Skip to main content
main-content

20.10.2017 | Akutes Koronarsyndrom | Nachrichten

Erneut enttäuschende Ergebnisse

Stammzelltherapie beim akuten Herzinfarkt – es funktioniert einfach nicht!

Autor:
Veronika Schlimpert

Erneut hat die Stammzelltherapie bei Patienten nach einem akuten Myokardinfarkt enttäuscht. Die Ergebnisse der randomisierten BOOST 2-Studie lassen Experten an der Zukunft dieser Therapieform zweifeln.

Die Stammzelltherapie beim akuten Myokardinfarkt scheint ihrem Ende nahe. In der randomisierten placebokontrollierten, doppelblinden BOOST-2-Studie mit 153 Teilnehmern hat die Transplantation autologer Knochenmarkszellen nach einem akuten Myokardinfarkt keine Verbesserung der Pumpfunktion gebracht.

Die Studienautoren um Prof. Kai Wollert von der Medizinischen Hochschule Hannover kommen deshalb zu dem Schluss, dass diese regenerative Therapieform bei Patienten mit STEMI und moderate reduzierter Auswurffraktion wahrscheinlich keine Zukunft mehr hat.  Angesichts des optimierten STEMI-Managements profitieren die Patienten in der heutigen Zeit vermutlich nicht mehr von solchen zusätzlichen Therapiemaßnahmen, erklären sich die Kardiologen den neutralen Befund.

Ernüchterung eingekehrt

In den Anfängen der Stammzellforschung war die Begeisterung für die innovative Therapieform groß. So hatte die 2004 publizierte BOOST-Studie eine zumindest moderate Verbesserung der linksventrikulären Auswurffraktion nach Transplantation autologer Knochenmarkszellen bei Patienten mit akutem Myokardinfarkt gezeigt.

Seither hat sich das Management von STEMI-Patienten allerdings weiter verbessert, kürzere Reperfusionszeiten, eine optimierte Pharmakotherapie und Stenttechnologie, all das hat dazu geführt, dass mehr Myokardgewebe gerettet werden kann und als Resultat die Pumpfunktion vieler Infarktpatienten sich zumindest teilweise wieder erholt.  

Besteht überhaupt klinischer Bedarf?

Jozef Bartunek und Wojtek Wojakowski bezweifeln deshalb, ob der klinische Bedarf für derartige regenerative Therapieformen beim akuten Myokardinfarkt in der heutigen Zeit überhaupt noch gegeben ist. Die schleppend verlaufende Patientenrekrutierung in der BOOST-2-Studie deute jedenfalls an, dass der Bedarf nicht so groß sei, wie man es aufgrund der Morbiditäts- und Mortalitäts-Statistiken erwartet hatte.

Angesichts der neutralen Ergebnisse von BOOST-2 stellen die beiden Wissenschaftler das Prinzip der Stammzelltherapie beim akuten Myokardinfarkt infrage. Trotz der plausiblen biologischen Grundlage sei die Injektion von Knochenmarkszellen bei STEMI-Patienten ganz einfach nicht wirksam, betonen sie, zumindest was den Erhalt der Pumpfunktion betrifft.

In der BOOST 2-Studie haben Wollert und Kollegen mithilfe der Injektion autologer Knochenmarkszellen in eine nahe dem Infarktgebiet gelegene Arterie versucht, den Wiederherstellung der linksventrikuläre Auswurffraktion (LVEF) von Herzinfarktpatienten zu fördern (LVEF zu Studienbeginn im Mittel: 45,0%). Getestet wurden aus dem Knochenmark gewonnene Zellsuspensionen mit einem hohen sowie niedrigen Zellanteil (low- and high-dose) sowie Knochenmarkszellen, die durch y-Bestrahlung ihre Fähigkeit zur Zellteilung verloren haben. Mithilfe der bestrahlten Zellen wollten Wollert und Kollegen herausfinden, durch welche Mechanismen Stammzellen ihre potenzielle Wirkung entfalten, ob durch ihre Differenzierungsfähigkeit (in diesem Fall wären keine Effekte der bestrahlten Zellen zu sehen) oder ob durch parakrine Effekte, also indem sie Botenstoffe oder Ähnliches absondern. Alle Patienten erhielten eine leitliniengerechte Medikation.

Mit keiner der Zellsuspensionen ließ sich nach sechs Monaten eine im Vergleich zu Placebo signifikante Verbesserung der LVEF erreichen (z. B. +3,3% im Kontroll- vs. 4,3% im Hochdosis-Arm).

