Nachrichten 09.02.2021

Wie stark leidet die Herzmedizin unter der Corona-Pandemie?

In der ersten Phase der COVID-Pandemie kamen weniger Herzinfarktpatienten in die Kliniken. Doch gibt es es tatsächlich einen kardiovaskulären Kollateralschaden? Beim DGKOnline2021 stellte Prof. Thiele die Sachlage dar und setzte sich für eine Optimierung der Krankenhausabläufe ein. 

In Zeiten von Corona gibt es oft keine eindeutigen Antworten. Und so scheint das auch bei der Frage nach potenziellen Kollateralschäden zu sein: Wie stark hat sich die Pandemie auf die Herzmedizin ausgewirkt und sind mehr Herzpatienten durch indirekte Effekte zu Tode gekommen als sonst?

„Gar nicht so einfach zu beantworten“

„Wenn man sich die Daten anschaut, ist das gar nicht so einfach zu beantworten“, bezog Prof. Holger Thiele Stellung. Beim DGKOnline2021-Kongress warf der Kardiologe von der Uniklinik Leipzig einen Blick auf die Studienlage und leitete daraus Konsequenzen für den Klinikalltag ab.

Fakt ist: Während der ersten Welle sind weniger Patienten wegen eines akuten Koronarsyndroms in den Krankenhäusern behandelt worden als in den Vorjahren. Dieses Phänomen wurde weltweit gesehen: in Italien, Österreich, Großbritannien, USA. Vor allem Klinikaufnahmen wegen Nicht-ST-Hebungsinfarkten sind zurückgegangen, je nach Land bis zu 40%. Für Deutschland sei eine solche Abnahme nicht dokumentiert worden, weil die Datenbasis fehle, so Thiele.

Spekuliert wird dagegen noch über die Ursachen für dieses Phänomen. Generell wird davon ausgegangen, dass viele Patienten aus Angst vor Ansteckung das Krankenhaus gemieden haben. Die mediale Fokussierung auf COVID-19 könnte zudem zur Folge gehabt haben, dass Patienten Luftnot und Brustschmerzen fälschlicherweise als COVID interpretiert haben. „Das war vielleicht nicht nur bei den Patienten der Fall, sondern auch bei den Ärzten“, vermutet Thiele. Des Weiteren verwies der Kardiologe auf die veränderte Wahrnehmung der Rettungsdienste und angepassten Abläufe im Krankenhaus – jeder Patient werde zunächst als potenzieller COVID-Erkrankter betrachtet.

Dokumentierte Verzögerungen in der ersten Welle

Sind die Patienten also nicht weniger geworden, sondern dem Krankenhaus ferngeblieben bzw. einfach später gekommen als sonst? Wie Thiele ausführte, gibt es Untersuchungen, die das nahelegen. Eine in der ersten Pandemie-Phase publizierte Studie aus China etwa zeigt, dass es bei der Versorgung von STEMI-Patienten zu massiven Verzögerungen gekommen ist. Ähnliches wird aus UK berichtet, einer Analyse zufolge haben Infarktpatienten in der ersten Pandemie-Phase viel häufiger erst Stunden später medizinische Hilfe in Anspruch genommen.

Einige Publikationen zeigen zudem eine Zunahme an prähospitalen Reanimationen. „Teilweise bis zu 60% mehr“, berichtete Thiele. Ob das an den COVID-Patienten selbst lag oder an Infarktpatienten, die zu lange gewartet haben, ist allerdings unklar. Für zweiteres spricht eine Analyse aus den UK, laut der speziell Reanimationen von akuten Infarkten zugenommen haben. 

In Deutschland offenbar nicht der Fall

Für Deutschland dagegen konnten in dem FITT-STEMI-Register keine Veränderungen der Zeitdauer vom Symptombeginn bis zum ersten medizinischen Kontakt nachgewiesen werden. „Vielleicht liegt das daran, dass wir in der ersten Welle noch relativ unbescholten davon gekommen sind“, erklärt sich Thiele das. Vielleicht liege es aber auch an dem im Register beteiligten gut ausgebauten Netzwerken, die in den entsprechenden Regionen intensiv tätig sind.

Dass die Patienten länger gewartet haben, dafür spricht die zumindest von vielen Ärzten wahrgenommene Zunahme an Myokardinfarkt-Spätkomplikationen, die in der heutigen Zeit normalerweise selten sind. In zahlreichen Fallberichten wurden über Ventrikelrupturen, Papillarmuskel-Abrisse, Rhythmusstörungen usw. berichtet. Belege aus großen Datenbanken habe es hierfür allerdings nicht gegeben, so Thiele.

Ist die kardiale Sterblichkeit angestiegen?

Die letztlich entscheidende Frage für die Beurteilung eines potenziellen Kollateralschadens ist: Hat sich die Pandemie auf die Überlebenschancen von Herzpatienten ausgewirkt? Wie Thiele betonte, ist die Datenlage hierzu „relativ heterogen“. In Italien habe es eine massive Zunahme der Krankenhaussterblichkeit bei Infarktpatienten gegeben. In einem großen europäischen Register war die adjustierte Sterblichkeit absolut um fast 2% höher.

