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23.06.2017 | Chronische Herzinsuffizienz | Nachrichten

Hohe Hürden für eine vielversprechende Technologie

Telemedizinische Fernüberwachung in Deutschland kaum genutzt

Autor:
Veronika Schlimpert

Die telemedizinische Fernüberwachung kardialer Implantate wird trotz verfügbarer Software in deutschen Kliniken kaum genutzt.  Ein Experte sucht nach Erklärungen, warum die Technologie hierzulande bisher kaum Verbreitung findet.

Die meisten verfügbaren implantierbaren kardialen Devices enthalten mittlerweile eine Software, die eine telemedizinische Fernüberwachung des elektrischen Gerätes möglich macht. Doch viele Ärzte in Deutschland nutzen diese Technologie offenbar gar nicht, wie eine Auswertung des German Device-II-Registers vermuten lässt.

Nutzen noch ungewiss

Über die Gründe für diese Zurückhaltung lässt sich nur spekulieren. Nicht verleugnen lässt sich jedenfalls, dass der tatsächliche Nutzen eines solchen Remote-Monitorings  noch ungewiss ist. In der Tat sei die bisherige Studienlage neutral, äußerte sich der Studienautor Dr. Giuseppe D 'Ancona gegenüber kardiologie.org. Während etwa in der IN-TIME-Studie die telemedizinische Fernüberwachung sogar zu einer Mortalitätsreduktion beitragen konnte, ließ sich ein solcher Benefit in der REM-HF-Studie nicht nachweisen.   

Auch in der aktuellen Registerstudie brachte der Einsatz der telemedizinischen Fernnachsorge keinen Überlebensvorteil, wobei die Studie auch zu klein war, um potenzielle Vorteile der Technologie nachweisen zu können.

Selektive Anwendung scheint sinnvoll

Bei 1.223 Patienten wurde zwischen April 2011 und Februar 2014 ein kardiales Device in einem der 14 beteiligten Zentren implantiert. Knapp 60% der Geräte enthielten eine Remote-Monitorings -Funktion. Nach Entlassung wurde die Funktion aber gerade mal bei etwa jedem zehnten Patienten (12,6%) aktiviert. Nach einem Jahr waren von diesen Patienten 9,0% verstorben, die Mortalität  in der Gruppe ohne Telemedizin lag bei 7,7%.

Wie D 'Ancona  ausführte, sind die Erwartungen an die Telemedizin bei Ärzten und auch der allgemeinen Bevölkerung sehr hoch. „Wir müssen realistisch bleiben, wahrscheinlich profitiert nicht jeder Patient davon“, machte der am Vivantes Klinikum in Berlin tätige Herzspezialist deutlich. Die Technologie sei in der Praxis wahrscheinlich nur sinnvoll, wenn sie selektiv bei Patienten eingesetzt werde, die sie auch wirklich benötigen.  Anderenfalls ist der zusätzliche Aufwand durch die Auswertung der Daten für die Ärzte und die dadurch entstehenden Kosten zu hoch. 

Für geeignet hält D 'Ancona  eine telemedizinische Fernnachsorge für sehr kranke Herzinsuffizienz-Patienten. Eine drohende kardiale Dekompensation könne dann schneller erkannt und behandelt werden.

In Wahrheit gebe es für eine solche patientenzentrierte Anwendung bisher allerdings keine wissenschaftliche Grundlage, gibt er zu bedenken. „Hoffentlich wird sich dies in Zukunft ändern.“

Große Unterschiede zwischen den Zentren

Auch in dem Register haben die Ärzte ihre Entscheidung für oder gegen eine Aktivierung des Remote-Monitorings scheinbar von individuellen Patientencharakteristika abhängig gemacht. Jedenfalls wurde die Aktivierung häufiger bei Patienten mit eingeschränkter Auswurffraktion (30%) und bei Patienten mit Vorhofflimmern in der Vorgeschichte vorgenommen.  Nach Adjustierung auf das jeweils behandelte Zentrum war dieser Zusammenhang allerdings nicht mehr vorhanden. 

D 'Ancona  hält es deshalb für möglich, dass die endgültige Therapiestrategie eher von lokalen Gegebenheiten als von der klinischen Notwendigkeit abhängt. Die verfügbare Logistik, personelle Ressourcen sowie individuelle Vereinbarungen mit den Geräteherstellern könnten hierbei eine Rolle spielen, vermutet er. Für diese These spricht auch, dass in zwei Zentren mehr als die Hälfte aller in dem Register dokumentierten Aktivierungen vorgenommen wurden. Allerdings habe man aufgrund der geringen Zahl der aktivierten Devices keine eindeutige Assoziation zwischen Zentren-spezifischen Faktoren und der Zahl der genutzten Remote-Monitoring-Funktionen nachweisen können.

Technologie mit Potenzial

Trotz der fehlenden Evidenz für den Nutzen der Technologie hat die telemedizinische Fernnachsorge nach Ansicht von D 'Ancona  großes Potenzial, wenn sie denn richtig genutzt werde. „Wir glauben, dass unsere Ergebnisse eine gute Basis bieten können, die Qualität der Gesundheitsversorgung in Deutschland weiter zu verbessern.“  Potenzielle Vorteile der Telemedizin sind eine Reduzierung von Praxisbesuchen und Klinikeinweisungen, und dadurch eine Reduktion der Gesamtausgaben.

Zunächst müsse man aber die Einstellung der Ärzte gegenüber der Telemedizin und die Gründe für die geringe Verbreitung genauer untersuchen, ist D’Ancona überzeugt. Auf Basis dieser Erkenntnisse könne man dann Strategien entwerfen, die eine flächendeckende Anwendung erleichtern.

Breite Anwendung fördern, aber wie?

Bis dahin kann der Herzspezialist bloß spekulieren, wie sich Ärzte von der telemedizinischen Fernüberwachung überzeugen lassen. Die Bereitstellung von Personal und eine dezidierte Vergütung gemeinsam mit eindeutigen Leitlinienempfehlungen, die eine „intelligente“ Aktivierung befürworten, könnten hilfreich sein. Unstrittig ist jedenfalls, dass „jede medizinische Technologie ihren Preis hat.“ Daher müssten Investitionen getätigt werden, um die Effektivität der telemedizinischen Fernnachsorge optimieren und dadurch die erhoffte Reduktion der Gesundheitskosten erreichen zu können.

Bisherige Vergütung unzureichend

Tatsächlich gehe die telemedizinische Fernnachsorge über die normale Abrechenbarkeit und über die reine Zurverfügungstellung des Devices hinaus. Hier müsse man mit den Krankenkassen in einen konstruktiven Dialog gehen, fordert der Herzspezialist.

 „Als Ärzte haben wir eine ‚Gatekeeper-Funktion‘ für die intelligente und effektive Anwendung neuer Technologien.“ Doch solche Innovationen könnten nur richtig eingesetzt werden, wenn man weiß, wem sie wirklich nützen, und eine solche differenzierte Beurteilung sollte auf wissenschaftlichen Daten basieren, bekräftigt D 'Ancona.

Literatur