Onlineartikel 19.05.2015

Antihypertensiva im Alter: Sturzrisiko überschätzt?

Hypertonieleitlinien empfehlen bei älteren Patienten unter Verweis auf zerebrale Wirkungen großzügigere Blutdruckgrenzwerte als im jüngeren Alter. Eine Kohortenstudie aus Boston fand jetzt keinen Hinweis auf ein erhöhtes Sturzrisiko bei antihypertensiver Therapie – eher im Gegenteil.

Die in der Zeitschrift Hypertension publizierte Analyse [1] basiert auf Daten der prospektiven Beobachtungsstudie MOBILIZE (Maintenance of Balance, Independent Living, Intellect, and Zest in the Elderly) Boston Study, an der 598 noch zu Hause wohnende alte Menschen mit Bluthochdruck (> 140/90 mmHg) im Alter zwischen 70 und 97 Jahren teilnahmen. Für die Analyse des Zusammenhangs zwischen antihypertensiver Therapie und Sturzrisiko wurden über ein Jahr alle Stürze aufgezeichnet. Dabei wurde unterschieden zwischen Stürzen im und außer Haus sowie mit und ohne Verletzung.

Insgesamt gab es in diesem einen Jahr 541 Stürze. Bei 44,7% der Teilnehmer wurde mindestens ein Sturz aufgezeichnet, das Maximum an Stürzen pro Person lag bei 17. 21,2% der Studienteilnehmer fielen im Haus, 13,7% außerhalb des Hauses und 7,4% sowohl im Haus als auch draußen. 27,4% aller Studienteilnehmer erlitten im Beobachtungszeitraum bei einem Sturz Verletzungen. Auf die Sturzpatienten bezogen, verletzten sich 164 von 267 Patienten bei wenigstens einem Sturz.

In der allgemeinen Analyse zeigte sich erwartungsgemäß, dass alte Menschen, die stürzen, häufiger psychotrope Medikamente einnehmen sowie mehr Komorbiditäten haben. Die Datenzeigten auch, dass Menschen, die einmal gestürzt sind, ein höheres Risiko für erneute Stürze haben. Sturzpatienten hatten zudem einen signifikant geringeren zerebralen Blutfluss. Dieser Parameter wurde per transkraniellem Doppler bei einer Subgruppe von 313 Probanden erfasst.

Kein Zusammenhang mit Antihypertensiva

Keinen Zusammenhang gab es dagegen zwischen Stürzen und der Einnahme antihypertensiver Medikamente. Zwar hatten Patienten, die Antihypertensiva einnehmen, einen niedrigeren Blutdruck, mehr Komorbiditäten und insbesondere häufiger Diabetes mellitus. Trotzdem unterschied sich die Sturzrate nicht von jener bei Probanden ohne Antihypertensiva.

In der Detailanalyse war die Einnahme von ACE-Hemmern mit einem signifikant niedrigeren Risiko von Stürzen mit Verletzungsfolge assoziiert (RR 0,62; 95% CI 0,39–0,96). Die Einnahme von Kalziumantagonisten war mit einem insgesamt geringeren Sturzrisiko (RR 0,62; 95% CI 0,42–0,91) sowie mit einem geringeren Risiko für Stürze im Haus (RR 0,57; 95% CI 0,36–0,91) assoziiert. In beiden Fällen sank das Sturzrisiko mit steigender Dosierung. Probanden, die Kalziumantagonisten einnahmen, hatten zudem einen signifikant höheren zerebralen Blutfluss.

Vorsichtige Interpretation

Die Autoren interpretieren ihre Ergebnisse vorsichtig: Eine antihypertensive Behadlung scheine zumindest kein starker Risikofaktor für Stürze zu sein. Sie verweisen auf eine weitere, vor zwei Jahren publizierte Studie, bei der RAAS-Hemmstoffe ebenfalls mit einem geringeren Sturzrisiko assoziiert waren [2]. Bei den Kalziumantagonisten diskutieren die Autoren den höheren zerebralen Blutfluss als einen möglichen Mechanismus, mit dem sturzprotektive Effekte einer derartigen Therapie pathophysiologisch erklärbar wären.

Zu den Stärken der Studie zählt, dass sie populationsbasiert ist, also nicht nur streng ausgewählte Probanden eingeschlossen hat. Es gibt allerdings auch Studien mit gegensätzlichem Ergebnis. Eines der Probleme des gewählten Beobachtungsdesigns ist, dass es schwierig ist, den Bias auszugleichen, der dadurch entsteht, dass Patienten mit ohnehin höherem Sturzrisiko von den Ärzten eher weniger antihypertensive Medikamente verschrieben bekommen.

Literatur

1. Lipsitz LA et al. Reexamining the Effect of Antihypertensive Medications On Falls in Old Age. Hypertension. 2015 May 4. doi: 10.1161/HYPERTENSIONAHA.115.05513

2. Wong AK et al. Angiotensin system-blocking medications are associated with fewer falls over 12 months in community-dwelling older people. J Am Geriatr Soc. 2013;61(5):776-81