Doch auch von dieser Zunahme scheint Deutschland laut dem FITT-STEMI-Register nicht betroffen zu sein. Demzufolge war die intrahospitalen Mortalität für STEMI-Patienten in der ersten Pandemie-Phase nicht höher als sonst. Problematisch an all diesen Studien ist Thiele zufolge, dass allein die Sterblichkeit im Krankenhaus erfasst wurde. Einen vollständigeren Eindruck könnten bevölkerungsbasierte Daten geben, die bemessen, wie viel Anteil an der Übersterblichkeit durch einen Anstieg an kardiovaskulären Todesfällen zu erklären ist.

Anstieg des Sterberisikos in Hessen

So betrachtet, hat es laut der CoVCAD-Studie während der ersten Welle tatsächlich einen Anstieg der kardialen und kardiovaskulären Sterblichkeit in Hessen gegeben: um 12% bzw. 8% im Vergleich zu 2019. Die Ergebnisse einer von der DGK, dem Herzzentrum Leipzig und dem Institut für Herzinfarktforschung initiierte Analyse stehen noch aus. Thiele, der an dieser Studie beteiligt ist, lässt bereits durchblicken, dass sich zumindest bei den Infarktpatienten, die im Krankenhaus behandelt worden sind, keine erhöhte Sterblichkeit feststellen ließ.

Einen generellen Anstieg der kardiovaskulären Sterblichkeit hält der Kardiologe aber trotz allem für wahrscheinlich. Auch deshalb, weil offenbar nicht nur Infarktpatienten die Kliniken gescheut haben, sondern auch andere herzkranke Patienten. So wurde ein starker Rückgang an Klinikaufnahmen wegen Herzinsuffizienz, Bluthochdruck, Rhythmusstörungen usw. verzeichnet.

Nicht alle „elektiven“ Eingriffe sind verschiebbar  

Nicht abschätzen lässt sich derzeit laut Thiele, inwieweit sich das Verschieben elektiver Eingriffe auf die kardiale Sterblichkeit ausgewirkt hat. Denn selbst elektive Eingriffe können dringlich sein, z.B. bei Patienten mit einer höhergradigen Aortenstenose. Wenn man in solchen Fällen eine TAVI verschiebe, könne das problematisch werden, betonte Thiele. Der Kardiologe appelliert deshalb, die Abläufe im Krankenhaus zu optimieren, „damit wir kardiovaskuläre Notfälle weiterhin optimale behandeln können“. 

Hilfreich hierbei könnte ein aktuell publiziertes Statement der European Association of Percutaneous Cardiovascular Interventions (EAPCI) zum Management elektiver Eingriffe während der Pandemie sein. Differenziert wird darin in dringliche, semi-dringliche und rein elektive Eingriffe, und daran wird die Notwendigkeit eines sofortigen Eingreifens bemessen.

„Nicht nur auf die Infektionskrankheit fokussieren“

Des Weiteren ist es Thiele zufolge wichtig, die Öffentlichkeit aufzuklären: Bei Beschwerden sollten Patienten sich medizinische Hilfe suchen. Der Fokus sollte nicht nur auf die Infektionskrankheit gelegt werden, betonte der Kardiologe. In der anschließenden Diskussion pflichtet Prof. Christoph Lübbert ihm in diesem Punkt bei: „Bitte nicht zu sehr auf Infektionskrankheiten fokussieren“, unterstreicht der am Klinikum St. Georg in Leipzig arbeitende Infektiologe Thieles Aussage. Denn andernfalls käme es zu einer Verschleppung von anderen Erkrankungen.  

Die Bedeutung kardiovaskulärer Erkrankungen für die Gesamtsterblichkeit in Deutschland veranschaulichte Thiele an folgenden Zahlen: Zum Zeitpunkt des Vortrages (26. Januar 2021) sind in den letzten 12 Monaten 140.000 Menschen in Deutschland an einer KHK verstorben, 70.000 an einem Herzinfarkt und 52.000 an COVID-19. Das soll keine Relativierung sein, stellte der Kardiologe klar. Aber es zeige, dass andere Erkrankungen nicht ohne Bedeutung sind, „und die müssen wir weiterhin behandeln“.


Info

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Literatur

Thiele H: COVID-19 und kardiovaskulärer Kollateralschaden – Gibt es einen?; vorgestellt am 26. Januar 2021 beim Kongress DGKOnline2021

Highlights

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DGK.Online 2021/© DGK
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Kardiale Computertomografie/© S. Achenbach (Medizinische Klinik 2 des Universitätsklinikums Erlangen)
Röntgen-Thorax/© PD Dr. med. Katharina Schöne, MediClinHerzzentrum Coswig
Kardiale Computertomographie/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen