Nachrichten 16.09.2020

Wann der ultradünne Stent die bessere Wahl ist

Der ultradünne Orsiro-Stent läuft dem Xience-Stent langsam den Rang ab. Beim DGK.Online-Kongress diskutieren Experten, ob und wann genau der Orsiro wirklich besser ist.

Der Xience-Stent – der frühere „Klassenbeste“ unter den Drug-Eluting-Stents (DES) – wird quasi vom Thron gestoßen. Im Rahmen des BIOFLOW-Studienprogrammes hatte der ultradünne Orsiro-Stent, der eine biodegradierbare Polymerbeschichtung aufweist, zumindest gleichziehen können, wenn er sich nicht sogar als überlegen erwiesen hat.

Beim DGK.Online-Kongress stellte Dr. Rayyan Hemetsberger von den Segeberger Kliniken nun eine gepoolte Analyse individueller Patientendaten aus den BIOFLOW II, III, IV und V-Studien vor. Knapp 3.000 Patienten hatten in diesen Studien den Orsiro-Stent implantiert bekommen, knapp 800 den permanenten Xience-Stent.

Wie groß ist der Unterschied wirklich?

In dieser Analyse bestätigen sich im Prinzip die Ergebnisse der Einzelstudien: Mit dem Orsiro-Stent ist es nach einem Jahr zu weniger Zielläsions-Versagen (target lesion failure, TLF) gekommen als mit dem Xience-Stent (5,2% vs. 7,6%; p=0,0098). Bei der anschließenden Diskussion der Ergebnisse fragte sich Prof. Bernward Lauer allerdings, wie relevant dieser Unterschied am Ende ist?

Mit Blick auf die einzelnen TLF-Komponenten zeige sich, dass es den einzigen Unterschied bei den Myokardinfarkten im Zielgefäß gegeben habe, berichtete der am Universitätsklinikum Jena arbeitende Kardiologe. Kardiale Todesfälle und Revaskularisationen der Zielläsion unterschieden sich dagegen nicht signifikant. 

Ein weiterer untersuchter Endpunkt waren Stentthrombosen, die in der Orsiro-Gruppe „einen Tick“, wenn auch nicht signifikant, häufiger vorgekommen waren. „Mir ist nicht ganz klar, was das für Infarkte gewesen sind, wenn es keine Thrombosen, keine Revaskularisationen und auch keine Todesfällen waren“, äußerte sich Lauer etwas irritiert. Eine Antwort hat er darauf nicht.

Hier hatte der Orsiro eindeutig die Nase vorn

Eindeutig die Nase vorn hatte der Orsiro-Stent auf alle Fälle, wenn kleine Gefäße behandelt wurden. „Bei Läsionen mit kleinen Referenzdiametern hat der Orsiro einen Vorteil gegenüber dem Xience-Stent, ebenso wenn kleine Stentdiameter verwendet wurden“, fasste Hemetsberger die Ergebnisse einer Subgruppenanalyse zusammen. Konkret in Zahlen heißt das: Bei einem Referenzdiameter ≤ 2,75 mm oder Einsatz eines Stents mit ≤ 3,00 mm Durchmesser war das relative Risiko für ein TFL mit dem Orsio-Stent deutlich geringer als mit dem Xience-Stent (Odds Ratio, OR: 0,59 und 0,54; p= 0,0109 und 0,0351).

Darin unterscheiden sich beide Stents

Warum der ultradünne Stent hier besser abschneidet, das ist laut Lauer allerdings „nicht ganz klar“. Beide Stenttypen unterscheiden sich zum einen in ihrer Strebendicke. Beim Xience-Stent liegt diese bei 81 µm, beim Orsiro bei 60 µm mit der kleineren Variante und 80 µm mit der größeren Variante. 

Ein wesentlicher Unterschied ist zudem die Beschichtung: Der Orsiro besteht aus einer bioresorbierbaren Polymer-Matrix, die mit Sirolimus beschichtet ist. Im Gegensatz dazu weist der Xience-Stent eine permanente Everolimus-freisetzende Polymerbeschichtung auf. Was den Unterschied am Ende ausgemacht hatte, sei vielleicht auch nicht ganz so wichtig, beendete Lauer seine Diskussion.

Literatur

Hemetsberger R: Individuelle Patientendaten des BIOFLOW-Studienprogramms Im Vergleich von Stents mit bioresorbierbarem Polymer mit Sirolimus zu permanentem Polymer mit Everolimus; vorgestellt am 10.09.2020 beim DGK.Online 2020

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