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07.03.2016 | Nachrichten | Onlineartikel

Skandal oder Sturm im Wasserglas?

Batterielebensdauer bei kardialen Implantaten in der Kritik

Autor:
Philipp Grätzel

Ein Meinungsbeitrag im „British Medical Journal“ hat im angloamerikanischen Raum eine Debatte um die Lebensdauer von Batterien kardialer Implantate ausgelöst, die es bis in die Boulevard-Presse schaffte. Halten die Batterien nicht so lange, wie sie könnten?

Mit Batterien ist das bekanntlich so eine Sache. Beispiel Handys: Vor zehn Jahren mussten die alten Handys der ersten Generation alle zwei Wochen an die Steckdose. Topmoderne iPhones müssen heute einmal täglich tanken, und auch das reicht nur, wenn man sie nicht ständig benutzt. Trotzdem würde heute kaum jemand zu den alten Nokia-Knochen zurückkehren wollen.

Kein Interesse an besseren Batterien?

Auf kardiale Implantate kann das natürlich nicht ohne weiteres übertragen werden. Ist die Batterie bei einem kardialen Implantat am Ende, hilft keine Steckdose, sondern nur eine Wechseloperation. Schon deswegen darf die Batterielebensdauer nicht einfach beliebig kürzer werden, nur weil die Implantate leistungsfähiger werden. Im Gegenteil, sie sollte möglichst länger werden, um Reoperationen zu vermeiden.

In einem Editorial im British Medical Journal haben sich die britischen Kardiologen Prof. John Dean, Exeter, und Prof. Neil Sulke, Eastbourne, Anfang Februar sehr kritisch zu den Anstrengungen der Implantatehersteller geäußert, die Lebenszeit der Batterien ihrer Implantate zu optimieren. Dass über die Hälfte aller Schrittmacherpatienten Wechseloperationen benötigte, sei ein Skandal, so die Kardiologen in markigen Worten. Patienten würden dadurch unnötigen Risiken wie perioperativen Infektionen ausgesetzt.

Harsch war die Kritik vor allem deswegen, weil die Kardiologen die These in den Raum stellten, wonach die Lebensdauer der Batterien deswegen nicht zunähme, weil die Hersteller mit den Wechseloperationen gut verdienten. Die Vendetta der zwei englischen Kardiologen fand im englischsprachigen Raum erhebliches Echo. In mehreren US-Fachmedien wurden Artikel zu der Thematik publiziert, und in England schafften es die Schrittmacherbatterien in der Tagespresse bis in die Daily Mail, eine Art BILD-Zeitung.

Hersteller: Lebensdauer hat sich verlängert

Mit harten Zahlen konnte in der ganzen Diskussion freilich kaum jemand argumentieren. Das ist auch schwierig, weil die individuelle Lebensdauer einer Implantatbatterie natürlich nicht nur von der Batterie abhängt, sondern auch davon, wie das Implantat eingesetzt wird. Ein Patient mit permanentem Schrittmacherrhythmus wird häufiger Wechseloperationen bei seinem Schrittmacher benötigen als ein Patient mit intermittierendem AV-Block. Und ein Patient, bei dem ein sekundärpräventiver ICD häufig auslöst, ist ganz anders zu beurteilen als ein Patient mit primärpräventivem ICD, der vielleicht über Jahre hinweg gar nicht auslöst.

Was sagen die Hersteller? Kardiologie.org hat bei zwei Herstellern nachgefragt. BIOTRONIK betont, dass in den letzten Jahren deutlich langlebigere Batterien entwickelt worden seien, und dass gleichzeitig die Energieeffizienz von Schrittmachern und ICDs deutlich um etwa 30 Prozent erhöht worden sei. So habe die Lebensdauer des ICD Lexos VR von 2003 im Standardprogramm 6,9 Jahre betragen, der Itrevia von 2014 schaffe dagegen im Standardprogramm 10,5 Jahre. Aktuelle Herzschrittmacher erreichten sogar knapp 15 Jahre.

BIOTRONIK weist auch darauf hin, dass die Anforderungen an Batterien in Medizinprodukten nicht mit denen an Batterien in Konsumgütern verglichen werden könnten. So gebe es keine kommerziell genutzten Batterien, die die Anforderungen an Kapazität und Leistungsdichte erfüllen würden, die eine ICD-Batterie erfüllen müsse.

Bei MEDTRONIC klingt das ähnlich. Erst 2014 sei eine komplett neue Batterie- und Kondensatortechnologie eingeführt worden, die bisher in den Modellen Viva CRT-ICD, Evera MRI und Brava zum Einsatz komme. Genutzt würden generell keine kommerziellen Batterien, sondern Eigenentwicklungen aus einem eigens für Batterie- und Kondensatorprodukte eingerichteten Werk in Arizona.

Moderne Technologie kann in beide Richtungen ausschlagen

Relevant für die Lebensdauer seien neben der eigentlichen Batterie auch Algorithmen und Schaltkreise sowie Funktionen, die die Lebensdauer der Batterien verlängern, heißt es bei beiden Herstellern. MEDTRONIC nennt als Beispiel das Managed Ventricular Pacing, das in Zweikammersystemen den Umfang der Stimulation verringern und so den Stromverbrauch reduzieren könne, was bis zu einem Jahr mehr Laufzeit bringe.

Als weiteres Beispiel wird das anti-tachykarde Pacing genannt, eine Art Vorstufe zur Defibrillation, bei der durch sehr schnelles Pacing versucht wird, die ventrikuläre Tachykardie zu durchbrechen. Gelingt dies, muss der Kondensator, der parallel aufgeladen wird, keine Schockentladung vornehmen, was nicht nur den Patienten schont, sondern auch Batterie spart.

Umgekehrt gibt es freilich auch moderne Technologien, die den Stromverbrauch tendenziell steigern, etwa Fernabfragen oder auch moderne Sensoren. Auch relevant ist, dass immer kleinere, und damit auch weniger infektionsträchtige, Implantate genutzt bzw. von den Patienten aktiv eingefordert werden. Hier gelte es einen Kompromiss zwischen Langlebigkeit und Tragekomfort für den Patienten zu finden, heißt es bei BIOTRONIK. Typischerweise nehme die Batterie heute zwei Drittel des Platzes in einem Schrittmachergehäuse ein. 

Literatur

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