Nachrichten 23.07.2020

Gab es nach Fukushima mehr Kinder mit angeborenen Herzerkrankungen?

Erste Berichte gingen davon aus, dass nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima mehr Kinder mit angeborenen Herzerkrankungen geboren worden sind. Dies stellen japanische Wissenschaftler jetzt infrage.

Nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima am 11. März 2011 befürchteten viele, dass die erhöhte Strahlenbelastung eine Zunahme an Fehlbildungen bei Säuglingen zur Folge haben könnte. Doch wie groß war die Gefahr wirklich?

Zumindest auf die Inzidenz kongenitaler Herzerkrankungen scheint sich das Unglück nicht ausgewirkt zu haben, zu diesem Schluss kommen japanische Ärzte um Prof. Yasutaka Hirata. Damit widersprechen die Wissenschaftler einer früheren Analyse, nach der es nach Fukushima einen Zuwachs entsprechender Fälle gegeben haben soll.

Anscheinend gab es mehr Fälle

Grund zu dieser Annahme war ein nach dieser Zeit zu beobachtender Anstieg an Operationen, die wegen eines angeborenen Herzfehlers indiziert waren. Diese Rechnung ist nach Ansicht von Hirata und Kollegen aber zu einfach. So hat sich in der aktuellen Analyse gezeigt, dass die Sterblichkeit wegen angeborener Herzerkrankungen im selben Zeitraum zurückgegangen ist. Die Chirurgen aus Tokyo vermuten, dass die Kinder, die überlebt haben, in der Folge nochmals operiert worden sind, und es deshalb indirekt zu diesem Anstieg von chirurgischen Eingriffen gekommen ist.

Doch die erste Untersuchung hatte Mängel

In ihrer Analyse haben sie sich deshalb nur auf die erstmals wegen einer entsprechenden Indikation vorgenommenen Operationen fokussiert. Zudem haben sie nur die Fälle ausgewertet, die mit Blick auf das Geburtsdatum dem Ereignis zugeordnet werden können. In der früheren Analyse seien viele der dokumentierten Operationen bei Neugeborenen durchgeführt worden, die vor dem Ereignis zur Welt gekommen sind, kritisieren Hirata und Kollegen das Vorgehen in der älteren Untersuchung. Diese Fälle können somit gar nicht mit dem Ereignis kausal in Verbindung stehen. Finanziert wurde die Untersuchung von der japanischen Gesellschaft für Thoraxchirugie.

Neue Analyse widerspricht der Annahme  

Zwischen Januar 2010 bis 2013 wurden insgesamt 2.978, 2.924, 3.077 und 2.940 Erstoperationen pro Jahr im nationalen Register für kongenitale Herzerkrankungen dokumentiert. Es sei also kein Trend zu mehr solcher Fälle zu erkennen, schließen die Studienautoren daraus. Es habe sich auch in keinem Geburtsmonat ein entsprechender Trend gezeigt, wenn alle Erstoperationen durch die Gesamtzahl aller Geburten dividiert werden. Die Auswertung bezieht sich allerdings nur auf 59 Zentren, die 77,2% aller Operationen wegen angeborener Herzerkrankungen in Japan vorgenommen hatten.

Selbst in der Region um Tohoku, wo die Nuklearkatastrophe passiert ist, hat es laut dieser Analyse keinen Anstieg an chirurgischen Eingriffen wegen angeborener Herzfehler gegeben, wenn nur die Erstoperation gezählt und der Geburtszeitraum berücksichtigt wird.

Ein deutlicher Abwärtstrend ist bei der Sterblichkeit nach der Erstoperation zu verzeichnen, diese sank von 4,4% in 2010 auf 2,7% in 2013 (p=0,01).

Strahlenbelastung offenbar nicht so hoch

Die Ergebnisse bekräftigen die japanischen Wissenschaftler in ihrer Annahme, dass die Strahlenbelastung nach der Nuklearkatastrophe in Fukushima doch nicht so hoch gewesen war, wie anfangs befürchtet. Ein wissenschaftliches Komitee zur Untersuchung der atomaren Strahlenexposition habe in nahezu allen Teilen Japans im Jahr des Unglücks und danach eine Strahlenbelastung gemessen, die geringer gewesen sei als die Hintergrundstrahlung, die der Körper per se ausgesetzt ist (in Japan entspricht das 2,1 mSv), begründen sie ihre Vermutung. „Dieser Report schlussfolgert, dass die Strahlenbelastung für Menschen, die hunderte Kilometer weg von dem Fukushima Daiichi Nuklearreaktor leben, kein wesentliches Problem darstellt“, führen die Wissenschaftler weiter aus.

Doch blieb sie ohne gesundheitliche Folgen?

Andere Forscher gehen ebenfalls davon aus, dass die Strahlenbelastung in Folge der Fukushima Nuklearkatastrophe deutlich niedriger war als beispielsweise nach Tschernobyl. Ob die radioaktive Strahlung deshalb keinerlei Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung hatte, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt allerdings nicht eindeutig beantworten, auch nicht durch diese Untersuchung, die nur einen Aspekt von vielen beleuchtet hat. Eine Ultraschallscreening-Untersuchung hat beispielsweise ergeben, dass die Inzidenz von Schilddrüsenkrebs bei jungen Erwachsenen in Folge der Nuklearkatastrophe hoch war.

Literatur

Hirata Y et al. Congenital Heart Disease After the Fukushima Nuclear Accident: The Japan Cardiovascular Surgery Database Study. J Am Heart Assoc. 2020; 9:e014787. DOI: 10.1161/JAHA.119.014787

Yamashita S et al. Lessons from Fukushima: Latest Findings of Thyroid Cancer After the Fukushima Nuclear Power Plant Accident. Thyroid. 2018;28(1):11–22.


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Bildnachweise
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Kardio-MRT (CMR, Late Gadolinium Enhancement PSIR)/© Mohamed Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Thorax-CT/© S. Achenbach (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen)
Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement)/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen