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13.09.2018 | Angiologie | Nachrichten

Vorsicht bei Fluoroquinolonen

Bestimmte Antibiotika können Aortenaneurysma begünstigen

Autor:
Veronika Schlimpert

Fluoroquinolone gehören zu den am häufigsten verordneten Antibiotikaklassen. Bei gewissen Patienten sollte man sie vielleicht vorsichtiger einsetzen. Denn diese Antibiotika scheinen die Entstehung von Aortenaneurysmata und -dissektionen zu begünstigen.  

Fluoroquinolone sollte man bei Menschen, die sowieso bereits einem erhöhten Risiko für eine Komplikation an der Aorta ausgesetzt sind, vielleicht mit etwas mehr Zurückhaltung einsetzen. In einer aktuell im „Journal of the American College of Cardiology“ (JACC) publizierten Fall-Kontroll-Studie ging der Einsatz dieser Antibiotikaklasse mit einem mehr als zweifach erhöhten Risiko für Aortenaneurysmata und Aortendissektionen einher.

„Evidenz nicht ignorieren“

Auch wenn man weitere Studien abwarten sollte, könne „man die aktuelle Evidenz nicht ignorieren“, kommentierten Dr. Sonal Singh und Dr. Amit Nautiyal die aktuellen Ergebnisse. Bereits in drei weiteren epidemiologischen Studien waren Fluoroquinolone mit solchen Komplikationen in Verbindung gebracht worden. Im Mai 2017 sah sich die FDA aber noch nicht dazu veranlasst, einen entsprechenden Warnhinweis auszusprechen.

Fluoroquinolone sind:
  • Ciprofloxacin
  • Levofloxacin
  • Ofloxacin
  • Sparfloxacin
  • Norfloxacin
  • Lomefloxacin
  • Moxifloxacin
  • Gemifloxacin
  • Enoxacin
  • Pefloxacin

Die aktuelle Studie aus Taiwan könnte das vielleicht ändern. Dr. Chien-Chang Lee und Kollegen haben in mehrerlei Hinsicht versucht, das mit einer Beobachtungsstudie einhergehende Risiko für Störeinflüsse zu minimieren. Bei 1.213 Patienten, die aufgrund eines Aortenaneurysmas (AA) oder einer Aortendissektion (AD) ins Krankenhaus eingewiesen worden sind, haben sie überprüft, ob in den 60 Tagen vor dem Ereignis Fluoroquinolone eingenommen worden sind. Die entsprechenden Verordnungsraten verglichen sie mit einer weiter zurückliegenden Zeitperiode. Jeder „Fall“ diente somit als seine eigene „Kontrolle“.

Fast Dreifach erhöhtes Risiko

Dabei stellte sich heraus, dass der Gebrauch in der Zeit vor dem lebensbedrohlichem Ereignis deutlich höher war als zu anderen Zeitpunkten (1,6% vs. 0,6%; Odds Ratio, OR: 2,7). Nun kann es natürlich sein, dass für die deutliche Risikozunahme  nicht das Antibiotikum selbst verantwortlich war, sondern damit einhergehenden Begleitumständen, also z. B. die durch die Antibiose behandelte Infektion oder andere Begleitmedikamente. Aber auch nach Adjustierung auf solche Störfaktoren war das Ergebnis signifikant (OR: 2,05).

Zu guter Letzt prüften die Autoren die Robustheit ihrer Ergebnisse durch Hinzunahme eines weiteren Datensatzes mit 1.213 gematchten Kontrollpersonen, um potenzielle zeitabhängige Störeinflüsse ausschließen zu können; so könnte es z. B. sein, dass die Fluoroquinolone-Exposition über die Zeit zugenommen hat. Die Risikoperiode, also die Zeit vor dem Ereignis, wurde mit fünf Referenzzeitabschnitten der Kontrollgruppe in Beziehung gesetzt. Auch diese Fall-Zeit-Kontroll-Analyse änderte nichts an dem Umstand, dass eine Fluoroquinolone-Exposition mit einem erhöhten AA/AD-Risiko einhergeht.

Wachsam sein bei Brustschmerz und zurückliegender Antibiotika-Einnahme

„Es könne ratsam sein, bei Patienten mit Brustschmerz, Atemnot oder Synkopen, die zuvor Fluoroquinolone eingenommen haben, an die Möglichkeit eines vorhandenen Aortenaneurysmas oder einer Aortendissektion zu denken“, resümieren Singh und Kollegen. Speziell bei Patienten, die eh bereits einem erhöhten Risiko für ein solche Komplikation ausgesetzt sind wie Patienten mit Marfan-Syndrom, ältere Menschen und Raucher, würden sie den Einsatz dieser Antibiotikaklasse vorsichtig gegen die Vorteile einer solchen Medikation abwägen.

Für diese Vorsichtsmaßnahme spricht auch, dass in der aktuellen Analyse vor allem Personen betroffen waren, die bereits an kardiovaskulären Vorerkrankungen litten: Mehr als die Hälfte wies einen Hypertonus auf (61,2%), einem der bedeutsamsten AA/AD-Risikofaktoren. Ebenfalls häufige Begleiterkrankungen waren ischämische Herzerkrankungen (19,9%), chronische obstruktive Lungenerkrankungen (18,1%), Lipidstoffwechselstörungen (15,3%) und Diabetes (13,2%).

Schlüssige Beweislage

Die beiden Kommentatoren halten die Beweislage aus epidemiologischen und tierexperimentellen Studien für ziemlich schlüssig, auch wenn man die aktuellen Ergebnisse natürlich mit Vorsicht interpretieren müsse.

In Tierexperimenten hat sich beispielweise gezeigt, dass Fluoroquinolone die Aktivität von Metalloproteinasen erhöhen. Diese Enzyme wiederum sind am Abbau der extrazellulären Matrix beteiligt, wodurch sie zur Entstehung eines Aortenaneurysmas beitragen können.

Risiko steigt mit Dauer der Exposition

Für eine ursächliche Beteiligung der Fluoroquinolone an dem Krankheitsprozess spricht zudem der Umstand, dass das Risiko mit der Expositionsdauer signifikant ansteigt.  So war in der aktuellen Studie eine länger als drei Tag andauernde Einnahme mit einem 2,41-fach erhöhtem Risiko assoziiert. Wurde das Medikament mehr als zwei Wochen eingenommen, stieg das Risiko um das fast Dreifache an (OR: 2,83).

Absolut gesehen erscheint die Gefahr allerdings überschaubar. Angenommen die AA/AD-Inzidenz liegt bei 6 Fällen pro 100.000 Patientenjahre, dann käme es bei 9.747 mit Fluoroquinolone behandelten Patienten (mehr als 3 Tage) zu einem zusätzlichen Aortenaneurysma oder einer Aortendissektion.

Angesichts der hohen Verordnungszahlen dieser Antibiotikaklasse ist die letztliche Fallzahl aber nicht außer Acht zu lassen: 2.591 Fälle von AA/AD gingen nach Schätzung der Autoren in den USA im Jahr 2012 auf das Konto der Fluoroquinolone. Die taiwanesischen Kardiologen sind deshalb überzeugt, dass Fluoroquinolone einen beträchtlichen Anteil an der aktuellen und künftigen AA/AD-Last haben.

Literatur