Nachrichten 30.03.2021

COVID-19: Wie gefährdet sind Menschen mit angeborenen Herzfehlern?

Menschen mit gewissen Vorerkrankungen werden in Deutschland priorisiert geimpft. Doch was ist mit angeborenen Herzfehlern? Eine weltweite Erhebung hat das Risiko für Betroffene nun untersucht – und kommt zu einem unerwarteten Ergebnis.

Patienten mit angeborenen Herzfehlern haben per se kein höheres Risiko, an einer SARS-CoV-2-Infektion zu versterben, als die Allgemeinbevölkerung. So das Ergebnis einer weltweiten Erhebung.

Eine weitere wichtige Erkenntnis: Ausschlaggebend für die Gefährdung ist wohl weniger der Herzfehler an sich, sondern andere, davon unabhängige Risikofaktoren wie Diabetes, männliches Geschlecht und Übergewicht sowie physiologische Aspekte, die mit dem Herzfehler zu tun haben, wie das Vorliegen einer Zyanose (Sauerstoffsättigung ˂ 90%), pulmonaler Hypertonie, Nierenschwäche und vorausgegangenen Klinikeinweisungen wegen Herzinsuffizienz.

Komplexität des Herzfehlers wenig ausschlaggebend

„Wir haben herausgefunden, dass die Anwesenheit eines strukturellen kongenitalen Herzfehlers nicht notwendigerweise ein erhöhtes Risiko für Mortalität und Morbidität in Folge einer COVID-19-Infektion bedeutet“, fassen die Studienautoren um Prof. Craig Broberg ihre Ergebnisse zusammen.

Die aktuelle Analyse basiert auf weltweit erhobenen Daten von 1.044 Erwachsenen mit angeborenen Herzfehler (EMAH), die mit SARS-CoV-2 infiziert waren; 907 von ihnen hatten eine laborbestätigte Diagnose. 24 Patienten verstarben an den Folgen der Infektion.  

Fallsterblichkeit von 2,3%

Die Fallsterblichkeit liegt damit bei 2,3%, und ist laut der Autoren nicht höher als die der Allgemeinbevölkerung, die weltweit für 2,2% angegeben wird.

Allerdings waren die Patienten in dieser Studie im Schnitt gerade mal 35,1 Jahre alt. Und jüngere Menschen haben prinzipiell ein geringeres Sterberisiko durch COVID-19. In Deutschland liegt die Fallsterblichkeit in der Altersgruppe der 35–59-Jährigen laut den Zahlen des Robert-Koch-Institutes unter 0,3%, und somit deutlich niedriger als die in der aktuellen Studie. Die Autoren vermuten deshalb, dass das junge Alter der EMAH-Patienten ihnen einen gewissen Schutz geboten hat, und zum Teil die günstige Prognose erklären könnte.

Risiko hängt eher von anderen Faktoren ab

Wenn es zu einem schweren Verlauf gekommen ist, lagen bei den betroffenen Patienten neben dem Herzfehler häufig weitere bekannte COVID-Risikofaktoren vor. So wiesen sieben Verstorbene einen einfachen Herzfehler auf, sie waren aber alle an einem Diabetes erkrankt, waren übergewichtig und in einem Alter zwischen 42 und 85 Jahren. Zehn Verstorbene waren vor der Infektion zyanotisch, fünf von ihnen waren an einem Eisenmenger-Syndrom erkrankt. Zwei weitere Betroffene hatten eine pulmonalarterielle Hypertonie.

Das Risiko scheine somit mehr von physiologischen Faktoren als von der Komplexität des zugrunde liegenden anatomischen Defekts abzuhängen, schlussfolgert das internationale Autorenteam aus diesen Daten.

Als Beispiel: Angenommen ein Patient mit zurückliegender Fontan-Operation ist nicht zyanotisch und hat auch keine Herzinsuffizienz oder Herzrhythmusstörung, dann scheint sein Risiko für einen schweren COVID-19-Verlauf nicht höher zu sein als für jemanden ohne angeborenen Herzfehler, aber vergleichbaren Komorbiditäten. „Obwohl das viele Spezialisten für angeborene Herzfehler wahrscheinlich anders vorhergesagt hätten“, so Broberg und Kollegen.

Wer sollte priorisiert geimpft werden?

Was könnte dies nun für die Impfpriorisierung bedeuten? Die Autoren selbst äußern sich nicht dazu. Obwohl diese Frage derzeit vor vielem anderen steht, machen die beiden Kinderkardiologen Dr. Elisa Bradley und Dr. Omer Cavus in einem Editorial aufmerksam. „Unser Ziel ist es, Hochrisikopatienten auf ethisch verantwortungsvolle und datengetriebene Art und Weise zu schützen“, erläutern sie die Brisanz der aktuellen Daten. Ihrer Ansicht nach könnte es angesichts der gewonnenen Erkenntnisse angemessen sein, Erwachsene mit einem angeborenen Herzfehler zu priorisieren, wenn diese mindestens einen EMAH-spezifischen Risikofaktor für einen schweren COVID-19-Verlauf aufweisen. Zu diesen Risikofaktoren gehören demnach eine Zyanose, eine Anamnese einer klinisch relevanten Herzinsuffizienz, eine Hypoxie in Ruhe, ein fortgeschrittenes physiologisches Stadium und eine pulmonalarterielle Hypertonie (PAH).

Literatur

Broberg CS et al. COVID-19 in Adults With Congenital Heart Disease. J Am Coll Cardiol. 2021,77(13):1644–55

Bradley E, Omer C. ACHD-Specific Risk Factors for Severe COVID-19, J Am Coll Cardiol. 2021,77(13):1656–9

Robert Koch-Institut: COVID-19-Dashboard; Stand: 30.03.2021

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