Nachrichten 29.06.2020

Herzinsuffizienz: Pulmonalisdruck-Monitoring hocheffektiv

Eine mit Pulmonalisdrucksensor gesteuerte Herzinsuffizienzversorgung geht auch unter europäischen Bedingungen mit deutlich weniger Krankenhauseinweisungen und einer Verbesserung der Lebensqualität einher.

Neuer Rückenwind für das sensorgestützte Herzinsuffizienz-Management: Im Rahmen der Kongressserie DGK.Online 2020 hat Prof. Christiane Angermann vom Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz an der Universität Würzburg jetzt die Ergebnisse der europäischen MEMS-HF-Studie vorgestellt.

Diese Studie hat das CardioMEMS-Implantat von Abbott im Hinblick auf Effektivität und Sicherheit in Deutschland, den Niederlanden und Irland untersucht. Es handelte sich um eine einarmige Beobachtungsstudie im Vorher-Nachher-Design, an der 234 Patienten teilnahmen, von denen bei 180 ein 12-Monats-Follow-up möglich war.

Schwerkranke Patienten profitieren

Die Patienten litten durchweg an einer Herzinsuffizienz im Stadium NYHA III. Der mittlere pulmonalarterielle Druck betrug 30 mmHg (syst./diast. 47/19,4 mmHg). Die durchschnittliche linksventrikuläre Ejektionsfraktion (LVEF) lag bei 33%, drei von vier Patienten hatten eine Herzinsuffizienz mit reduzierter Auswurfleistung (HFrEF).

Die Versorgung lief dergestalt, dass die Patienten mit dem typischerweise in einem Ast der linken Pulmonalarterie implantierten Sensor einmal am Tag über 18 Sekunden einen Pulmonalisdruckverlauf an das Online-Tool sendeten. Auf dieser Basis erfolgte ein Disease Management Coaching mit Anpassung der Medikamente mit dem Ziel, den Druck zu optimieren.

„Dramatische Reduktion der Hospitalisierungen“

Das war hoch effektiv. „Wir haben eine dramatische Reduktion der Hospitalisierungen wegen Herzinsuffizienz gesehen“, so Angermann. Konkret ging die Hospitalisierungsrate von knapp 1,6 und rund 0,5 pro Patient und Jahr zurück. (HR 0,38; p<0,0001) Dies ging einher mit einem über die Zeit zunehmenden Abfall der pulmonalarteriellen Druckwerte und einer Verbesserung der Lebensqualität. Rund ein Drittel der Patienten hatte am Ende ein NYHA-Stadium II, einige wenige auch Stadium I.

Auch die Lebensqualität verbesserte sich

Patienten mit einem mittleren pulmonalarteriellen Druck ≥ 35 mmHg zeigten nicht nur einen besonders starken Abfall der Druckwerte, sondern auch eine besonders ausgeprägte Verbesserung der Lebensqualität. Der „Kansas City Cardiomyopathy Questionnaire“ verbesserte sich bei diesen Patienten im Mittel um 12 Punkte. Auch bei den Patienten mit niedrigerem Ausgangsdruck gab es eine Verbesserung um im Mittel 6 Punkte. „Ab fünf Punkten beginnt die klinische Relevanz“, so Angermann.

Ebenfalls statistisch signifikant war die Verbesserung der depressiven Stimmung, überblicksartig erfasst mit dem PHQ-9-Fragebogen: „Viele Patienten verlieren ihre depressiven Symptome, wenn sie entstaut werden.“

Fast keine Komplikationen

Erfreulich sei auch, dass die Versorgung mit dem Implantat sehr sicher war: 98,3% der Patienten blieben frei von implantatassoziierten Komplikationen. Außerdem sei die Compliance exzellent gewesen, so Angermann. 86% der Patienten hätten ihre Druckkurve einmal am Tag übermittelt, und fast alle schafften es zumindest einmal pro Woche.

Worauf waren die positiven Effekte zurückzuführen? Angermann gab einen kurzen Überblick: „Die Medikamente wurden hunderte Male angepasst, vor allem die Diuretika, aber auch RAAS-Hemmstoffe und Betablocker.“ Was eine einarmige Studie wie MEMS-HF nicht beantworten kann ist die Frage, welchen Anteil die sensorgestützte Druckmessung und welchen das telefonische Coaching an den Verbesserungen hat. Klar sei, dass ein Monitoring-Device per se keine Therapie darstelle: „Es ist nur so viel wert wie die nachgeschalteten Therapieanpassungen.“

Aber: Betreuung wird bisher nicht vergütet

Das ist deswegen wichtig, weil es genau für diese aufwändige Betreuung in Disease Management Strukturen derzeit keine Vergütung im deutschen Gesundheitswesen gibt. Zwar lässt sich das Implantat finanziert einsetzen, die Betreuung danach gestaltet sich aber schwierig. Hier setzt die randomisierte PASSPORT-HF-Studie an, die in diesen Wochen unter Leitung von Prof. Stefan Störk, ebenfalls Würzburg, startet. Diese Studie wurde vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) initiiert und vergleicht eine implantatbasierte Nachsorge mit einer intensivierten Standardbetreuung.

Literatur

Angermann CE. Pulmonary-Artery-Pressure-Guided Therapy for Ambulatory Heart Failure Patients in Clinical Practice in Europe – The Prospective MEMS-HF Study. vorgestellt am 23. Juni 2020 beim DGK.Online 2020

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