Nachrichten 10.11.2020

So hat sich die erste Corona-Welle auf die Herzinfarkt-Therapie in Europa ausgewirkt

Zu Beginn der Corona-Pandemie gab es in Europa offenbar deutliche Verzögerungen bei der Behandlung von Herzinfarkt-Patienten – und das blieb nicht folgenlos. 

Die COVID-19-Pandemie hat sich auf die Herzinfarkt-Versorgung in Europa offenbar stark ausgewirkt, und zwar in mehrerlei Hinsicht. Wie die Ergebnisse des großen multizentrischen ISACS-STEMI COVID-19-Registers zeigen, sind in europäischen Zentren während der ersten Corona-Welle deutlich weniger perkutane Koronarinterventionen (PCI) vorgenommen worden als im Vorjahr, konkret ist die Zahl um 18,9% hochsignifikant zurückgegangen (p˂ 0,0001).

Späterer Therapiebeginn

Darüber hinaus hat die Pandemiesituation offenbar den Behandlungsbeginn bei Patienten mit ST-Hebungsinfarkt (STEMI) verzögert: Die Door-to-Balloon-Zeit stieg signifikant an (im Mittel 36 Minuten [21–36] im Jahr 2020 vs. 34 Minuten [24–60] im Jahr 2019, p=0,007), ebenso wie die Gesamtischämiezeit (200 vs. 181 Minuten, p=0,004).

Dies könnte laut der Studienautoren um Dr. Giuseppe De Luca von der Università del Piemonte Orientale in Novara u.a. erklären, warum die intrahospitale Mortalität während der ersten COVID-Welle deutlich höher war als die Sterblichkeit im selben Zeitraum des Vorjahres: 6,8% versus 4,9% der STEMI-Patienten sind im Krankenhaus verstorben, ein Anstieg um 40% (Odds Ratio, OR: 1,41; p˂ 0,001). Extrem hoch war die Sterblichkeit bei den Patienten mit STEMI, die sich mit SARS-CoV-2 infiziert hatten, bei insgesamt 62 Patienten war das der Fall, davon verstarben 18, also mehr als jeder vierte.

Der Rückgang der PCI-Zahlen war allerdings nicht in allen Zentren gleich ausgeprägt, es habe eine starke Heterogenität gegeben, berichten die italienischen Kardiologen. In 39% der teilnehmenden Kliniken stellte sich die Abnahme als signifikant heraus.

Weniger PCIs, aber das war unabhängig von der COVID-Inzidenz

Insgesamt haben 77 High-Volumen-Zentren aus 18 verschiedenen Ländern in Europa an dem ISACS-STEMI COVID-19-Register teilgenommen, aus Deutschland dabei waren die Universitätsklinik der Ludwig-Maximilians-Universität in München und die Abteilung klinische und experimentelle interventionelle Kardiologie der Universität des Saarlandes. Viele Kliniken kamen aus Spanien, Italien und den Niederlanden. Verglichen wurden die PCI-Raten zwischen 1. März und 20. April diesen Jahres mit den retrospektiv gemeldeten Zahlen desselben Vorjahreszeitraumes. Gut 6.600 Patientendaten flossen in die Analyse ein. 

Die Autoren weisen allerdings darauf hin, dass der Rückgang an STEMI-Eingriffen weder mit der Anzahl an COVID-19-Fällen in der jeweiligen Region oder des Landes korrelierte noch mit den COVID-assoziierten Todesfällen. Die Heterogenität zwischen den Zentren lasse sich somit nicht mit der COVID-Inzidenz und auch nicht mit der COVID-assoziierten Mortalität erklären, betonen De Luca und Kollegen.

Eine konkrete alternative Erklärung haben die Wissenschaftler dafür nicht. Sie vermuten aber, dass lokale Unterschiede im Gesundheitswesen und in dem Management von kardiovaskulären bzw. COVID-Notfällen eine Rolle gespielt haben könnten. Darüber hinaus war das Phänomen, das Patienten mit Herzinfarkt-Beschwerden aus Sorge vor Ansteckung oder vor Überlastungen von den Krankenhäusern ferngeblieben sind, ebenfalls regional unterschiedlich stark ausgeprägt.

Patienten aufklären: Beschwerden nicht ignorieren

Die zögerliche Hilfesuche seitens der Patienten könnte laut der Kardiologen auch eine Ursache dafür sein, warum die STEMI-Behandlung während der ersten Corona-Welle oft später begonnen worden ist. Daneben könnten Verzögerungen in den Notaufnahmen ihrer Ansicht nach dazu beigetragen haben.  

Gerade mit Blick auf die aktuell kursierende zweite Corona-Welle machen diese Daten erneut deutlich, wie wichtig es ist, die Patienten aufzuklären. De Luca und Kollegen fordern deshalb Verantwortliche des Gesundheitswesens dazu auf, unterstützt von den Fachgesellschaften, intensive Bemühungen zu unternehmen, um Patienten davon abzuhalten, typischen Herzinfarkt-Beschwerden zu ignorieren.

Literatur

De Luca G et al. Impact of COVID-19 Pandemic on Mechanical Reperfusion for Patients With STEMI; J Am Coll Cardiol. 2020,76(20):2321–30

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