Onlineartikel 06.02.2015

Angioödem unter ACE-Hemmer: Hilfe in Sicht

Beim erworbenen, unter ACE-Hemmern aufgetretenen Angioödem lohnt offenbar eine Behandlung mit dem Bradykinin-Antagonisten Icatibant. Die Rückbildung des Ödems kann damit im Vergleich zur bisherigen Standardtherapie erheblich beschleunigt werden, wie neue Studiendaten belegen.

Schätzungen zufolge steht rund ein Drittel aller notfallmäßig behandelten akuten Angioödeme in Zusammenhang mit der Einnahme von ACE-Hemmern. Zumeist kommt es dabei zu Schwellungen im Mund- und Rachenbereich, die in rund 10 Prozent aller Fälle zu unter Umständen lebensbedrohlichen Obstruktionen der oberen Atemwege führen können.

Präzise Informationen zur Häufigkeit dieser Komplikationen unter ACE-Hemmer-Therapie gibt es nicht, es könnten aber bis zu 0,7 Prozent aller Behandelten davon betroffen sein.

Standardtherapie wenig überzeugend

Standardtherapie im Notfall ist die „Off-label“-Behandlung mit Glukokortikoiden und Antihistaminika. Allerdings gilt der Nutzen dieser Maßnahme bei durch ACE-Hemmer hervorgerufenen Angioödemen noch immer als fraglich - was aus pathophysiologischer Sicht wenig verwundert. Denn der entscheidende Vermittler der Gewebeschwellung ist in diesem Fall nicht Histamin, sondern Bradykinin, das sich anreichert, weil sein Abbau infolge der Hemmung des Angiotensin-Converting-Enzyms durch ACE-Hemmer verlangsamt wird. Intuitiv würde man deshalb der Bradykinin-Hemmung als Therapieansatz in dieser Situation bessere Chancen einräumen.

Selektiver Bradykinin-B2-Rezeptorantagonist

Icatibant ist ein selektiver Bradykinin-B2-Antagonist, der sich bereits in der Behandlung bei hereditärem Angioödem (HAE) bewährt hat und für diese Indikation zugelassen ist. Eine deutsche Forschergruppe um Dr. Murat Bas vom Klinikum rechts der Isar in München hat nun in einer doppelblinden randomisierten Phase-II-Studie getestet, ob Icatibant auch bei erworbenen, durch ACE-Hemmer induzierten Angioödemen Wirkung zeigen würde.

Teilnehmer waren 30 Patienten, die etwa fünf bis sechs Stunden nach Symptombeginn mit akutem Angioödem unter ACE-Hemmer-Therapie in die Klinik kamen. Dort erhielten sie nach Randomisierung entweder Icatibant (30 mg subkutan) oder die übliche Therapie mit einem Glukokortikoid (Prednisolon 500 mg) plus Antihistaminikum (Clemastin 2 mg). Da die Therapieentscheidung bei drei Patienten schon vor der Randomisierung getroffen worden war, beschränkt sich die Analyse auf Daten von 27 Patienten mit protokollgemäßer Behandlung (13 in der Icatibant- und 14 in der Kontrollgruppe).

Abschwellung des Ödems deutlich beschleunigt

Primärer Endpunkt war die Dauer bis zur kompletten Rückbildung des Ödems. In der Icatibant-Gruppe war diese Zeitspanne im Median mit acht Stunden versus 27 Stunden signifikant kürzer als in der Gruppe mit Standardtherapie. Innerhalb von nur vier Stunden war das Ödem nach Icatibant-Gabe bei fünf von 13 Patienten vollständig verschwunden, in der Kontrollgruppe dagegen noch bei keinem Teilnehmer.

Auch bei der Zeitdauer, die nach Einschätzung von Arzt und Patient bis zum sichtbaren bzw. spürbaren Beginn der Ödemabschwellung verging, gab es einen signifikanten Unterschied zugunsten von Icatibant (2,0 versus 11,7 Stunden).

Bei drei zunächst standardmäßig behandelten Patienten, die innerhalb von sechs Stunden nicht auf die Behandlung ansprachen, entschieden sich die Ärzte für eine vorgesehene „Rescue“-Medikation (30 mg Icatibant plus 500 mg Prednisolon). In einem Fall war eine Tracheotomie erforderlich.

Literatur

Murat Bas et al.: A Randomized Trial of Icatibant in ACE-Inhibitor-Induced Angioedema,
N Engl J Med 2015; 372: 418-25