Nachrichten 03.01.2018

Wie riskant ist die wiederholte Strahlenexposition für herzkranke Patienten?

Durch zahlreiche kardiologische Untersuchungen und Interventionen sind Menschen mit angeborenen Herzfehlern im Laufe des Lebens relevanten Mengen an Strahlung ausgesetzt. Dies korreliert mit einem höheren Krebsrisiko.

Die immer erfolgreichere Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit angeborenen Herzfehlern führt bekanntlich dazu, dass es immer mehr Erwachsene mit angeborenen Herzfehlern (EMAH) gibt. Zu den EMAH-spezifischen Fragestellungen zählt, welche Folgen die oft wiederholte, frühe Exposition mit Strahlung meist geringer Dosis bei Eingriffen und kardiologischen Untersuchungen langfristig hat.

Kardiologen und Kinderkardiologen mehrerer Universitäten in Kanada haben sich dieser Frage jetzt etwas genauer gewidmet. Sie haben 24.833 EMAH-Patienten der Quebec CHD Datenbank im Alter zwischen 18 und 64 Jahren ausgewertet. Der mittlere Analysezeitraum betrug rund zehn Jahre, die Auswertung bezieht sich auf über 250.000 Patientenjahre. Insgesamt traten 602 bösartige Tumore auf. Die kumulative Krebsinzidenz bis zu einem Alter von 64 Jahren lag bei 15,3 %.

Eine direkt gematchte Vergleichsgruppe gab es nicht. Die Wissenschaftler haben vielmehr EMAH-Patienten mit und ohne Tumore risikostratifiziert und verglichen und konnten zeigen, dass Patienten mit bösartigen Tumoren im Mittel signifikant mehr kardiologische Prozeduren mit niedrig dosierter ionisierender Strahlung über sich hatten ergehen lassen müssen als jene Patienten, die im Untersuchungszeitraum keine bösartigen Tumore entwickelten. Konkret waren es im Mittel 1,4 Prozeduren pro Patient in der Gruppe mit bösartigen Tumoren gegenüber 0,9 Prozeduren pro Patient in der Gruppe ohne Tumore, was sich umrechnen ließ in ein um signifikante 8 % erhöhtes Krebsrisiko.

Die genauen Strahlendosierungen der einzelnen Untersuchungen konnten nicht ausgewertet werden. Es erfolgte jedoch je nach Art des Eingriffs eine Abschätzung der Strahlendosis, und auch bei dieser Auswertung korrelierte die höhere abgeschätzte Strahlendosis mit einer in ähnlicher Größenordnung höheren Krebsinzidenz wie bei der Analyse nach Zahl der Prozeduren. In der Analyse nach abgeschätzter Dosis zeigte sich auf eine Dosis-Wirkungs-Beziehung. Aufgrund der nicht optimalen Ausgangsdaten sprechen die Autoren aber nur von einer „möglichen“ Beziehung.

In zwei weiteren Auswertungen ließen die Statistiker alle Tumore weg, die wahrscheinlich mit einem Zigarettenkonsum assoziiert sind, und sie legten nach Studieneinschluss eine dreijährige Karenzzeit fest, um vorbestehende Tumore auszuschließen. Auch nach diesen Modifizierungen der Statistik blieb der Zusammenhang zwischen mehr Interventionen bzw. einer höheren (abgeschätzten) Dosis und einer höherer Krebsinzidenz bestehen.

Literatur

Cohen S et al. Exposure to Low-Dose Ionizing Radiation from Cardiac Procedures and Malignancy Risk in Adults with Congenital Heart Disease. Circulation 2018; 21. Dezember 2017; doi: 10.1161/CIRCULATIONAHA.117.029138 

Highlights

Aktuelles zum Coronavirus

Die Ausbreitung des Coronavirus hat einschneidende Folgen auch für die Herzmedizin. Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit Covid-19 finden Sie in diesem Dossier.

HRS-Kongress 2020 Science

Zwar musste auch die diesjährige Jahrestagung der Heart Rhythm Society in San Diego aufgrund der Corona-Pandemie kurzfristig abgesagt werden, aber für Ersatz wurde gesorgt: mit HRS 2020 Science – einer dreiteiligen Online- und On-Demand-Fortbildungsreihe. 

Das könnte Sie auch interessieren

Die häufigsten Echo-Befunde bei COVID-19-Patienten

Erstmals haben Kardiologen COVID-19-Patienten systematisch mittels Echokardiografie untersucht. Dabei stellte sich ein kardialer Befund als besonders häufig und prognoserelevant heraus.

Familiäre Hypercholesterinämie: Weltweite Prävalenz höher als gedacht

In einer Metaanalyse mit mehr als 11 Millionen Teilnehmern errechneten dänische Forscher die weltweite Prävalenz von familiärer Hypercholesterinämie. Besonders bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit war sie deutlich erhöht.

Komplette Revaskularisation bei STEMI senkt kardiovaskuläre Mortalität

Im Fall eines Herzinfarktes nicht nur das infarktbezogene Zielgefäß, sondern gleich alle relevanten Koronarstenosen zu behandeln („komplette Revaskularisation“), trägt zur Senkung der kardiovaskulären Mortalität bei. Das bestätigt die bis dato größte Metaanalyse.

Aus der Kardiothek

Hätten Sie es erkannt?

Transthorakale Echokardiographie eines 55jährigen Patienten mit Leistungsknick und atypischen Thoraxschmerzen. Was ist zu sehen?

BNK-Webinar "Neue Optionen unter COVID-19 - Videosprechstunde und anderes…"

Die Coronakrise treibt die Digitalisierung der Kardiologie voran: Videosprechstunde, Telemedizin, Apps. Ganz einfach ist die Umsetzung in die Praxis jedoch nicht. Dr. Norbert Smetak, Kirchheim unter Teck, erläutert, welche technischen, rechtlichen und finanziellen Aspekte zu beachten sind.

BNK-Webinar "COVID-19 - tödliche Verläufe durch mikroangiopathische Schäden?"

Woran versterben COVID-19-Patienten? Prof. Alexandar Tzankov aus Basel erläutert anhand von Autopsieberichten, welche Schädigungen des SARS-CoV-2-Virus zum Tode führen. Einige dieser Befunde überraschen.

Bildnachweise
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Digitaler HRS-Kongress 2020/© [M] jamesteohart / Getty Images / iStock
Transthorakale Echokardiografie/© Monique Tröbs, Mohamed Marwan, Universitätsklinikum Erlangen
BNK-Webinar/© BNK | Kardiologie.org