Nachrichten 01.12.2021

Kein erhöhtes Herzinfarkt-Risiko nach COVID-19-Impfung

Es werden Gerüchte verbreitet, dass die mRNA-Impfung gegen COVID-19 das Risiko für ein akutes Koronarsyndrom erhöhe, befeuert wird dies u.a. durch ein fragwürdiges Abstract. In einer großen Studie hat sich diese Vermutung nun erneut als falsch herausgestellt.

Nach einer Impfung mit der BNT162b2-mRNA-Vakzine von BioNTech-Pfizer besteht kein erhöhtes Risiko, einen Herzinfarkt, Schlaganfall oder Lungenembolien zu erleiden. Die dahingehende Sicherheit des Impfstoffes hat sich in einer großen Studie aus Frankreich erneut bestätigt.

„In dieser landesweiten Studie aus Frankreich mit Personen in einem Alter von 75 Jahren oder älter wurde kein Anstieg der Inzidenzen von akuten Myokardinfarkten, Schlaganfällen oder Lungenembolien 14 Tage nach jeder BNT162b2-mRNA-Impfdosis detektiert“, berichten die Autoren um Prof. Marie Joelle Jabagi.

Gerüchte, dass die Impfung das ACS-Risiko erhöht

Zwar haben bereits Phase-3-Studien mit der Vakzine keine Anhaltspunkte für einen solchen Verdacht gegeben. Trotz allem verbreiten dubiose Seiten von Impfgegnern und Impfkritikern Gerüchte, dass das Risiko für ein akutes Koronarsyndrom (ACS) nach der mRNA-Impfung ansteige. Als Argument wird ein in Circulation von Prof. Steven Gundry publiziertes Abstract angebracht. Darin beschreibt der ehemalige US-amerikanische Herzchirurg einen „dramatischen Anstieg“ der Inflammation im Endothel und eine T-Zell-Infiltration in den Herzmuskel bei mit der mRNA-Vakzine geimpften Personen. Laut Gundry lässt sich daraus auf ein erhöhtes ACS-Risiko schließen. Dies könne die Beobachtung für den Anstieg von Thrombosen, Kardiomyopathien und anderer vaskulärer Ereignisse in Folge der Impfung erklären, behauptet er.

Fragwürdiges Abstract in Circulation 

Mehrere Aspekte aus diesem Abstract, welches Gundry im Übrigen alleine verfasst hat, muten jedoch seltsam an, weshalb die Fachzeitschrift kurz nach der Veröffentlichung reagiert und eine „expression of concern“ veröffentlicht hat. Es sei an das wissenschaftliche Komitee der American Heart Association herangetragen worden, dass „potenzielle Fehler in dem Abstract vorhanden sind“, heißt es darin. So gebe es typografische Fehler, die Daten bzgl. der myokardialen T-Zell-Infiltration fehlten, eine statistische Analyse zur Signifikanz sei nicht verfügbar und der Autor habe nicht klargemacht, dass lediglich anekdotische Daten verwendet worden seien. Dem Komitee zufolge deuten diese Ungereimtheiten, bis eine angemessene Korrektur des Abstracts vorliege, darauf hin, dass das Abstract in der derzeitigen Version womöglich nicht seriös ist.  

Große Kohortenstudie widerlegt Vermutung erneut

Die „Theorie“ eines durch die Impfung gesteigerten ACS-Risikos werden durch die aktuellen Studienergebnisse aus Frankreich erneut widerlegt. Jabagi und Kollegen haben alle verfügbaren Daten von 75-jährigen oder noch älteren Personen, die zwischen dem 15. Dezember und 30. April 2021 wegen eines akuten Infarktes, eines ischämischen oder hämorrhagischen Schlaganfalles oder wegen einer Lungenembolie in ein französisches Krankenhaus eingewiesen worden sind, ausgewertet; das waren insgesamt über 40.000 Ereignisse. Etwa die Hälfte der Patienten hatten zu diesem Zeitpunkt mindestens eine Dosis der BioNTech-Pfizer-Vakzine erhalten.

