Nachrichten 03.06.2020

„Kollateralschaden” der COVID-19-Pandemie: Infarktpatienten scheuen die Klinik

Viele Patienten mit schweren Herzinfarkten haben in Zeiten der COVID-19-Pandemie aus Furcht vor Ansteckung mit dem SARS-CoV-2-Virus nicht um Hilfe in Kliniken nachgesucht. Das legt eine weltweite Erhebung der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie nahe.

In vielen Ländern das gleiche Bild: Seit Beginn der COVID-19-Pandemie ist die Zahl der Klinikeinweisungen von Patienten mit ST-Hebungs-Myokardinfarkt (STEMI) deutlich zurückgegangen. Das ergab eine Auswertung elektronischer Fragebögen, die von der European Society of Cardiology (ESC) zwischen dem 16. und 26. April 2020 an in Kliniken tätige Ärzte und Pflegekräfte verschickt worden sind. 

Mehr als 3.000 Befragte gaben Auskunft

Von insgesamt 186.000 Adressaten schickten 3101 Befragte (1,7%) aus 141 Ländern ihre Antworten zurück und gaben darin ihren persönlichen Eindruck von der aktuellen Entwicklung bezüglich der Aufnahme von STEMI-Patienten an ihrer Klinik in Zeiten der COVID-19-Pandemie wider.

„Dies ist die bislang stärkste Evidenz für den durch die Pandemie verursachten Kollateralschaden. Die Angst vor einer Infektion mit dem Coronavirus hält selbst Menschen mit lebensbedrohendem akuten Herzinfarkt davon ab, für eine lebensrettende Behandlung in eine Klinik zu gehen“, konstatiert die amtierende ESC-Präsidentin Prof. Barbara Casadei aus Oxford in der ESC-Pressemitteilung anlässlich der  Studienpublikation. „Wir sind Zeugen eines unnötigen Verlustes von Menschenleben. Unser oberstes Ziel muss sein dies zu stoppen”, so Casadei. 

Deutlicher Rückgang bei den Klinikaufnahmen wegen STEMI

Von den durch die ESC Befragten, von denen die meisten aus Europa (58%) und Asien (23,7%) stammten, gaben rund 90% an, als Kardiologen tätig zu sein. Insgesamt herrschte bei knapp 80% aller Befragten der Eindruck vor, dass sich die Zahl der Klinikaufnahmen von STEMI-Patienten an ihren Kliniken oder Abteilungen seit Beginn der COVID-19-Pandemie substanziell verringert hatte.

Davon schätzten 65,5%, dass der Rückgang im Vergleich zu Normalzeiten mehr als 40% betragen habe. Im Schnitt betrug der Rückgang laut eingeholten Auskünften rund 50%. Dies stimmt weitgehend mit Ergebnissen inzwischen publizierter Analysen von Registerdaten überein. Nur 3% der Befragten gaben an, eine relative Zunahme von Klinikeinweisungen wegen STEMI registriert zu haben.

Zeitverzögerungen zum Nachteil der Patienten

Zudem berichteten 62,2% in ihren Antworten, dass viele STEMI-Patienten später als gewöhnlich in die Klinik gelangt seien. Nach Einschätzung von knapp 60% der Befragten seien mehr als 40% aller Patienten erst jenseits des optimalen Zeitfensters für eine Revaskularisation etwa mittel perkutaner Koronarintervention (PCI) aufgenommen worden.

Aus den Antworten geht auch hervor, dass die kardiologischen Abteilungen in den einzelnen Ländern in sehr unterschiedlichem Maß von Umstrukturierungsmaßnahmen zugunsten der Versorgung von COVID-19-Patienten an den Kliniken betroffen waren. So gaben 31,8% an, dass keine Veränderungen angefallen seien, während 54,9% über eine partielle und  13,3% über eine komplette Restrukturierung berichteten.

Literatur

Pessoa-Amorim G. et al.: Admission of patients with STEMI since the outbreak of the COVID-19 pandemic. A survey by the European Society of Cardiology. European Heart Journal - Quality of Care and Clinical Outcomes, qcaa046, https://doi.org/10.1093/ehjqcco/qcaa046

Pressemitteilung der ESC: Fear of COVID-19 keeping more than half of heart attack patients away from hospitals.  

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