatienten ging, hatten Patienten unter Ticagrelor-Therapie im Vergleich zu Placebo bei sonst normaler Pneumonietherapie eine bessere Lungenfunktion.

Ticagrelor wies bakterizide Effekte auf

Wissenschaftler um Patrizio Lancellotti von der Universität Liège haben jetzt In-vitro- und In-vivo-Assays durchgeführt, um mögliche antimikrobielle Effekte von Ticagrelor genauer beschreiben zu können. In den In-vitro-Assays konnten sie zeigen, dass die Substanz sowie einer ihrer Metaboliten (AR-C124910) tatsächlich bakterizide Effekte im grampositiven Spektrum aufwiesen, einschließlich einer Reihe notorischer Problemkeime.

So war Ticagrelor in einer Konzentration von 20 µg/ml bakterizid gegen Methicillin-sensitiven und Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus (MSSA, MRSA) sowie gegen Vancomycin-resistenten Enterococcus faecalis (VRE). Bei 30 µg/ml verschwanden auch Methicillin-resistente Staphylococcus epidermidis (MRSE), und ab 40 µg/ml gab Streptococcus agalactiae den Löffel ab. Die bakterizide Wirkung erreichte dabei das Niveau üblicher Reserveantibiotika. So waren bei MRSA innerhalb von zwei Stunden 99,9 Prozent der Keime abgetötet. Das sei besser als Vancomycin und ähnlich gut wie das vor einiger Zeit neu eingeführte Daptomycin, so die Autoren. Eine „nur“ wachstumshemmende Wirkung gab es ab 5 µg/ml gegen MRSA. Bei gramnegativen Erregern tat sich dagegen gar nichts.

Ticagrelor steigerte antibakterielle Potenz von Antibiotika

Die genannten Konzentrationen liegen deutlich oberhalb jener Konzentrationen, die erreicht werden, wenn Ticagrelor in Standarddosierung oral appliziert wird. Nach einer Loading Dose von 180 mg lande man im Schnitt bei 1,2 µg/ml, im Steady State bei Einnahme von 2 x 90 mg täglich bei 0,75 µg/ml, so die Autoren. Es sei allerdings denkbar, dass durch lokale Anreicherung, zum Beispiel im Zusammenhang mit überschießender Plättchenaktivität, punktuell höhere und dann bakteriologisch relevante Konzentrationen erreicht würden.

In weiteren Versuchen konnten die Wissenschaftler zudem zeigen, allerdings bisher nur im Mausmodell, dass niedrigere Dosierungen von Ticagrelor in Verbindung mit Antibiotika wie Vancomycin, Rifampicin und Ciprofloxazin deren antibakterielle Potenz steigern. Die Arbeiten sollten Anlass geben, die Substanz Ticagrelor im Hinblick auf ihre mikrobiellen Aktivitäten weiter zu erforschen, betonen die Wissenschaftler, so sei denkbar, dass Ticagrelor-Abkömmlinge synthetisiert und als neue Reserveantibiotika entwickelt werden könnten.

Literatur

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