Nachrichten 16.08.2021

COVID-19: Doch kein Risiko für dauerhafte Herzschäden?

Bei genesenen COVID-19-Patienten fanden sich in einer Studie aus Deutschland ziemlich häufig Auffälligkeiten im Kardio-MRT. Eine aktuelle Beobachtungsstudie ergibt nun ein anderes Bild. Die Autoren suchen nach Erklärungen für diese Diskrepanz.

Ein halbes Jahr nach einer moderat bis schwer verlaufenden SARS-CoV-2-Infektion ist offenbar nicht mit einem hohen Aufkommen von Herzschädigungen zu rechnen. In der prospektiven COVID MECH-Studie aus Norwegen fand sich nur bei 12 von insgesamt 58 Patienten (21%), die wegen einer COVID-19-Erkrankung in die Akershus Universitätsklinik eingewiesen werden mussten, ein pathologischer Befund im Kardio-MRT. Damit kamen entsprechende Auffälligkeiten nicht häufiger vor als in der Kontrollgruppe, die aus 32 gesunden Personen bestand.

Als abnormaler Befund definiert war eine linksventrikuläre Funktion (LVEF) unter 50% oder eine Myokardnarbe durch Nachweis eines Late Gadolinum Enhancement (LGE). Bei drei Patienten wurde der kardiale Befund als schwerwiegend eingestuft, entweder weil sie beides hatten, eine Myokardnarbe und einschränkte LVEF ˂ 50%, oder weil die LVEF stark einschränkt war (˂ 40%).

Deutsche Studie kam zu anderem Ergebnis

Damit stehen die aktuellen Ergebnisse im Gegensatz zu einer 2020 publizierten Untersuchung von Dr. Valentina Puntman und Kollegen. Die Frankfurter Studie hatte damals für ziemlichen Wirbel gesorgt, weil die Autoren bei 78% ihrer COVID-19-Patienten Auffälligkeiten im MRT feststellen konnten. In der Norwegischen Untersuchung sind entsprechende Befunde nun deutlich seltener. Wie sind derart diskrepante Ergebnissen zu erklären?

Bilden sich die Herzschäden zurück?

Die Autoren der aktuellen Analyse um Prof. Peder Myhre begründen das zum einen mit den unterschiedlichen Zeitpunkten, wann die MRT-Untersuchungen in den jeweiligen Studien vorgenommen worden sind. In der Frankfurter Studie wurden die Patienten im Mittel gut zwei Monate nach der Infektion zur MRT-Kontrolle einberufen. In der aktuellen Studie fand die Untersuchungen dagegen erst nach sechs Monaten statt. „Dies könnte darauf hindeuten, dass sich die kardiale Pathologie über die Zeit zurückbildet“, so Myhre und Kollegen. Serielle MRT-Untersuchungen, die nötig wären, um diese Annahme zu beweisen, hätten sie allerdings nicht gemacht, merken sie einschränkend an.

Als weitere Erklärung führen die Mediziner Unterschiede in den Baseline-Charakteristika der Patienten an. „Obwohl die Patienten in der Deutschen Studie jünger waren und frei von Herzinsuffizienz und Kardiomyopathien, waren andere Risikofaktoren für ein subklinische kardiales Remodeling wie Rauchen, chronische obstruktive Lungenerkrankung und koronare Herzkrankheit häufiger präsent“, erläutern sie ihre Vermutung.

MRT-Befunde womöglich eher auf Grunderkrankungen zurückzuführen

Die norwegischen Kardiologen vermuten zudem, dass vorbestehende subklinische Herzerkrankungen womöglich eine größere Rolle bei der Entstehung der MRT-Veränderungen im Herzen spielen könnten als die COVID-19-Erkrankung selbst. Ihre Annahme rührt daher, weil es in ihrer Studie keine Korrelation zwischen der Schwere der COVID-Erkrankung und dem Auftreten entsprechender Pathologien gegeben hat. Oder anders ausgedrückt: Patienten, bei denen sich abnormale Befunde im MRT nachweisen ließen, waren in der akuten Phase der Infektion nicht kränker als jene Patienten ohne einen solchen MRT-Nachweis, sie wurden nicht häufiger invasiv beatmet, verbrachten nicht längere Zeit im Krankenhaus oder hatten schlechtere Vitalzeichen. Auch die Viruslast oder die Konzentrationen inflammatorischer Biomarker korrelierten nicht mit der MRT-Pathologie sechs Monate später.

Haben die bei einigen der genesenen COVID-19-Patienten nachweisbaren Veränderungen im MRT also nur wenig mit der SARS-CoV-2-Infektion selbst zu tun? Auf den ersten Blick gegen diese Theorie spricht, dass die Patienten mit auffälligen MRT-Befunden signifikant höhere Troponin T (cTNT)- und NT-proBNP-Werte bei Klinikaufnahme aufwiesen als die anderen Patienten. Diese Assoziation verschwand allerdings, wenn auf demografische und bestehende kardiovaskuläre Erkrankungen adjustiert wurde, was die Norwegischen Kardiologen in ihrer Vermutung weiter bestärkt.

Aber: Mehr Myokardödeme nach akuter Herzbeteiligung

Doch ein Zusammenhang blieb selbst nach Adjustierung bestehen: Hohe cTnT-Werte während des Krankenhausaufenthaltes (also nicht nur zu Beginn) korrelierten mit sechs Monate später messbaren erhöhten T2-Zeiten im MRT. Diese Beobachtung könne implizieren, dass Patienten, die während der akuten Infektion einen Myokardschaden entwickeln, durch die Infektion ein erhöhtes Risiko für ein persistierendes Myokardödem davontragen, resümieren Myhre und Kollegen. Die klinische Relevanz dieser Assoziation sei allerdings noch unklar, fügen sie hinzu, und müsse in weiteren Studien untersucht werden, auch inwieweit sich dies auf die Inzidenz von Herzinsuffizienz und anderer klinischer Endpunkte auswirke.

Erst vor Kurzem ist im „Lancet“ eine Analyse veröffentlicht worden, die andeutet, dass das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle nach durchgemachter SARS-CoV-2-Infektion erhöht ist. Es bleibt nun abzuwarten, zu welchem Schluss andere Studien kommen werden.

Literatur

Myhre P et al. Cardiac Pathology 6 Months after Hospitalization for COVID-19 and Association with the Acute Disease Severity: Cardiac MRI 6 months after COVID 19. American Heart Journal 2021; https://doi.org/10.1016/j.ahj.2021.08.001

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