Nachrichten 15.10.2021

Schwangere mit Herzfehler: Bessere Prognose als gedacht

Eine Schwangerschaft kann für Frauen mit angeborenen Herzfehlern Risiken bergen. Diese lassen sich aber relativ gut in den Griff bekommen, wenn die Betroffenen medizinisch begleitet werden, zeigt die bisher größte Studie zum Thema.

Frauen mit angeborenen Herzfehlern wurde in der Vergangenheit nicht selten aufgrund der damit verbundenen Risiken von einer Schwangerschaft abgeraten. Jetzt hat eine große deutsche Analyse ergeben: Die meisten dieser Frauen können ohne größere Risiken schwanger werden und Kinder bekommen, wenn sie angemessen medizinisch beraten und versorgt werden.

Mithilfe von Versicherungsdaten verglichen Forscher um Dr. Astrid Lammers vom Universitätsklinikum Münster die Schwangerschaftskomplikationen bei gleichaltrigen Frauen mit und ohne angeborene Herzfehler. Sie analysierten dafür mehr als 7.500 Schwangerschaften von gut 4.000 betroffenen Patientinnen und mehr als 11.200 Schwangerschaften von rund 6.500 gesunden Frauen.

Niedrige Komplikationsrate insgesamt

Die Mediziner stellten fest, dass keine der Frauen mit Herzfehlern in der Zeit vom Beginn der Schwangerschaft bis 90 Tage nach der Entbindung verstorben war. Auch wenn die Komplikationsrate insgesamt niedrig war, hatten die Patientinnen mit Herzfehlern gegenüber denen ohne eine signifikant höhere Rate an Schlaganfällen (1,13% vs. 0,17%), von Herzinsuffizienz (0,84% vs. 0,03%) und Herzrhythmusstörungen (0,82% vs. 0,12%) während der Schwangerschaft. Die von den Herzfehlern betroffenen Frauen brachten ihr Kind zudem häufiger per Kaiserschnitt zur Welt (40,5% vs. 31,5%).

Darüber hinaus kam es bei den Frauen mit Herzfehlern häufiger zu einer Totgeburt als bei gesunden Frauen (1,4% vs. 0,4%). Die Neugeborenen von herzkranken Müttern verstarben auch häufiger innerhalb der ersten Lebensmonate (0,83% gegenüber 0,22%), sie hatten ein erhöhtes Risiko für ein niedriges oder extrem niedriges Geburtsgewicht (1000–2499 g oder < 1000 g), für eine Frühgeburt, notwendige Beatmung, für schwere Anomalien, ein Down-Syndrom oder andere genetische Erkrankungen.

Mehr angeborene Herzfehler bei Kindern

Auch Herzfehler bei den Kindern waren mit 18% gegenüber 3% häufiger, wenn die Mütter ebenfalls davon betroffen waren. 6% der Kinder von Frauen mit Herzfehlern benötigten mit sechs Jahren eine Herzoperation mit Herz-Lungen-Maschine gegenüber 0,4% der Kinder der anderen Mütter.

Zudem fanden die Forscher heraus, dass die Komplexität des Herzfehlers der Mutter, ein vorhandener Bluthochdruck oder eine bestehende Herzinsuffizienz, eine vorherige Fertilitätsbehandlung sowie eine Antikoagulation mit Vitamin-K-Antagonisten im Jahr vor der Schwangerschaft signifikante Prädiktoren für eine ungünstige Prognose des Neugeborenen waren.

Gute Aussichten mit guter Beratung

„Die Studie zeigt eine beruhigend niedrige Müttersterblichkeitsrate in einem Land mit hoch entwickeltem Gesundheitssystem“, fassen Lammers und Kollegen zusammen. Nichtsdestotrotz sei die mütterliche und neonatale Morbidität sowie die Mortalität der Neugeborenen bei Frauen mit angeborenen Herzfehlern signifikant erhöht gewesen. Das zeige, wie wichtig eine spezialisierte Beratung und Betreuung dieser Frauen vor einer Schwangerschaft sei.

In einem Begleitkommentar bezeichnen Dr. Karishma Ramlakhan vom Universitätsklinikum Rotterdam et al. die Studie als „hervorragenden und klinisch relevanten Beitrag zur bestehenden Forschung“. Eine individuelle medizinische Beratung der betroffenen Frauen sei entscheidend, da die Prognose von Mutter und Kind je nach Komplexität des Herzfehlers der Mutter stark variiere.

„Vergleichbare Studien in Entwicklungsländern zeigen eine weniger günstige Prognose“, fügen sie hinzu. Diese Unterschiede veranschaulichen ihnen zufolge, wie groß der Einfluss des Gesundheitssystems und des Umfelds von Frauen auf die Schwangerschaftsprognose sei. „Sie zeigen, dass wir noch daran arbeiten müssen, die Situation für alle Frauen weltweit zu verbessern“, schließen Ramlakhan und Kollegen.

Literatur

Lammers A et al. Maternal and neonatal complications in women with congenital heart disease: a nationwide analysis. EHJ 2021. https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehab571

Ramlakhan K et al. Promising perspectives on pregnancy in women with congenital heart disease. https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehab692

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