Im Sinne einer selbstkontrollierten Fallserie (SCCS) verglichen die Wissenschaftler das Risiko für das Auftreten eines solchen kardiovaskulären Ereignisses während der Exposition (Tag 1 bis 14 nach jeder Impfdosis) mit dem Risiko, außerhalb dieser Exposition-Zeiten ein entsprechendes Ereignis zu erleiden (Kontrollperiode). Diese statistische Analyse ergab keine Risikoerhöhung für die Zeit nach der Impfung, weder für einen Infarkt, noch für einen Schlaganfall oder eine Lungenembolie. Auch bei separater Betrachtung zweier Expositionsfester (1–8 und 8–14 Tage) ließ sich keine Risikoerhöhung feststellen.

Wie die französischen Wissenschaftler ausführen, sind israelische und US-amerikanische Studien bereits zu dem selben Schluss gekommen. Ihre Studie liefere nun weitere Evidenz für ältere Menschen, erläutern sie den Erkenntniszuwachs.

Literatur

Jabagi MJ et al. Myocardial Infarction, Stroke, and Pulmonary Embolism After BNT162b2 mRNA COVID-19 Vaccine in People Aged 75 Years or Older. JAMA. 2021. doi:10.1001/jama.2021.21699

Gundry SR: Abstract 10712: Mrna COVID Vaccines Dramatically Increase Endothelial Inflammatory Markers and ACS Risk as Measured by the PULS Cardiac Test: a Warning; Circulation. 2021;144:A10712; https://www.ahajournals.org/doi/10.1161/circ.144.suppl_1.10712 

American Heart Association: Expression of Concern: Abstract 10712: Mrna COVID Vaccines Dramatically Increase Endothelial Inflammatory Markers and ACS Risk as Measured by the PULS Cardiac Test: a Warning; Circulation 2021; https://doi.org/10.1161/CIR.0000000000001051 


Highlights

Was es 2021 in der Kardiologie Neues gab: Koronare Herzkrankheit

Zum Thema ischämische Herzerkrankungen gab es 2021 wieder viele Studien, von denen einige sicher Auswirkungen auf künftige Praxis-Leitlinien haben werden. Im Fokus stand dabei unter anderem erneut die antithrombotische Therapie nach akutem Koronarsyndrom und PCI.

Kardiologische Leitlinien kompakt

Leitlinien, Kommentare, Positionspapiere, Konsensuspapiere, Empfehlungen und Manuals der DGK

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

NSTEMI: Sterberisiko steigt, wenn Patienten zu spät kommen

Wenn STEMI-Patienten nicht sofort in ein Krankenhaus gebracht werden, sinken ihre Überlebenschancen beträchtlich – das ist allseits bekannt. Doch gilt das auch für NSTEMI-Patienten? Eine Frage, die seit der Pandemie an Relevanz gewonnen hat. Eine Registerstudie liefert dazu neue Erkenntnisse.

Typ-2-Herzinfarkt: Welche Risikofaktoren von Bedeutung sind

Welche Risikofaktoren für atherothrombotisch verursachte Typ-1-Herzinfarkte von Relevanz sind, ist gut untersucht. Dagegen ist das Wissen über Prädiktoren für die Entwicklung von Typ-2-Herzinfarkten noch sehr limitiert. Eine neue Studie liefert dazu nun einige Erkenntnisse.

Stadt-Land-Gefälle bei kardiovaskulärer Versorgung

Nicht nur in Deutschland gibt es große regionale Unterschiede, wenn es um die Gesundheitsversorgung vor Ort geht. Einer US-Studie zufolge kann sich das auf die Prognose kardiovaskulär erkrankter Patienten auswirken.

Aus der Kardiothek

Hätten Sie es erkannt?

Eine transthorakale Echokardiografie bei einer 65-jährigen zeigt eine auffällige Raumforderung. Welche Diagnose würden Sie stellen?

Hätten Sie es erkannt?

Koronarangiographie der linken Koronararterie (LAO 5°, CRAN 35°) bei einem Patienten mit NSTEMI nach biologischem Aortenklappenersatz am Vortag. Was ist zu sehen?

Hätten Sie es erkannt?

Ausschnitt einer Ergometrie eines 40-Jährigen Patienten mit gelegentlichem thorakalem Stechen. Was ist zu sehen?

Rückblick 2021/© momius / stock.adobe.com
Leitlinien/© DGK
Kardio-Quiz Dezember 2021/© Dr. med. Monique Tröbs und Felix Elsner, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Kardio-Quiz Oktober 2021/© L. Gaede, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Kardio-Quiz September 2021/© L. Anneken, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg