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26.01.2016 | Nachrichten | Onlineartikel

Selten, aber wichtig

ASS-Intoleranz: Besser desensibilisieren als absetzen

Autor:
Philipp Grätzel

Eine Überempfindlichkeit gegen ASS ist selten, kommt aber vor. Statt das Medikament gleich abzusetzen, können bei KHK-Patienten, die eine doppelte Plättchenhemmung benötigen, Desensibilisierungsprotokolle eingesetzt werden. Das wird allerdings nur selten gemacht.

Eine ASS-Intoleranz betrifft nur sehr wenige Patienten mit koronarer Herzerkrankung. Wenn sie auftritt, sind akute Hautreaktionen und/oder respiratorische Symptome typisch. Der übliche Reflex ist, bei diesen Patienten auf ASS zu verzichten, auch wenn eine doppelte Plättchenhemmung indiziert wäre. Meist wird dann ein P2Y12-Hemmer in Monotherapie eingesetzt. Für diese Strategie gebe es allerdings keine guten Daten, betonen italienische Kardiologen um Dr. Matteo Bianco vom Universitätsklinikum San Luigi Gonzaga in Turin.

Zu bevorzugen sei daher der Versuch einer Desensibilisierung, die es erlaubt, trotz Intoleranz leitliniengerecht zu behandeln. Dafür gibt es unterschiedliche Protokolle, bei denen zunächst minimale und dann in kurzen Abständen steigende ASS-Dosierungen oral oder auch intravenös verabreicht werden. Das ganze dauert in Regel einige Stunden und sollte unter Überwachung stattfinden.

Desensibilisierung ist meist erfolgreich …

In einer systematischen Übersichtsarbeit mit Metaanalyse haben die Italiener elf Studien mit insgesamt 283 Patienten ausgewertet, in denen ASS-Desensibilisierungsprotokolle zum Einsatz kamen. Dabei zeigt sich, dass die Desensibilisierung fast unabhängig vom eingesetzten Protokoll hoch wirksam ist. Die Erfolgsraten lagen in der einen Studie mit intravenöser Desensibilisierung bei 98 Prozent und bei den zehn Studien mit oralen Protokollen bei rund 96 Prozent.

Mit anderen Worten: Fast immer können ASS und damit gegebenenfalls eine duale Plättchenhemmung am Ende doch eingesetzt werden. Die Verträglichkeit der Desensibilisierungsprotokolle war im Großen und Ganzen gut, wobei das intravenöse Protokoll etwas besser abschnitt als die oralen. Bei oralen Protokollen, die mit weniger als sechs Dosisschritten arbeiteten, war die Inzidenz von Rash und Angioödemen klar höher, sodass die Autoren empfehlen, bei oralen Protokollen mindestens sechs Aufdosierungsschritte zu nutzen.

… wird aber häufig nicht eingesetzt

Wird so etwas denn überhaupt gemacht? Um das herauszubekommen, haben die italienischen Kardiologen zusätzlich zu ihrem Review 100 Kollegen befragt, von denen immerhin 86 antworteten. Ergebnis: 56 Prozent setzen die Desensibilisierung überhaupt nicht ein und ändern lieber gleich das Therapieregime in Richtung Clopidogrel-Monotherapie. Der Rest gab an, bei Bedarf Desensibilisierungsprotokolle zu nutzen.

In aller Regel kam dabei ein orales Protokoll zum Einsatz, wobei typischerweise 0,1 mg bis 1 mg als Startdosis gewählt wurden. Die Dosis wurde dann schrittweise alle 30 Minuten gesteigert, bis zu einer Zieldosis von 75 bis 100 mg je nach Einrichtung. 38 Prozent jener Behandler, die Desensibilisierungen nutzten, machten das auf einer Intensivstation. Jeweils 27 Prozent gaben an, die kardiologische Normalstation bzw. die kardiologische Ambulanz dafür zu beanspruchen.

Literatur