Nachrichten 04.02.2021

Herzinsuffizienz: Eignet sich der Strain zur Risikostratifizierung?

Oft werden Entscheidungen bei Herzinsuffizienz-Patienten auf Basis der Ejektionsfraktion getroffen. Die prognostische Aussagekraft der LVEF ist jedoch limitiert. Ein spezieller Echoparameter könnte zu einer besseren Einschätzung verhelfen.

Der Global Longitudinal Strain (GLS) ist ein immer populärer werdender echokardiografischer Parameter. Was ihn auszeichnet: Der GLS kann schon im subklinischem Stadium beginnende Myokardschäden aufdecken – auch dann, wenn klassische Echokardiografie-Parameter noch unverdächtig sind. 

Der GLS zeigt an, wie gut sich der linke Ventrikel in der Systole verkürzt, er ist ein Maß für die linksventrikuläre Globalfunktion. Dabei gilt: Je negativer der Strain, desto besser die Funktion und umgekehrt.

GLS schätzt Prognose womöglich besser ein als LVEF

Mainzer Wissenschaftler um Dr. Sven-Oliver Tröbs haben jetzt in einer großangelegten prospektiven Studie untersucht, ob der GLS bei jeglichen Herzinsuffizienz-Patienten eine prognostische Bedeutung hat.

„Es gibt zunehmende Evidenz, dass der GLS die Prognose von Patienten mit Herzinsuffizienz besser einschätzen kann als die LVEF“, erläutern die Kardiologen die Hintergründe.

Die Ergebnisse ihrer Studie MyoVasc legen nun nahe, dass der GLS tatsächlich das Zeug zum Prognosemarker hat. Bei 2.440 Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz wurde der echokardiografische Parameter bestimmt. Das gesamte Spektrum war vertreten, von asymptomatischen bis symptomatischen Patienten (Stadium A bis D), Patienten mit erhaltener LVEF wie reduzierter LVEF. Die sei damit die größte prospektive Studie, in welcher der GLS bei einer solch diversen Herzinsuffizienz-Patientenpopulation evaluiert worden ist, heben die Studienautoren als Besonderheit hervor.

GLS mit Erkrankungsschwere assoziiert…

Der erste Punkt, der den GLS als Prognoseparameter qualifiziert: Der Strainwert war mit der Erkrankungsschwere der Herzinsuffizienz assoziiert, gemessen am NT-proBNP. Je schlechter der Strain (also je positiver die Werte), desto höher waren die NT-proBNP-Konzentrationen, unabhängig von der NYHA-Klasse, funktionellen Parametern wie LVEF und E/E‘ und strukturellen Faktoren wie z.B. linksventrikulärer Masseindex (LVMi) und relativer Wanddicke (RWT) (p ˂ 0,001).

Bei den Patienten, die sich im Stadium A befanden, lag der GLS im Mittel noch bei –19,44%, im Stadium B verschlechtere dieser sich bereits auf –18,01% und im Stadium C/D lag er nur noch bei im Mittel –15,52%.

…und mit dem kardialen Sterberisiko

Das ausschlaggebende Kriterium traf ebenfalls zu: Der GLS ging während des Follow-up von gut drei Jahren mit einer erhöhten kardialen Sterblichkeit und Gesamtmortalität einher, unabhängig von der NYHA-Klasse, der Medikation, struktureller wie funktioneller Parameter, dem klinischen Profil der Patienten usw. Auch nach Adjustierung auf die NT-proBNP-Werte war der Echoparameter unabhängig mit der kardialen Mortalität assoziiert, nicht jedoch mit der Gesamtsterblichkeit.

Konkret: Verschlechterte sich der Strain um eine Standardabweichung, erhöhte sich Risiko für den Patienten, an einer kardialen Ursache zu versterben, um das 1,6-Fache an (Hazard Ratio; HR pro SD: 1,60; p= 0,02).

„Nützliches Tool zur Risikostratifizierung“

„Die Ergebnisse dieser Studie an Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz legen nahe, dass der GLS mit dem klinischen und kardialen Stadium assoziiert ist, die neurohormonale Aktivität widerspiegelt und mit der kardialen Sterblichkeit unabhängig vom klinischen und kardialen Stadium assoziiert ist“, fassen Tröbs und Kollegen ihre Ergebnisse zusammen. Nach Ansicht der Mainzer Kardiologen könnte der Echoparameter deshalb ein nützliches Tool darstellen, um die Risikostratifizierung für Patienten mit Herzinsuffizienz zu verbessern.

Eine Verschlechterung des Strains kam bei Männern, übergewichtigen Patienten, solchen mit erhöhten HbA1c, Vorhofflimmern, KHK oder einem zurückliegenden Infarkt vergleichsweise häufiger vor, all dies waren unabhängige Faktoren für einen höheren GLS (und damit einer schlechteren Kontraktionsfähigkeit des Ventrikels).

Die aktuelle Daten sind alle in der Universitätsmedizin Mainz erhoben worden. Und müssten deshalb noch an weiteren externen Kohorten validiert werden, geben die Studienautoren als Limitierung an.

Literatur

Tröbs SO et al. Association of Global Longitudinal Strain With Clinical Status and Mortality in Patients With Chronic Heart Failure; JAMA Cardiol. DOI:10.1001/jamacardio.2020.7184

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