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28.05.2015 | Nachrichten

Schädlich oder protektiv?

Alkohol bei Herzinsuffizienz: Nicht nur schlecht

Autor:
Philipp Grätzel

Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz fühlen sich besser, wenn sie Wein trinken. Aber sie leben deswegen weder länger noch kürzer. Im Hinblick auf die pathogenetische Bedeutung des Alkohols bei der Herzinsuffizienz-Entstehung präsentiert die Forschung Widersprüchliches.

In der Zeitschrift „Circulation Heart Failure“ berichten italienische Wissenschaftler von der Abteilung für kardiovaskuläre Forschung am Forschungszentrum IRCCS in Mailand von einer Analyse zum alkoholbezogenen Lebensstil bei Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz. Für die Befragung standen 6973 Patienten zur Verfügung. Es handelte sich um Teilnehmer der randomisierten Rosuvastatin-Studie GISSI-HF.

Von den Patienten, die den Fragebogen ausfüllten, berichteten 56%, dass sie wenigstens ein Glas Wein pro Tag tränken. Nach Adjustierung für Störgrößen aller Art zeigte sich, dass der Weinkonsum in keinerlei Beziehung zu den klinischen Endpunkten nach vier Jahren stand, also Mortalität, kardiovaskuläre Ereignisse und Krankenhauseinweisungen wegen Herzinsuffizienz.

Mehr Lebensqualität

Allerdings schnitten die Weintrinker bei der krankheitsspezifischen Lebensqualität, gemessen mit dem Kansas City Cardiomyopathy Questionnaire, signifikant besser ab. Die Weintrinker hatten auch weniger depressive Symptome und weniger Zeichen für eine vaskuläre Entzündung. Wenn schon Herzinsuffizienz, dann wenigstens mit (italienischem?) Wein, ließen sich diese Daten zusammenfassen.

Was die (Neu-)Entstehung der Herzinsuffizienz angeht, ist die Sache nicht so klar. Britische Forscher wollen im Kontext der epidemiologischen ARIC-Studie anhand von Echokardiografie-Untersuchungen bei über 4.000 Probanden Belege dafür gefunden haben, dass es eine recht lineare, statistisch signifikante Korrelation zwischen Alkoholkonsum und linksventrikulären systolischen und diastolischen Diametern gibt.

Korrelation mit strukturellen Herzveränderungen

Die Teilnehmer dieser Studie waren im Durchschnitt 76 Jahre alt und zu 60% Frauen. Ex-Trinker und Menschen mit relevanten Klappenerkrankungen wurden nicht berücksichtigt. Der Alkoholkonsum wurde stratifiziert nach weniger als 7, zwischen 7 und 14 und mehr als 14 Drinks pro Woche. Bei Männern stiegen mit zunehmendem Alkoholkonsum nicht nur die Diameter, sondern auch die linksventrikuläre Masse und die E/E‘-Ratio als Marker für linksventrikuläre diastolische Dysfunktion.

Bei Frauen sank sogar die EF mit zunehmender Konsumintensität signifikant ab. Alles zusammen interpretieren die Autoren als Hinweis darauf, dass Alkohol im Alter weitgehend dosisabhängig zu strukturellen Veränderungen am Herzen führen kann, wobei Frauenherzen etwas empfindlicher zu reagieren scheinen als Männerherzen.

Geringstes Risiko bei moderatem Konsum

Diese Studie mit ihrem „je mehr Alkohol desto schlechter fürs Herz“ steht etwas im Widerspruch zu einer (allerdings rein männlichen) schwedischen Kohortenstudie, der Swedish Men Study mit über 33.000 Teilnehmern zwischen 45 und 79 Jahren. Während des langjährigen Follow-up-Zeitraums wurden 2.139 dieser Männer erstmals wegen Herzinsuffizienz hospitalisiert, und 777 starben an einer zu Studienbeginn noch nicht bekannten Herzinsuffizienz.

Auch in dieser Studie wurde der Alkoholkonsum in 7-Drinks-pro-Woche-Schritten stratifiziert. Es zeigte sich eine U-förmige Kurve, bei der jene Studienteilnehmer, die 7 bis 14 Drinks pro Woche zu sich nahmen, im Vergleich zu Nicht-Trinkern ein um signifikante 19% geringeres Herzinsuffizienzrisiko hatten.

Literatur

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