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03.09.2015 | Nachrichten | Onlineartikel

Mehr als nur Parasiten

Chagas-Krankheit: Das Herz profitiert nicht von antimikrobieller Therapie

Autor:
Philipp Grätzel

Bei Patienten mit Chagas-Kardiomyopathie kann eine effektive antiparasitäre Therapie die Verschlechterung der Herzinsuffizienz nicht verhindern. Das Herz scheint sich über die Jahre vom Parasiten zu emanzipieren.

Die Chagas-Krankheit betrifft in Mittel- und Südamerika viele Millionen Menschen und taucht als Folge der Globalisierung zunehmend auch außerhalb dieser Region auf. Die Erkrankung geht zurück auf Trypanosoma cruzi, ein Parasit, der nachts von Blutwanzen übertragen wird, überwiegend in ländlichen Regionen und in Slums.

Nach einer oft nur grippeartig verlaufenden Akutinfektion ruht der Parasit Jahrzehnte im Körper. Bei etwa jedem vierten kommt es zu einer Reaktivierung. In dieser chronischen Phase der Erkrankung entwickelt sich eine dilatative Kardiomyopathie.

Aktive Rolle des Parasiten?

Bisher sei unklar, ob der Parasit selbst aktiv zur Verschlechterung der chronischen Kardiomyopathie beitrage, oder ob es sich ausschließlich um einen autoimmunologischen Prozess handele, bei dem eine gegen Chagas-Erreger gerichtete Immunreaktion fehlgeleitet wird, erläuterte Prof. Carlos Morillo vom Population Health Research Institute der McMaster Universität in Kanada. Da es Hinweise auf eine aktive Rolle des Parasiten auch in der chronischen Phase gibt, wurde die BENEFIT-Studie initiiert, über deren Ergebnisse Morillo bei der ESC-Jahrestagung in London berichtete.

In der Studie wurde ein in der Akuttherapie etabliertes Therapieschema, bei dem 40 bis 80 Tage lang Benznidazol eingenommen wird, bei chronischen Chagas-Patienten mit EKG-Auffälligkeiten gegen Placebo verglichen. Im Mittel wurden die Patienten 5,4 Jahre begleitet. 2.854 Patienten wurden randomisiert.

Der primäre Endpunkt bestand aus Tod jeglicher Ursache, Herzversagen mit Reanimation, anhaltenden ventrikulären Tachykardien, ICD- oder Schrittmacherimplantation, Herztransplantation, neuer Herzinsuffizienz oder Hospitalisierung wegen Herzinsuffizienz, Schlaganfall oder systemischer bzw. pulmonaler Embolie.

Antiparasitäre Therapie wirksam – aber nicht am Herzen

Im Ergebnis erlitten in beiden Gruppen jeweils knapp 30 Prozent der Patienten eines dieser Endpunktereignisse. Einen statistisch signifikanten Unterschied gab es nicht, auch dann nicht, wenn die Endpunktkomponenten einzeln analysiert wurden. Angeschlagen hat die Therapie allerdings schon: Die Rate der Patienten, bei denen Trypanosomen mittels PCR nicht mehr nachweisbar waren, war bei Benznidazol-Therapie je nach Land und betrachtetem Zeitraum bis zu dreimal höher.

Trotz ihres negativen Ausgangs ist die BENEFIT-Studie für Morillo eine wichtige Studie. Sie erspare vielen Patienten in oft schwer zugänglichen Regionen eine aufwändige Therapie, die keinen Nutzen bringe. 

Literatur