Ergebnisse der BAMI-Studie abwarten

Ehe sie der Stammzelltherapie beim akuten Herzinfarkt aber jeglichen Nutzen aberkennen, wollen Bartunek und Wojakowski noch die Ergebnisse der BAMI-Studie abwarten:  „Wir sollten das Prinzip der wissenschaftlichen Gründlichkeit verfolgen.“ In der randomisierten Phase-3-Studie BAMI mit 3.000 Probanden soll der Effekt einer intrakoronaren Infusion von Knochenmarksstammzellen auf die Gesamtsterblichkeit von Patienten mit akutem Herzinfarkt und reduzierter Auswurffraktion untersucht werden.  

Nach den Ergebnissen dieser Studie könne man das Kapitel der intrakoronaren Zelltherapie als adjuvante Therapie beim akuten Myokardinfarkt wahrscheinlich endgültig abschließen, vermuten die beiden Wissenschaftler. 

Literatur

Zurzeit meistgelesene Artikel

Highlights

14.08.2018 | DGK-Jahrestagung 2018 | Highlights | Video

Welcher Betablocker für welchen Patienten?

Betablocker kommen bei unterschiedlichsten Erkrankungen zum Einsatz. Welche Substanzen Sie wann und wie einsetzen sollten, erläutert Prof. Wilhelm Haverkamp.

09.08.2018 | DGK-Jahrestagung 2018 | Highlights | Video

Welche Bedeutung Digitalis heute noch hat – zwischen Fakten und Fake News

Digitalis steht im Verdacht, das Sterberisiko zu erhöhen. Für Prof. Johann Bauersachs sind das "Fake News". Warum die Therapie heute noch eine Berechtigung hat, erklärt er in diesem Vortrag.

Aus der Kardiothek

17.08.2018 | DGK-Jahrestagung 2018 | Expertenvorträge | Video

Neue Antiarrhythmika: Was Sie über Dronedaron wissen sollten

Das Antiarrhythmikum Dronedaron wurde heiß ersehnt. Nach der Markteinführung folgte Ernüchterung. Prof. Joachim Ehrlich  diskutiert den heutigen Stellenwert des Medikaments.

17.08.2018 | DGK-Jahrestagung 2018 | Expertenvorträge | Video

Katheterablation - wie Sie gute Ergebnisse erzielen

Komplett und kontinuierlich sollten die Läsionen bei einer Pulmonalvenenisolation sein. Die technischen und prozeduralen Feinheiten einer Katheterablation erläutert PD Dr. Dong-In Shin.

14.08.2018 | DGK-Jahrestagung 2018 | Highlights | Video

Welcher Betablocker für welchen Patienten?

Betablocker kommen bei unterschiedlichsten Erkrankungen zum Einsatz. Welche Substanzen Sie wann und wie einsetzen sollten, erläutert Prof. Wilhelm Haverkamp.

Komplizierte Mehrgefäß-KHK bei einem jungen Patienten

Vortrag Priv.-Doz. Dr. Hans-Jörg Hippe Jahrestagung DGK 2018

Mehrere komplexe Stenosen bei einem 46-jährigen Patienten erfordern ein strategisch sinnvolles Vorgehen. Wofür sich das Team um PD Dr. Hans-Jörg Hippe vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Klinik entschieden hat, erfahren Sie in diesem Livecase. 

Interventioneller Verschluss eines Atriumseptumdefekts

Vortrag Prof. Dr. Horst Sievert Jahrestagung DGK 2018

Bei einem 56-jährigen Patienten wird zufällig ein Atriumseptumdefekt festgestellt.  Prof. Horst Sievert und sein Team vom St. Katharinen-Krankenhaus in Frankfurt entscheiden sich für einen interventionellen Verschluss. Sie finden dabei ein weiteres Loch. Was ist zu tun? Für welches Device sich das Team entscheidet und wie sie genau vorgehen, erfahren Sie in diesem Video. 

29-jähriger Patient mit wiederkehrender Rhythmusstörung

Anspruchsvolle Katheterablation einer links gelegenen Leitungsbahn

Live Case 2017 Stents und mehr - AGIK trifft EACPI

Ein 29-jähriger Patient mit Wolff-Parkinson-White-Syndrom leidet an erneuten supraventrikulären Tachykardien. Die erste Katheterablation war schon anspruchsvoll. Prof. Helmut Pürerfellner,  Dr. Livio Bertagnolli und Dr. Philipp Sommer aus Leipzig machen sich auf die  Suche nach der Leitungsbahn.

Bildnachweise