Nachrichten 28.07.2020

Latente Schilddrüsenunterfunktion bei Herzinfarktpatienten – behandeln oder nicht?

Bereits eine subklinische Schilddrüsenunterfunktion wirkt sich negativ auf die Prognose von Herzinfarktpatienten aus. Umstritten ist jedoch, ob man die Patienten deshalb mit Hormonen behandeln sollte. Erstmals wurde dies in einer randomisierten Studie untersucht.

Wenn bei Herzinfarktpatienten eine subklinische Hypothyreose festgestellt wird, scheint eine Behandlung mit Schilddrüsenhormonen zumindest im Hinblick auf die Pumpfunktion keine Besserung zu versprechen. So das Ergebnis einer randomisierten Studie.

Subklinische Hypothyreose geht mit ungünstiger Prognose einher

Einmal mehr wird an dem Ausgang der Studie deutlich, dass eine zu beobachtende Assoziation nicht gleichbedeutend mit einer Kausalität ist. So ist bereits seit längerem bekannt, dass eine subklinische Schilddrüsenunterfunktion bei Infarktpatienten mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko einhergeht (mehr dazu lesen Sie hier). Ob die Patienten im Umkehrschluss auch von einer Hormonsubstitution profitieren, war jedoch unklar.

Pumpfunktion wird durch Hormontherapie nicht beeinflusst

Dies scheint der aktuellen Studie zufolge eher nicht der Fall zu sein: Eine 52-wöchige Behandlung mit Levothyroxin hat die linksventrikuläre Ejektionsfraktion (LVEF) von Patienten mit einem akuten Infarkt im Vergleich zu Placebo nicht signifikant verbessern können. Mit der Hormonbehandlung erholte sich die Pumpfunktion von anfänglich 51,3% auf 53,8%, mit Placebo von 54,0% auf 56,1% (p=0,37).

Ebenso wenig beeinflusste die Hormontherapie sekundäre Endpunkte wie das linksventrikuläre enddiastolische und endsystolische Volumen sowie das Herzzeitvolumen und die Infarktgröße. Auch auf das Wohlbefinden der Patienten scheint die Behandlung keinen Einfluss gehabt zu haben, an deren Gesundheitsstatus, der gesundheitsbezogenen Lebensqualität und Depression-Symptomatik änderte sie jedenfalls nichts.

"Hormonsubstitution nicht gerechtfertigt"

Die Studienautoren um Dr. Avais Jabbar sprechen sich aufgrund dieser Ergebnisse gegen eine Hormonbehandlung von Infarktpatienten mit subklinischer Hypothyreose aus. Die ausbleibende Wirkung lässt die britischen Ärzte darüber hinaus an dem Nutzen eines Schilddrüsen-Screenings zweifeln: „Auf Basis dieser Ergebnisse ist ein Screening und eine sich anschließende Behandlung einer subklinischen Hypothyreose bei Patienten mit akutem Myokardinfarkt zum Erhalt der LV-Funktion nicht gerechtfertigt“, schreiben die Ärzte von der Newcastle University in der Publikation im „Journal of the American Medical Association“ (JAMA).

Teilnahme auf leichte Fälle beschränkt

Unwiderruflich ist ihre Empfehlung damit jedoch nicht. Es handele sich um vorläufige Ergebnisse, weisen Jabbar und Kollegen einschränkend hin. Denn obwohl randomisiert, ist die Studie mit Vorsicht zu interpretieren. Mit gerade mal 95 Teilnehmern ist sie zu klein für endgültige Schlüsse.

Darüber hinaus wurden nur Patienten mit einer leichten subklinischen Hypothyreose berücksichtigt, bedeutet: Deren Thyrotropin-Werte (TSH) lagen zwar oberhalb des Grenzwertes von 4,0 mU/L (im Mittel: 5,7 mU/L), bei normalen Konzentrationen von freiem Thyroxin (fT4). Ein TSH-Wert über 10 mU/L galt jedoch als Ausschlusskriterium. Es bleibe somit weiterhin unklar, ob Patienten mit einer schwereren Erkrankungsform von einer Hormonsubstitution profitieren oder nicht, klären die Studienautoren auf.

Behandelt wurden die Patienten der randomisierten doppelblinden ThyrAMI-2-Studie im Anschluss an die Herzinfarkt- und Hypothyreose-Diagnose entweder mit Levothyroxin in einer Startdosis von 25 µg, die bis zum Erreichen des Ziel-TSH von 0,4–2,5 mU/L weiter auftitriert werden konnte (im Mittel: 50 µg), oder mit Placebo. Alle Patienten erhielten die Standardtherapie eines Myokardinfarktes. Die LVEF wurde mittels MRT erfasst und deren Ergebnisse auf Alter, Geschlecht, Herzinfarkt-Typ (STEMI oder NESTEMI), betroffenes Koronargebiet und der Baseline-LVEF adjustiert.                                              

Literatur

Jabbar A et al. Effect of Levothyroxine on Left Ventricular Ejection Fraction in Patients With Subclinical Hypothyroidism and Acute Myocardial Infarction: A Randomized Clinical Trial. JAMA. 2020;324(3):249–58. DOI:10.1001/jama.2020.9389

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Bildnachweise
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Kardio-MRT (CMR, Late Gadolinium Enhancement PSIR)/© Mohamed Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Thorax-CT/© S. Achenbach (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen)
Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement)/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen